Lernreise zu alternativen Unterrichtsstätten
Mit Pantoffeln in die Schule

Mit der Fähre zum Unterricht: Die Schulfarm Scharfenberg liegt auf einer Insel.
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sz Siegen. Mit Pantoffeln in die Schule? In der großen Pause einfach mal in den See springen? Ein Hausschwein im Schulstall? Ja, das gibt’s. Zwölf Biologie-Lehramts-Studenten der Universität Siegen unternahmen eine Lernreise durch Nord- und Ostdeutschland, um zu sehen, was außerhalb von Regelschulen möglich ist. Fünf Unterrichtsstätten in sechs Tagen – von Kiel über Schwerin und Rostock bis nach Berlin. „Die Lernreise hat es uns ermöglicht, mal über den Tellerrand zu schauen“, sagt Richard Sannert, der das Angebot initiiert und mitorganisiert hat.

Umgeben von Wasser

Faszinierend fanden die angehenden Lehrer das Gymnasium und Internat „Schulfarm Insel Scharfenberg“ in Berlin: Diese liegt auf einer Insel, eine Fähre bringt die Jungen und Mädchen zur Schule. Jeder hat im Schulgarten ein eigenes Beet, auf dem Schulgelände stehen Gewächshäuser, eine Imkerei stellt Honig her, im Stall wartet ein Schwein auf die Schüler, im Garten eine Enten-Familie. „Die Schülerinnen und Schüler werden sehr naturnah gelehrt“, schildert Lina Winkler, eine der Teilnehmerinnen der Lernreise: „Und in der Pause können sie einfach in den See hüpfen und schwimmen gehen.“

Zukunft nachhaltig mitgestalten

Ähnlich naturnah geht es an der „Club of Rome“-Lernwerft in Kiel zu. Die Privatschule schreibt den Klimaschutz besonders groß. Im Unterricht diskutieren die Schüler, wie sie nachhaltig und verantwortungsvoll die Zukunft mitgestalten können. Bei Aktionen wie dem „Ocean Clean Day“ räumen sie zum Beispiel den Strand vor Kiel auf und entsorgen Plastikmüll. Die „Fridays for Future“-Bewegung unterstützt die Schule und ruft Schüler dazu auf, sich gesellschaftlich zu engagieren.

Pantoffel-Pflicht für Lehrer und Schüler

Die Lehramts-Studenten kennen aus ihrer eigenen Schulzeit nur die Regelschulen. Die Atmosphäre in der Werkstattschule in Rostock war für sie deshalb zunächst ungewohnt. Im gesamten Gebäude herrscht Pantoffel-Pflicht für Schüler und Lehrer. Viele Jugendliche tragen Jogginghosen. Alle Böden sind mit Teppich ausgelegt, damit es besonders heimelig wirkt.
„Es war toll zu sehen, wie gut gelaunt die Schülerinnen und Schüler in die Klassen kamen und wie aktiv sie am Unterricht teilnahmen“, erzählt Karin Steinkamp. „Die fühlen sich in der Schule fast wie zu Hause, und das merkt man.“ Das alles seien im Grunde nur Kleinigkeiten, diese hätten aber große Auswirkungen. Ideen, die die Studenten deshalb auch den Regelschulen empfehlen würden.

Bewegung hat hohen Stellenwert

In jeder besuchten Lehrstätte nahmen die Studenten am Unterricht teil, führten Gespräche mit Schulleitern, Lehrern und Schülern. In der Waldorfschule in Schwerin gibt es in der 1. Klasse keine Tische und Stühle, sondern nur Bänke, die im Kreis zusammengestellt sind. Handwerkliche Fächer und Bewegung haben in der Waldorf-Pädagogik einen sehr hohen Stellenwert.

Regeln des Schulalltags kennenlernen

In der Heinrich-Mann-Schule in Berlin erlebten die Siegener den Alltag einer sogenannten Bonusprogrammschule. Diese hat einen hohen Anteil an Schülern mit nichtdeutscher Herkunft (77 Prozent) und an Schülern, die lehrmittelbefreit sind (über 50 Prozent). Dadurch bedingt genießen soziales Lernen und das Erlernen der Bildungssprache eine besondere Bedeutung. Direkt neben der Schule befindet sich eine temporäre Unterkunft für geflüchtete Familien. Schüler, die in Deutschland neu ankommen, besuchen ein Jahr lang die Willkommensklasse, um Deutsch und die Regeln eines Schulalltags zu lernen. Anschließend steht der Übergang in die Regelklasse an, der für viele besonders im sprachlichen Bereich eine große Herausforderung bedeutet. Sprachliche Defizite seien meist der Grund, warum Schüler mit nichtdeutscher Herkunft einen Schulabschluss nicht erreichen.

Ideen für den eigenen Unterricht

„Im Hörsaal lernen wir, wie guter Unterricht aussieht“, sagt Karin Steinkamp. „Auf der Lernreise haben wir dann Konzepte und Lehrmethoden kennengelernt, die ganz anders aussehen, aber auch super funktionieren. Wir haben definitiv Ideen sammeln können für unseren eigenen Unterricht später als Lehrer.“

Lehrer motivieren

Richard Sannert hat vor allem neue Erkenntnisse zur Schulentwicklungsarbeit mitgenommen – also dem Weg von einer bestimmten Idee für den Unterricht über die Umsetzung im Team bis hin zum Ziel: „Besonders interessant war es zu erfahren, wie man verschiedene Lehrer mit unterschiedlichen Interessen und Plänen motivieren kann, sich für ein gemeinsames Konzept und Ziel einzusetzen.“
Auch Dozent Dr. Björn Hendel, der die Studenten begleitete, konnte auf der Lernreise einiges lernen: „Es gibt ein buntes Kaleidoskop von Ideen und Möglichkeiten, Schule ,anders’ interessant und spannend für die jeweilige Schülerklientel zu gestalten, auch alternativ zu verbreiteten Konzepten. Dies den künftigen Studierenden in den Lehrveranstaltungen zu vermitteln, wird ganz sicher eine meiner Aufgaben werden.“

Übergang in den Beruf vereinfachen

In der Didaktik sei es wichtig, dass Studenten neben didaktischer Theorie die Kompetenzen erwerben, die ihnen nach dem Studium einen reibungslosen Übergang in den Beruf ermöglichen. Dazu soll nun auch gehören, ihnen zu vermitteln, wie bunt die Schulwelt in Deutschland ist. Hendel: „Jede neu fertig ausgebildete Lehrkraft muss nicht an eine Regelschule gehen, sondern kann sich entsprechend ihrer eigenen Ideen und Vorstellungen die Schule aussuchen, die am besten zu ihr passt.“

Mit der Fähre zum Unterricht: Die Schulfarm Scharfenberg liegt auf einer Insel.
In der Werkstattschule in Rostock herrscht im gesamten Gebäude Pantoffel-Pflicht für Schüler und Lehrer.
Autor:

Redaktion Siegen aus Siegen

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