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350 Teilnehmer bei Gedenkstunde an Pogromnacht
„Mitten in Siegen brannte das Haus Gottes“

Schüler gestalteten die Gedenkstunde mit und zitierten u. a. jüdische Zeitzeugen der Nazi-Herrschaft. Insgesamt nahmen rund 350 Siegener sowie Gäste aus Israel und dem Umland an der Veranstaltung teil.
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  • Schüler gestalteten die Gedenkstunde mit und zitierten u. a. jüdische Zeitzeugen der Nazi-Herrschaft. Insgesamt nahmen rund 350 Siegener sowie Gäste aus Israel und dem Umland an der Veranstaltung teil.
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tile Siegen. Die Herbstsonne trug am Sonntag ihren Teil dazu bei, den Schatten des Vergessens zu vertreiben. Ihr Licht erhellte zur 55. Gedenkveranstaltung am „Platz der Synagoge“ am Obergraben jenen Ort, an dem vor 81 Jahren eine der dunkelsten Stunden Siegens stattgefunden hat: die Reichspogromnacht. Auch in der Krönchenstadt war der Befehl am 10. November 1938 ausgeführt worden. „Mitten in Siegen brannte das Haus Gottes lichterloh“, sagte Alon Sander, jüdischer Vorsitzender der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Siegerland. Die Tora brannte, wurde zerfetzt, ihre Stücke flogen umher. Die Synagoge am Tor zur Oberstadt war eine von 177 in ganz Deutschland, die in jener Nacht den Flammen zum Opfer fielen.

tile Siegen. Die Herbstsonne trug am Sonntag ihren Teil dazu bei, den Schatten des Vergessens zu vertreiben. Ihr Licht erhellte zur 55. Gedenkveranstaltung am „Platz der Synagoge“ am Obergraben jenen Ort, an dem vor 81 Jahren eine der dunkelsten Stunden Siegens stattgefunden hat: die Reichspogromnacht. Auch in der Krönchenstadt war der Befehl am 10. November 1938 ausgeführt worden. „Mitten in Siegen brannte das Haus Gottes lichterloh“, sagte Alon Sander, jüdischer Vorsitzender der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Siegerland. Die Tora brannte, wurde zerfetzt, ihre Stücke flogen umher. Die Synagoge am Tor zur Oberstadt war eine von 177 in ganz Deutschland, die in jener Nacht den Flammen zum Opfer fielen.

Zeichen gegen aufkeimenden Antisemitismus

Die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit (CJZ) und das Aktive Museum Südwestfalen hatten zu der Gedenkstunde eingeladen, der etwa 350 Menschen gefolgt waren. Darunter auch Gäste aus dem israelischen Partnerkreis Emek Hefer sowie Israels Handball-A-Jugend-Nationalteam. Raimar Leng, ev. Vorsitzender der CJZ, sah in der guten Beteiligung ein positives „Zeichen in Zeiten eines neu aufkeimenden Antisemitismus“, den es auch in Siegen gebe. „Die Siegener sind wach!“

Jens Kamieth, stellv. Bürgermeister, meinte, viele Siegener seien damals entsetzt über das Pogrom gewesen, „aber die Mehrheit hat geschwiegen“. Die Vergangenheit sei uns heute eine Mahnung und eine Verpflichtung: „Lassen Sie uns nicht schweigen!“ Man müsse dem Hass den Nährboden entziehen. Dies, so Kamieth, sei aktuell die größte gesellschaftliche Herausforderung.

Jüdisches Leben in Siegen unwiderruflich zerstört

Alon Sander beschrieb, was mit der Synagoge eigentlich zerstört wurde. Sie wollte ein Symbol für Integration, eine frische jüdische Gemeinde im ländlichen Siegerländer Kontext sein. Doch mit der Synagoge „brannte das jüdische Leben in Siegen und wurde unwiderruflich zerstört“. Auch andernorts. Hernach sei das Judentum in Deutschland nicht wirklich integriert worden. Jude sein bedeute anders sein. Erst dieser Tage habe ein zartes Pflänzchen echter Akzeptanz zu sprießen begonnen. „Und dann kam Halle.“ Der geplante Anschlag eines jungen Rechtsextremisten auf eine Synagoge vor vier Wochen habe gezeigt, wie groß die Angst in Deutschland vor dem Anderen immer noch sei. „Das Judentum ist in Deutschland nicht integriert, es ist kein Teil vom Wir, kein Teil von ,wir Deutschen’.“

Kein Alarmsignal - "Wir befinden uns im Kampf"

Deutlich widersprach Alon Sander der CDU-Vorsitzenden Annegret Kamp-Karrenbauer, die den Anschlag ein „Alarmsignal“ genannt hatte. „Wir befinden uns im Kampf“, sagte der jüdische Vorsitzende. Aber „nicht die Juden haben ein Problem. Antisemitismus ist ein Problem für Deutschland“. Der Anschlag sei ein Angriff eines Deutschen auf Deutsche gewesen und Ausdruck eines wachsenden Widerstands gegen die Verfassung. Und die sozialen Netze lehrten, Deutschsein bedeute, keinen Migrationshintergrund zu haben. Sander brandmarkte dies als „Schwachsinn einer ethnischen Zuordnung“. Kein Jude sei zufällig in Deutschland – obwohl bundesweit täglich fünf antisemitische Straftaten begangen würden. Deutsche Richter rechtfertigten antisemitische Äußerungen mit dem hohen Gut der Meinungsfreiheit statt sie zu verurteilen. Der Anschlag auf eine Synagoge in Wuppertal sei als „eine Reaktion auf die israelische Politik“ bewertet worden.

Auf dem „Platz der Synagoge“, so schloss Sander, sei erkennbar, „wozu das alte Deutschland fähig ist“. Aber genau dies sei auch der Ort, an dem es jedem einzelnen am leichtesten falle, sich zu entscheiden, wie das neue Deutschland aussehen soll.

Emek Hefer spürt Siegens Solidarität

Im Anschluss zitierten Schüler aus Emek Hefer und der Gemeinschaftlichen Sekundarschule Burbach-Neunkirchen jüdische Zeitzeugen, etwa aus den Pariser Tagebüchern der Hélène Berr, die 1945 im KZ Bergen-Belsen starb, und spielten den Song „Tetaaru Lachem Olam Yafe“ („Imagine a beautiful world“) des israelischen Pop- und Rocksängers Shlomo Artzi.

Yondi Scherzer, Vorsitzender des Austauschkomitees, betonte, „wir in Emek Hefer spüren die Solidarität und Unterstützung aus Siegen“. Eine solche bilaterale Partnerschaft sei der beste Weg, Hass und physische Gewalt zu verhindern. Es sei ein starkes Zeichen, dass mit dem Aktiven Museum eine Einrichtung an der Stelle der einstigen Synagoge stehe, in der die Erinnerung an den Widerstand gegen Hass und Antisemitismus wach gehalten werde.

Auch Atatürkverein legte Kranz nieder

Die friedliche Gedenkstunde endete mit der Kranzniederlegung durch zwei Schüler. Auch der Atatürkverein Siegerland legte einen Kranz nieder, was sowohl Raimar Leng als auch Jens Kamieth ausdrücklich als besondere Geste begrüßten.

Autor:

Tim Lehmann (Redakteur) aus Siegen

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