SZ

Handwerk in fünfter Generation
Mit dem Schornsteinfeger in Siegen unterwegs

Bestes Wetter zum Fegen: Philipp Gottwald lässt ein langes Seil mit Drahtigel, den sogenannten Kugelschlagapparat, in den Schornstein, um Ablagerungen und Rußpartikel zu lösen. „Ansonsten droht ein Kaminbrand“, erklärt der 27 Jahre alte Siegener.
  • Bestes Wetter zum Fegen: Philipp Gottwald lässt ein langes Seil mit Drahtigel, den sogenannten Kugelschlagapparat, in den Schornstein, um Ablagerungen und Rußpartikel zu lösen. „Ansonsten droht ein Kaminbrand“, erklärt der 27 Jahre alte Siegener.
  • Foto: Foto: ap
  • hochgeladen von Christian Völkel

ap Siegen. Mit Kamera, Kernbohrgerät und Kehrbürste macht sich Philipp Gottwald auf den Weg zu seinem ersten Kunden. Auf dem Kopf trägt er einen schwarzen Zylinder, auf der rechten Schulter ein gebogenes Eisen. „Eines meiner ältesten Werkzeuge“, verrät der Siegener und führt es gleich vor. Sein Ur-Ur-Opa hat damit bereits den Ruß aus den Räucherkammern gekratzt – und dabei genau denselben Hut getragen. Aber nicht nur die Montur hat bei den Gottwalds Tradition: Schon in der fünften Generation betreibt der 27-Jährige den alten Handwerksberuf.

Breit aufgestellt
„Ich stand mit fünf Jahren das erste Mal auf dem Dach“, erinnert sich der Schornsteinfegermeister, der mittlerweile breit aufgestellt ist.

ap Siegen. Mit Kamera, Kernbohrgerät und Kehrbürste macht sich Philipp Gottwald auf den Weg zu seinem ersten Kunden. Auf dem Kopf trägt er einen schwarzen Zylinder, auf der rechten Schulter ein gebogenes Eisen. „Eines meiner ältesten Werkzeuge“, verrät der Siegener und führt es gleich vor. Sein Ur-Ur-Opa hat damit bereits den Ruß aus den Räucherkammern gekratzt – und dabei genau denselben Hut getragen. Aber nicht nur die Montur hat bei den Gottwalds Tradition: Schon in der fünften Generation betreibt der 27-Jährige den alten Handwerksberuf.

Breit aufgestellt

„Ich stand mit fünf Jahren das erste Mal auf dem Dach“, erinnert sich der Schornsteinfegermeister, der mittlerweile breit aufgestellt ist. Auf dualem Wege studiert er nebenbei Wirtschaftsingenieurwesen und ist außerdem als selbstständiger Energieberater tätig. In seiner Branche müsse man vorausdenken, sagt er. „Wenn in ein paar Jahren keine fossilen Stoffe mehr verbrannt werden dürfen, dann ist unser Beruf vielleicht irgendwann überflüssig.“ Doch daran hat der Siegener als Kind noch nicht gedacht. „Ein anderer Beruf kam für mich nie in Frage“, versichert Gottwald – und das, obwohl er bei Wind und Wetter auf und unter die Dächer klettern muss. Doch heute hat er Glück: Es ist trocken und unerwartet warm – perfektes Wetter zum Fegen.

Spontan geht auch

Ganz spontan und ohne Termin steht er vor der Tür eines Mehrfamilienhauses am Giersberg. „Irgendeiner ist immer zu Hause“, so hat es ihn seine Erfahrung gelehrt. Und tatsächlich: Man öffnet ihm die Tür und er geht hoch aufs Dach. Die Heizungsanlage und Feuermelder hat er schon vor ein paar Wochen kontrolliert. Auch das gehöre zu seinem Beruf dazu, betont Gottwald und lässt dabei ein langes Seil mit einem Drahtigel – den sogenannten Kugelschlagapparat – in den verschieferten Schornstein. „Damit bekommt man Ruß und Spinnweben aus dem Rohr“, erklärt der 27-Jährige. Mindestens zwei Mal im Jahr müsse das gründlich gemacht werden. „Durch Ablagerungen können die Abgase nicht mehr richtig abziehen.“ Und das könne schnell – und oftmals auch ohne Vorwarnung – zu einem Kaminbrand führen.

Gegen den Kaminbrand

Aber auch falsches Heizen sei „brandgefährlich“, warnt der Schornsteinfegermeister. Weder zu nasses Holz, noch ein alter, zersägter Kleiderschrank hätten im Ofen etwas zu suchen. „Und das Feuer sollte man nicht mit Benzin anzünden“, lautet der eindringliche Appell des Fachmanns. Er spricht aus Erfahrung. „Das habe ich alles schon erlebt.“ Allein in diesem Jahr musste er bereits vier Kaminbrände bekämpfen. „Früher sind dadurch ganze Dörfer abgebrannt“, weiß Gottwald. Erst nachdem der Beruf des Kaminkehrers eingeführt wurde, seien die Brände deutlich seltener geworden. Der (Aber-)Glaube, dass Schornsteinfeger Glücksbringer sind, gründe genau auf diesem Gedanken. Für die Bewohner brachten sie Sicherheit und damit Glück ins Haus – und dieser Glaube habe sich bei vielen bis heute gehalten.

Sicherheit bedeutet Glück

„Wenn ich Ihnen begegne, kann mir ja heute nichts mehr passieren“ – das hört Philipp Gottwald, der nach eigenen Angaben nicht mehr Glück hat als andere Menschen auch, beinahe täglich. „Ich hatte mal einen Kunden in Eisern, der ist mir förmlich vors Auto gesprungen“, erinnert sich der Schornsteinfegermeister. Kaum zu glauben, aber wahr: Just an diesem Tag gewann der Mann 10 000 Euro mit Rubellosen. „Abgegeben hat er mir aber nichts“, verrät Gottwald und zieht dabei langsam das Drahtseil aus dem Schornstein, um es danach sorgfältig über seiner Schulter aufzuwickeln. Auch hier konnte er heute Schlimmeres verhindern. Der 27-Jährige hat neben etlichen Vogelbabys auch schon einen Uhu und sogar eine lebende Katze aus dem Schornstein geborgen. Doch auch vor und in den Häusern erlebt der Handwerker hin und wieder ungewöhnliche Dinge.
Von Drogenfunden im Kaminrohr über aufgedeckte Affären sei schon so gut wie alles dabei gewesen. Natürlich behandele er solche Informationen immer diskret, versichert der Schornsteinfeger mit einem verschmitzten Lächeln im Gesicht. Zu vielen seiner rund 2500 Kunden hat er sich so über die Jahre ein freundschaftliches Verhältnis aufgebaut. „Mal hier und da ein Schwätzchen zu halten – das gehört einfach dazu“, findet Gottwald. Bei einer Kundin isst er nach getaner Arbeit sogar hin und wieder zu Mittag. „Weil die Rouladen so lecker sind“, verrät er. Doch an diesem Tag hat der 27 Jahre alte Siegener keine Zeit für eine ausgiebige Pause. Der nächste Termin wartet schon.

Autor:

Alexandra Pfeifer

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

Eine/r folgt diesem Profil

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen