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Ein Selbstversuch
Mit den "Öffis" durchs Siegerland

Ein Blick auf die Anzeigetafel genügt, und Sarah weiß, welche Haltestelle die richtige ist.
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sp/sos Siegen. Bus und Bahn zu fahren, gilt als besonders umweltfreundlich und zudem als praktisch, um die Parkplatzsuche und das Gedränge auf überfüllten Straßen zu vermeiden. Gerne wird geworben mit einem stressfreien und entspannten Fahren. Aber wie angenehm, schnell und einfach ist das Fahren mit dem ÖPNV im Vergleich zum Auto? Das wollen wir ausprobieren. Ins nördliche Siegerland soll die Fahrt gehen: ein kurzer Ausflug zur Obernautalsperre und dann zum Hilchenbacher Marktplatz. Was bereits im Vorfeld klar ist: Für die Fahrt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln braucht es deutlich mehr Zeit; ein Wettkampf ist deswegen nicht das Ansinnen. Vielmehr geht es darum, die Pros und Kontras, die sich in diesem Zuge vielleicht ergeben, herauszustellen.

sp/sos Siegen. Bus und Bahn zu fahren, gilt als besonders umweltfreundlich und zudem als praktisch, um die Parkplatzsuche und das Gedränge auf überfüllten Straßen zu vermeiden. Gerne wird geworben mit einem stressfreien und entspannten Fahren. Aber wie angenehm, schnell und einfach ist das Fahren mit dem ÖPNV im Vergleich zum Auto? Das wollen wir ausprobieren. Ins nördliche Siegerland soll die Fahrt gehen: ein kurzer Ausflug zur Obernautalsperre und dann zum Hilchenbacher Marktplatz. Was bereits im Vorfeld klar ist: Für die Fahrt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln braucht es deutlich mehr Zeit; ein Wettkampf ist deswegen nicht das Ansinnen. Vielmehr geht es darum, die Pros und Kontras, die sich in diesem Zuge vielleicht ergeben, herauszustellen. Am Ende entscheidet ohnehin jeder selbst, ob und wann er die „Öffis“ nutzen möchte – abhängig von der aktuellen Lebenssituation und dem finanziellen Rahmen.

Sarah: Wie ein kleines Kind, das zum ersten Mal mit dem Bus zur Schule fährt, fühle ich mich, als ich den Selbstversuch starte.   

Ein Blick auf die Anzeigetafel genügt, und Sarah weiß, welche Haltestelle die richtige ist.

Sonja: 15.10 Uhr: „Man weiß doch, wie man nach Netphen kommt“, sagt der junge Mann mit großen Augen. Sarah schaut sich noch einmal die Strecke auf dem Handy an, sucht die richtige Haltestelle. Wir fahren eher mit dem Auto, erklären wir ihm. Auch das versteht er nicht: „Mit dem Bus lernt man doch mal andere Strecken kennen“, freut sich der Mann, der selbst gerne zum Zeitvertreib mit dem Bus fährt, wie er sagt. Da ist was dran.

Nicht alle Fragen konnte der Busfahrer Sarah beantworten, ein Ticket hat sie trotzdem bekommen.

Sarah: 15.20 Uhr: Am Siegener Hauptbahnhof finde ich schnell die Haltebucht, von der die R 16 abfährt. Die Abfahrt verzögert sich um drei Minuten, wahrscheinlich, weil ich dem Busfahrer Fragen stelle. Ich will wissen, ob ich ein Ticket bis zu meinem Zielort bezahlen kann. Er versteht mich nicht, entschuldigt sich. Er sei neu und spreche kaum Deutsch. Ich kaufe das Ticket, 4 Euro. Unangenehm ist die Maske, die aus aktuellem Anlass getragen werden muss. Auf der anderen Seite bin ich froh. Ich erinnere mich an ein „Kindheitstrauma“, als ich einen Mann dabei beobachtete, wie er in seine Handfläche nieste und seine Hand zurück zur Stange führte. Masken im Bus sind also vielleicht nicht die schlechteste Idee. Der Busfahrer weist mich darauf hin, dass die nächste Station meine ist – nett von ihm!

Sonja: 15.47 Uhr:Als ich den Giersberg hinunter in Richtung Dreis-Tiefenbach rolle, ist ein Bus vor mir. Die Ampel springt auf Rot. „Das hätten wir locker geschafft“, denke ich genervt. Dann stelle ich fest, dass ich ohnehin vor Sarah an der Obernautalsperre ankommen werde, also keine Eile. Abgesehen von zwei extrem langsamen Radfahrern, an denen ich zunächst nicht vorbeikomme, läuft alles wie am Schnürchen.

Sarah wartet an der Haltestelle "Obernetphen Kirche" auf den Bus, der sie nach Brauersdorf bringen soll.
  • Sarah wartet an der Haltestelle "Obernetphen Kirche" auf den Bus, der sie nach Brauersdorf bringen soll.
  • Foto: sp
  • hochgeladen von Sonja Schweisfurth (Redakteurin)

Sarah: 15.59 Uhr: Vier Minuten habe ich Zeit, um die Haltestelle „Obernetphen Kirche“ zu finden. Der Name hilft, ich sehe die Kirche und die Haltestelle. Ich frage die Busfahrerin der L 126, was ich eigentlich schon von Beginn an wissen wollte. Darf ich das gleiche Ticket nehmen? „Ja“, sagt sie, es werde nach Gebieten abgerechnet. An der Haltestelle „Auf dem Boden“ steige ich aus, ich war die einzige im Bus, er setzt die Strecke ohne Fahrgäste fort.

Sonja: 16 Uhr:Auf dem Parkplatz der Talsperre angekommen, laufe ich Sarah ein Stück entgegen, zehn Minuten später schlurft sie den Berg rauf – mit dem großen Wunsch nach etwas Süßem. Ich hatte während der Fahrt noch eine Schnitte Brot verputzt – apropos, das Auto müsste noch mal gesaugt werden –, könnte mich aber mit einem Cappuccino anfreunden. Ein kurzer Gang zur Talsperre, dann geht’s ins Restaurant.

Von der Haltestelle aus muss Sarah den Berg zur Obernautalsperre "erklimmen".

Sarah: 16.23 Uhr: Nach einem Fußweg von etwa zehn Minuten komme ich am Parkplatz an der Obernautalsperre an. Und ich greife gleich zum Handy, denn für den Rückweg muss ich mindestens 45 Minuten vorher telefonisch einen Taxibus bestellen. Spontan länger bleiben ist also schwierig. Eine freundliche Frauenstimme fragt mich, wo ich abfahren und ankommen will und zu welcher Uhrzeit. Gepäck habe ich keins, ich fahre alleine, und 1,80 Euro soll ich zahlen. „Dann wünsche ich Ihnen eine gute Fahrt.“ – Danke.

Sonja: 16.40 Uhr: Während ich mich zurücklehne, lugt Sarah ständig auf die Uhr. Ob sie den Kuchen rechtzeitig aufgegessen haben wird? Schließlich muss sie noch zur Bushaltestelle laufen. Wir beschließen, dass ich sie bis dahin mitnehme.

45 Minuten vorher bereits telefonisch bestellt: der Taxibus. Er bringt Sarah von Brauersdorf nach Netphen.
  • 45 Minuten vorher bereits telefonisch bestellt: der Taxibus. Er bringt Sarah von Brauersdorf nach Netphen.
  • Foto: sos
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Sarah: 17.35 Uhr: Der bestellte Taxibus ist drei Minuten früher da. Der Fahrer ist freundlich, erzählt mir, was sich durch Corona alles verändert hat. Leider verstehe ich nicht alles, eine Plexiglas-Scheibe hängt zwischen uns, er trägt einen Mundschutz, und zwischendurch knackt das Funkgerät. Schade, gerne hätte ich mich mit ihm über die Situation unterhalten.

Währenddessen fährt Sonja in einem durch nach Hilchenbach.

Sonja: 17.35 Uhr: Ich mache mich auf den Weg nach Hilchenbach – wohlwissend, dass ich nach etwa einer viertel Stunde am Ziel sein werde, während Sarah viermal so lang unterwegs sein wird.

Sarah: 17.42 Uhr: Ich bin an der Haltestelle „Brücke“ in Netphen. Ich warte ein paar Minuten. Um 17.58 Uhr kommt der Bus nach Weidenau, ich steige ein, zahle wieder 4 Euro. Langsam ahne ich, dass es vielleicht eine günstigere Alternative gegeben hätte, zum Beispiel eine Tageskarte. Bei meinen Vorbereitungen hatte ich mich in erster Linie damit befasst, die richtigen Verbindungen herauszusuchen. Ich bin überrascht, wie leer die R 16 ist, die auch an der Uni vorbeifährt – das wäre in Nicht-Coronazeiten wahrscheinlich anders.

Um kurz vor 18 Uhr kommt Sonja auf dem Marktplatz in Hilchenbach an. Bis Sarah kommt, dauert es noch eine Stunde.
  • Um kurz vor 18 Uhr kommt Sonja auf dem Marktplatz in Hilchenbach an. Bis Sarah kommt, dauert es noch eine Stunde.
  • Foto: sos
  • hochgeladen von Sonja Schweisfurth (Redakteurin)

Sonja: 17.55 Uhr:Ankunft auf dem Hilchenbacher Marktplatz. Zum Zeitvertreib bringe ich die Pfandflaschen weg, die seit einigen Tagen im Kofferraum klappern. Und jetzt? Weil ich schon fast Zuhause bin, schaue ich dort vorbei und rechne grob aus, dass mich die Strecke keine 3,50 Euro gekostet hat, inklusive Verschleiß.

Sarah: 18.13 Uhr: Pünktlich komme ich am Bahnhof in Weidenau an. Ich weiß, dass ich mich beeilen muss. Drei Minuten habe ich Zeit, dann kommt der Zug, der mich nach Hilchenbach bringen soll. Ich renne zum Bahnhofsgebäude. Wo ist der Ticketautomat? Ich finde ihn, wähle mein Ziel, wieder 4 Euro. Schnell nehme ich mein Rückgeld, laufe zügig zu den Gleisen. Zum Glück gibt es nur zwei. Nur ein paar Sekunden vergehen. Der Zug kommt. Eine ganz schön knappe Geschichte. Ich steige ein und in Kreuztal wieder aus. Und zwischendurch kontrolliere ich nervös, ob ich nichts liegen gelassen habe: Handy, Schirm oder Jacke.

Sarah: 18.24 Uhr: Ich bin am Bahnhof in Kreuztal, versuche die Haltestelle für meinen Bus nach Hilchenbach zu finden. Ein Bus fährt ein, der „Hilchenbach“ als Ziel hat. Der Busfahrer empfiehlt mir, in der Stadtmitte auszusteigen und den Rest zu laufen. Das sei schneller. Es ist recht ruhig im Bus, Gespräche werden kaum geführt. Der Fahrer macht eine Ansage durch das Mikrofon. „Setzen Sie bitte die Maske richtig auf“, ermahnt er ein paar Fahrgäste. Kurz bevor ich aussteigen muss, ruft der Busfahrer mir zu, welche Straße ich zum Markt nehmen muss. 

Sonja: 18.57 Uhr:Sarah meldet sich; sie ist fast da. Schnell springe ich ins Auto und fahre auf den Markt, wo sie auf mich wartet. „Ich bin so müde“, sagt sie. Die vielen Eindrücke müsse sie erst mal verarbeiten. Das kann ich von mir nicht behaupten. Meine Fahrt ging schnell und war komfortabel – erlebt habe ich allerdings nichts.

Sarah: 19 Uhr: Keine zwei Minuten, dann habe ich es geschafft. Mit dem Läuten der Kirchglocken bin ich angekommen. Endlich! Mir wird bewusst, dass ich für die Fahrten satte 17,80 Euro bezahlt habe.

Autor:

Redaktion Siegen aus Siegen

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