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Weihnachten 1944 war anders
Mitten im Horror des Krieges Freundlichkeit erlebt

Als ähnlich idyllisch wie das verschneite Ferndorf wird Gerhard Krumm das Dorf empfunden haben, durch das er Weihnachten 1944 gelaufen ist – und trotz Krieg kurz Freundlichkeit erfuhr.
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sz Niederdreisbach. SZ-Leser Gerhard Krumm berichtet von einem besonderen Weihnachtsfest im letzten Kriegsjahr 1944.
Weihnachten 1944, ein Fest, das anders war, als ich es bisher kannte. Ich wuchs in einem behüteten Elternhaus mit vier Geschwistern auf. Die Erinnerung an Heiligabend und auch an die Weihnachtstage der Kinderzeit verbindet sich heute noch mit einer gelösten, feierlichen Atmosphäre, mit Geborgenheit und Wärme, mit Frieden und Freude. Aber von alledem spürte ich an diesem letzten Kriegsweihnachten nur wenig. Im Oktober 1943 war ich 15 Jahre geworden. Im Januar 1944 wurde ich als Flakhelfer eingezogen.
Heute sprechen wir von Kindersoldaten. Damals war das normal. Weil es meinen Kameraden genauso erging, empfanden wir das gar nicht einmal als so ungewöhnlich.

sz Niederdreisbach. SZ-Leser Gerhard Krumm berichtet von einem besonderen Weihnachtsfest im letzten Kriegsjahr 1944.
Weihnachten 1944, ein Fest, das anders war, als ich es bisher kannte. Ich wuchs in einem behüteten Elternhaus mit vier Geschwistern auf. Die Erinnerung an Heiligabend und auch an die Weihnachtstage der Kinderzeit verbindet sich heute noch mit einer gelösten, feierlichen Atmosphäre, mit Geborgenheit und Wärme, mit Frieden und Freude. Aber von alledem spürte ich an diesem letzten Kriegsweihnachten nur wenig. Im Oktober 1943 war ich 15 Jahre geworden. Im Januar 1944 wurde ich als Flakhelfer eingezogen.
Heute sprechen wir von Kindersoldaten. Damals war das normal. Weil es meinen Kameraden genauso erging, empfanden wir das gar nicht einmal als so ungewöhnlich. Es war eben Krieg. Da stellte man keine großartigen Ansprüche. Jeder war zufrieden, wenn er bis dahin überlebt hatte und noch einigermaßen satt zu essen hatte. Die Erwartungen, die der Mensch an das Leben stellt, werden in Kriegszeiten zurückgeschraubt, ob man will oder nicht. Entbehrung bringt einfach auch Bescheidenheit mit sich.
Im Dezember 1944 hatten die amerikanischen Truppen hier und da schon die Grenze im Westen erreicht. Eigentlich war der Krieg bereits entschieden. Er ging aber in unverminderter Härte weiter. Die amerikanisch-britischen Bomberverbände und Tiefflieger gehörten zum Alltag, die Pausen zwischen Entwarnung und Alarm wurden ständig kleiner. Wer etwas zu erledigen hatte, tat dies in den frühen Morgenstunden oder in der Dunkelheit.

Flakhelfer in Bad Salzig

Unsere Flakstellung mit drei Geschützen lag in Bad Salzig, dicht am Rhein. Unser Auftrag bestand darin, die vorbeifahrenden und vor Anker liegenden Schiffe gegen Tieffliegerangriffe zu schützen. Wir sollten die Eindringlinge verjagen. In Wirklichkeit wurden wir gejagt. Hilflos mussten wir zusehen, wie Tag für Tag riesige Bomberverbände über uns wegflogen. Nie war man sicher, ob sie ihre Bombenschächte nicht über unseren Köpfen öffneten und die tödliche Last abwerfen würden.
In diesem spannungsgeladenen Einerlei freuten wir uns schon auf Weihnachten. Vielleicht brachten uns die Festtage ein wenig Ruhe. Wenn jeder auch lieber diese Tage zu Hause verbracht hätte, so versuchten wir doch, das Beste aus den Umständen zu machen. Unser Wachtmeister hatte einen tüchtigen Obergefreiten zur Seite, der vieles organisierte und herbeischaffte. Von einem Bauern erhielten wir ein „schwarz geschlachtetes“ Schwein. So gab es an Heiligabend in einer nah gelegenen Villa, die einem vermögenden Industriellen gehörte, ein tolles Essen mit Kartoffelsalat, Schweinebraten und reichlich Soße. Einfach fantastisch im Vergleich zu unserer armseligen Standard-Verpflegung!

Ein Festmahl zu Weihnachten

Auch sonst ging es wirklich festlich zu. Die Tische waren weiß gedeckt, feines Porzellan und Silberbesteck. Man gebrauchte damals häufig den Ausdruck „wie in Friedenszeiten“. So empfanden wir es auch, und wir vergaßen, in welcher Zeit wir eigentlich lebten. Das alles stand im krassen Gegensatz zu den primitiven Baracken, in denen wir hausten, und unserem bescheidenen Geschirr, das aus einem Kochgeschirr mit Aluminiumlöffel und Gabel bestand. Hier und heute war ein Tag, der eben anders war. Und darüber freuten wir uns. Zum Essen und auch danach tranken wir leckeren Rheinwein. Wir sangen Weihnachtslieder, auch das Westerwaldlied war dabei.
Der Abend und die Nacht verliefen ruhig ohne Alarm. Am 1. Weihnachtstag durften wir sogar länger schlafen. Vielleicht sollte der Krieg mit seiner Härte und Grausamkeit einmal für diese Festtage außen vor bleiben. Aber die Realität holte uns bald wieder ein.

Totenwache bei einem abgestürzten Soldaten

Ein deutsches Jagdflugzeug war in der Nähe abgestürzt. Unsere Einheit musste im Wechsel von zwei Stunden bei dem Flugzeugwrack Wache halten. Wiesen und Felder waren tief verschneit, es herrschten Minusgrade von 10 bis 12 Grad. Um 12 Uhr hatte ich meinen Kameraden abzulösen Ein eisiger Wind blies mir ins Gesicht. Selbst der schwere Wachmantel bot keinen ausreichenden Schutz vor der Kälte. Der Pilot lag tot neben der Maschine, ein Major. Er hatte noch sein EK 1 (Eisernes Kreuz 1. Klasse) am Band um den Hals hängen. Das ganze Umfeld roch hässlich nach dem ausgelaufenem Benzin der zertrümmerten Maschine.
Einige Details lassen darauf schließen, dass dieser junge Offizier gerade von einer Feier kam, wo er sich mit seinen Kameraden über die Verleihung seiner Auszeichnung gefreut hatte. Er hatte nur die Fliegerkombination über die Ausgehuniform gestreift und war er zu einem Einsatz geflogen. Auf dem Rückweg, fast zu Hause, ist er abgestürzt. Tot. Offensichtlich hatte er eine Notlandung versucht. Das Flugzeug, eine Focke-Wulf 190, hatte sich dabei überschlagen und den Piloten aus der Kanzel geschleudert. Arme Eltern, die jetzt die Todesnachricht erhielten …!

Eine unverhoffte Einladung

Mit 16 Jahren war ich mit dem Toten allein: Meine Stimmung ist getrübt. Die Gedanken wandern nach Hause zu den Eltern und den beiden Schwestern, zu den beiden Brüdern, die irgendwo an der Front sind, zu denen kein Kontakt besteht. Endlich kommt meine Ablösung. Hungrig und durchgefroren marschiere ich zurück zu meiner trostlosen Baracke in unserer Stellung. Mein Weg führt durch ein kleines Dorf, in dem alles ruhig in festlicher Stimmung liegt. Hier und da leuchten schwach die Lichter eines Weihnachtsbaums durch die Fenster. Kein Mensch ist draußen. Jeder bleibt in der warmen Stube. In Gedanken versunken schleiche ich über die Dorfstraße.
Da öffnet sich eine Haustüre. Eine Frau bittet mich herein und gibt mir ein großes Stück Kuchen, eine Kostbarkeit in dieser Zeit. Ich darf ein Stück essen und warmen Kaffee dazu trinken. Ich bin gerührt von dieser Freundlichkeit. Die Tränen sind nicht mehr weit weg. Ich atme die friedliche Atmosphäre in der warmen Wohnstube regelrecht ein. Die Kinder stehen um mich herum und bestaunen den fremden kleinen Soldaten mit Stahlhelm und Gewehr, der nur wenig älter ist als sie selbst.
Ich denke an meine Mutter, die manchem Fremdarbeiter, ob Russe, Holländer oder Franzose, der an unserem alleinstehenden Haus vorbeikam, etwas zusteckte. Mir wird jetzt vergolten, was meine Mutter anderen notleidenden Menschen getan hat. Tief beeindruckt von diesem Geschehen, voller Dank, glücklich und mit frohem Herzen setze ich meinen Weg fort. Dieses Erlebnis am 1. Weihnachtstag 1944 ist mir nach 76 Jahren noch in wertvoller Erinnerung. Ein Tag des Festes des Friedens – mitten in dem schrecklichen Krieg, der Millionen den Tod brachte. Gerhard Krumm

Autor:

Redaktion Kultur

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