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Welttag des Sehens
Mit der sehbehinderten Anja Braun-Pfeiffer in Siegen unterwegs

Die sehbehinderte Anja Braun-Pfeiffer tastet sich mit ihrem Blindenstock durch die City - und weist auf Missstände hin.
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  • Die sehbehinderte Anja Braun-Pfeiffer tastet sich mit ihrem Blindenstock durch die City - und weist auf Missstände hin.
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ap Siegen. Ein wenig unsicher steigt Anja Braun-Pfeiffer aus dem Bus, sie muss sich erst einmal orientieren. Nicht, weil sie die Siegener Innenstadt nicht kennt, die Geisweiderin kommt schließlich ganz aus der Nähe. Aber sie kann die Stadt mit ihren Wegen, Abbiegungen, Kanten und Häuserecken nicht sehen, sie ist stark sehbehindert, nimmt nur noch starke Hell-Dunkel-Kontraste wahr.

„Hier gibt es viele unterschiedliche Untergründe. Aber leider kein allumfassendes Leitsystem als solches“, erklärt die 36-Jährige, während sie mit ihrem Langstock die Umgebung in der Siegener City ertastet. Worauf die genoppten Pflastersteine unter ihren Füßen hinweisen sollen, weiß die Sehbehinderte so nicht einzuschätzen.

ap Siegen. Ein wenig unsicher steigt Anja Braun-Pfeiffer aus dem Bus, sie muss sich erst einmal orientieren. Nicht, weil sie die Siegener Innenstadt nicht kennt, die Geisweiderin kommt schließlich ganz aus der Nähe. Aber sie kann die Stadt mit ihren Wegen, Abbiegungen, Kanten und Häuserecken nicht sehen, sie ist stark sehbehindert, nimmt nur noch starke Hell-Dunkel-Kontraste wahr.

„Hier gibt es viele unterschiedliche Untergründe. Aber leider kein allumfassendes Leitsystem als solches“, erklärt die 36-Jährige, während sie mit ihrem Langstock die Umgebung in der Siegener City ertastet. Worauf die genoppten Pflastersteine unter ihren Füßen hinweisen sollen, weiß die Sehbehinderte so nicht einzuschätzen. Einzig und allein ihr geografisches Gedächtnis führt sie sicher vom (bekannten) ZOB in Richtung Innenstadt.

Bodenleitsystem in Siegen: Rillenspur häufig unterbrochen

„Oft fängt ein Bodenleitsystem einfach irgendwo an und führt nur zu bestimmten Punkten“, erzählt die alleinerziehende Mutter, die oft auf sich allein gestellt ist. Die Rillenspur auf der Bahnhofstraße zeigt ihr, wo sie sicher geradeaus gehen kann. Zumindest in der Theorie. Denn manchmal blockiert das eine oder andere (Stuhl-)Bein die dunkelgraue Linie. Oder eine Mülltonne. Zuweilen auch ein Auto. „Jedes noch so gute Leitsystem steht und fällt damit, ob den betroffenen Leuten klar ist, dass es eines ist“, betont Braun-Pfeiffer.

„Hier gibt es viele unterschiedliche Untergründe. Aber leider kein allumfassendes Leitsystem als solches“, erklärt Anja Braun-Pfeiffer, während sie mit ihrem Langstock die Umgebung in der Siegener City ertastet.
  • „Hier gibt es viele unterschiedliche Untergründe. Aber leider kein allumfassendes Leitsystem als solches“, erklärt Anja Braun-Pfeiffer, während sie mit ihrem Langstock die Umgebung in der Siegener City ertastet.
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Während das Sinnbild „Rollstuhlfahrer“ bei Parkplätzen allgemein bekannt sei, nehmen (sehende) Menschen taktile Bodenleitsysteme häufig nicht ausreichend wahr, bemängelt außerdem der Siegener Beirat für Menschen mit Behinderung. Oftmals glaubten Fußgänger tatsächlich, Bodenindikatoren seien reine Verschönerungselemente. Oder halt gestylte Wasserrinnen für die City. Genau darauf weist die Stadt Siegen hin: „Gerade die Rücksichtnahme ist aktuell der größte Handlungsbedarf. Hier muss fortwährend aufgeklärt und sensibilisiert werden.“ Ja, genau das hat sich Anja Braun-Pfeiffer auf die Fahne geschrieben.

Bodenleitsystem in Siegen: Auf Ampeln kein Verlass

Weiter geht der Stadtrundgang mit dem Blindenstock im Anschlag: „Ich stehe jetzt irgendwo im Nirgendwo“, sagt sie ein paar Meter weiter, während sie versucht, sich auf der Bahnhofstraßenbrücke nahe dem „Extrablatt“ mit Hilfe ihres Stocks zurechtzufinden. Das viereckige Aufmerksamkeitsfeld mit Noppen zeigt ihr zwar eine Richtungsänderung an, doch wieso der Weg nicht mehr weiter geradeaus und nur noch zur Seite führt, erschließt sich der Sehbehinderten an dieser Stelle nicht. Mit einem großen Bogen geht es vorbei an Henner und Frieder in Richtung Unteres Schloss.

Gefühlt alle fünf Meter wird das Leitsystem von einem Gullydeckel unterbrochen. Ein wahrer Stocktöter!
Anja Braun-Pfeiffer
über den Leitstreifen in die Siegener Oberstadt

An der Sandstraße angekommen, weist eine abgesenkte Bordsteinkante auf die (un)gesicherte Überquerungsmöglichkeit hin. Auf das (akustische) grüne Licht der Ampel kann sich die 36-Jährige jedoch nicht verlassen. Ähnliche Erfahrungen hat sie bereits auf dem Weg zum Geisweider Bahnhof gemacht, erzählt sie. Der ist für Blinde nämlich sozusagen gar nicht vorhanden. Keine tickende Verkehrsampel und auch keine Bodenplatte, die leitet, warnt oder stoppt. Also muss sich die gehandicapte Mutter von zwei Kindern beim Überqueren auf ihr Gefühl, ihr Gehör und den stehenden Verkehr verlassen.

Bodenleitsystem in Siegen: Stadt sieht kein Problem

Bei der neuen Bepflasterung in die Oberstadt ist – wie bei fast allen städtischen Neu- und Umbaumaßnahmen – ein taktiler und kontrastierter Leitstreifen mitgebaut worden, ein gutes Hilfsmittel. Anja Braun-Pfeiffer mit ihrem Hell-Dunkel-Sehrest kann den Weg sogar schemenhaft erkennen.

Alle paar Meter bleibt Anja Braun-Pfeiffer mit ihrem Blindenstock zwischen den Gitterstäben stecken. Dabei soll die Leitlinie ihr eigentlich zu mehr Sicherheit verhelfen. „Es gibt noch viel zu tun“, betont die Vertreterin des Blinden- und Sehbehindertenverein Westfalen (Bezirksgruppe Wittgenstein).
  • Alle paar Meter bleibt Anja Braun-Pfeiffer mit ihrem Blindenstock zwischen den Gitterstäben stecken. Dabei soll die Leitlinie ihr eigentlich zu mehr Sicherheit verhelfen. „Es gibt noch viel zu tun“, betont die Vertreterin des Blinden- und Sehbehindertenverein Westfalen (Bezirksgruppe Wittgenstein).
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Leider ist die Umsetzung aus ihrer Sicht nicht ganz optimal umgesetzt worden. Weil: „Gefühlt alle fünf Meter wird das Leitsystem von einem Gullydeckel unterbrochen“, kritisiert die 36 Jahre alte Geisweiderin. Die weiße Kugel ihres Taststocks bleibt darin ständig stecken. Ein wahrer „Stocktöter“, drückt sie es sehr drastisch und treffend aus.

Die Stadt kann kein Problem erkennen: Das System sei bei der Sanierung mit dem damaligen Behindertenbeauftragten Rainer Damerius abgestimmt worden. Zudem seien die Gullys nicht im Leitsystem, sondern in der Entwässerungsrinne angebracht worden – das Blindenleitsystem in der Kölner Straße verlaufe jedoch jeweils rechts und links davon. „Durch die beidseitige Anlage des taktilen Elementes ist sichergestellt, dass Sehbeeinträchtigte nicht durch die Entwässerungsrinne laufen müssen, sondern immer die Möglichkeit haben, trockenen Fußes auf oder neben den taktilen Elementen laufen zu können.“

Heute ist Tag des weißen StocksDie Woche des Sehens ist eine bundesweite Aufklärungskampagne, die seit dem Jahr 2002 jährlich im Oktober stattfindet und zwei Aktionstage einschließt: den Welttag des Sehens (14. Oktober) und den internationalen Tag des weißen Stocks, der am Freitag stattfindet. Dabei fordern blinde und sehbehinderte Menschen zu mehr Rücksicht auf und weisen dabei auf die Bedeutung von Bodenleitsystemen hin. Das Motto: „Bitte Weg frei!“

In der Praxis scheitert es aber oft daran, dass Anja Braun-Pfeiffer ihren Blindenstock in großzügigen, bogenförmigen Bewegungen über den Boden gleiten lässt, um nicht über nahegelegene Hindernisse zu stolpern. „Es gibt noch viel zu tun“, resümiert die Vertretung des Blinden- und Sehbehindertenvereins Westfalen (Bezirksgruppe Wittgenstein). „Das alles geht nicht von heute auf morgen, das ist mir bewusst.“

Autor:

Alexandra Pfeifer

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