BIS AUF WEITERES
MRR – er fehlt

SZ-Redakteur Dr. Andreas Göbel.
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Von Zeit zu Zeit sah ich den Alten gern: Marcel Reich-Ranicki. Ich vermisse ihn. Er war zum Einen immer mein Lotse durch den Ozean der schönen Literatur. Ars longa, vita brevis, heißt es. Die Kunst ist lang, das Leben kurz. Leider, leider. Wenn man ganz ehrlich ist, dann muss man erkennen, dass zwischen Schulzeit und letzter Ölung einfach nicht mehr als ein paar tausend Bände zu schaffen sind. Ich bin Krimimuffel und Feind alles seicht Gedruckten, dabei überaus wählerisch beim Aufschlagen von Buchdeckeln. Ich schmeiße Bücher manchmal nach ein paar Seiten in die Tonne, weil ich meine, dass er oder sie es nicht kann. Nur bei Gontscharows Oblomow lag ich damit falsch. MRR teilte meinen Geschmack todsicher: Seghers, ja, Handke, um Gottes willen!, Koeppen, immer!, Christa Wolf: eine heilige Kuh (dagegen gab es vom Verlag eine einstweilige Verfügung), und über allem „der Zauberer“ – Thomas Mann.

Das Überwältigende an Literatur ist, dass du tausend Leben führen kannst und nur einen Tod sterben musst. Dein Bekannten- und Freundeskreis wächst mit jedem Roman. Ich gucke mir halt genau an, mit wem ich abhänge. „Also, was taugt das Buch?“, pflegte er in seiner speziellen Art zu sagen. Dann konnte es schwer zur Sache gehen. Das heutige Literarische Quartett ist dagegen eine Einschlafhilfe.

Von ihm stammt die Feststellung, dass Kritiker keine Freunde haben. Mit diesem Grundsatz macht man sich natürlich unbeliebt. Anders als Volker Weidermann es in seinem Buch „Duell“ darstellt, war Günter Grass nicht der natürliche Antipode von Reich-Ranicki. Der arme Grass litt wie ein Hund unter ihm. Nein, es war Walser. Eine meiner Lieblingssendungen des Quartetts ist die vom August 1993. MRR lässt sich wieder einmal darüber aus, dass zu viel gelobt wird in der Literaturkritik. Dann kommt er zu einem vernichtenden Urteil über Martin Walsers neuen Roman, während draußen über der Halle die Mutter aller Gewitter aufzieht. MRR lässt kein gutes Haar an dem Werk, als in der Live-Sendung ein heftiger Donnerschlag zu hören ist. Er senkt das Buch, schaut nach oben und sagt empört: „Ja, man wird doch wohl noch etwas gegen Walser sagen dürfen!“ So war er.

a.goebel@siegener-zeitung.de

Autor:

Dr. Andreas Goebel (Redakteur) aus Betzdorf

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