Musik kennt keine Grenzen

»World Music Night« am Oberen Schloss der reine Genuss

goeb Siegen. Eine Abendbrise streift durch die Linden am Oberen Schloss, und die Sonne verabschiedet sich wie ein glutrotes Auge vom postkartenblauen Himmel über der Krönchenstadt. Pflastersteine, heiß wie frische Brotlaibe, strahlen ihre Hitze ab bis in die Nacht. So sieht eine idealtypische Ausgabe des Siegener Sommerfestivals aus. Jacken und Westen blieben am Freitagabend zu Hause an der Garderobe, während ihre Besitzer ein traumhaftes Doppelkonzert zunächst mit der Band Farfarello und später mit The Shin erleben durften.

In der Menü-Zusammenstellung darf man den verantwortlichen Kulturköchen bei der Stadt Siegen einen exzellenten Geschmack attestieren. Der mit »World Music Night« übertitelte Abend wurde seinem Anspruch gerecht. Es wurde international. Farfarello steckten 24 Jahre Bühnenerfahrung zu einem exotischen Sommerstrauß musikalischer Stilrichtungen zusammen, das Quartett um »Teufelsgeiger« Mani Neumann, den Gitarristen Uli Brand und Stefan Wiesbrock sowie Joschi Kappl (Bass), verstärkt mit »special guest« Nippy Noya aus Indonesien.

»Das war ein typisches Open-Air-Konzert hier in Siegen«, ließ sich Neumann anschließend im Gespräch mit der Siegener Zeitung ein. »Das läuft anders ab als in einer Halle, wir sind gleich in die Vollen gegangen.« Farfarello ist weit mehr als eine Folkband. Zwar zeigen Stücke wie »Weites Feld« (von der CD »Semikolon«), in dem Neumann die Geige spielt wie ein fahrender Musiker in den Ebenen Ungarns, Wurzeln, die im Balkan beheimatet sind. Doch die Experimentierfreude der Musiker hat sie längst die Fundsachen einer Weltmusikkultur im eigenen Schmelztiegel verarbeiten lassen. Pop- Elemente sind ebenso zu finden wie Klassik-Adaptionen.

Äußerst intelligent verfremdeten sie beispielsweise Smetanas »Moldau«, zerfaserten es in Disharmonien, um das Stück dann zur Harmonie zurückfinden zu lassen. Den Bandmitgliedern sei der »Shuffle« aufgefallen, der in der »Moldau« enthalten sei. »Da haben wir dann einen Groove druntergelegt«, so Mani Neumann, der seit vier Jahrzehnten Geige spielt – entsprechend virtuos. Farfarello haben mehrere solcher Adaptionen in ihrem Repertoire, etwa das Loreley-Lied oder den Pop-Klassiker »Nights in White Satin«. Wohin die Reise musikalisch geht, demonstrierten Farfarello mit dem Stück »Herr der Zeit«, »derzeit unser aller Lieblingsstück«, ein atmosphärisch dicht gewobener fliegender Klangteppich, der im Percussionsrhythmus Nippy Noyas an Fahrt zulegt. Überhaupt steuerte Nippy vielerlei asiatisches Gewürz bei, zweifellos gelungen die musikalische Unterhaltung zwischen Neumanns Tenorflöte und einem von Nippy Noya glänzend verstandenen Instrument namens Malimba. Dafür gab es die ersten Standing Ovations.

Die Band glänzte darüber hinaus mit den verschiedensten Solo-Einlagen seiner Mitglieder, wobei die Gitarrensektion keinesfalls hintanstehen musste. Vier eigene Köpfe geben Farfarello das Gepräge, immer öfter supplementiert durch einen fünften: Nippy Noya, seit drei Jahren »Dauergast« des Quartetts, und bei etwa zwei Dutzend Konzerten pro Jahr mit von der Partie. Man darf füglich behaupten, dass die Gruppe kurz vor ihrem »Silbernen« alles andere als Patina angesetzt hat, im Gegenteil, sie scheint auf dem Weg zu neuen Ufern.

Im Kaukasus, wo Orient und Okzident aufeinandertreffen, sind The Shin beheimatet. Zwar haben sich die Georgier Heilbronn als Lebensmittelpunkt ausgesucht, doch solche Musik, wie sie auf der Schlossbühne gespielt wurde, die muss man mit der Muttermilch aufgesaugt haben. Die in georgischer Sprache, zum Teil vokalakrobatisch, vorgetragenen Stücke drehten sich thematisch um Liebe und Heimat. Mystik, Gefühl, Leid, Ekstase, anscheinend ist ihr kein Bereich fremd.

Musikalisch hat das Quartett längst eine Weltreise angetreten, denn wie Kosmopoliten bereichern sie die Matrix ihrer Herkunft mit dem Jazz Europas und Rock-Versatzstücken der Neuen Welt. »Geklaute nordkaukasische Tanzstücke, für die keine Gema-Gebühren bezahlt werden müssen« – bescheiden und witzig gaben sich The Shin. Dem virtuosen Spiel ihrer Instrumente, wie zum Beispiel der dreiseitigen Panduri, hätte man noch Stunden lauschen können an diesem schönen Sommerabend...

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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