Musik zu Kantate

ars Siegen. Mit „Alter Musik in Nikolai“ zum Sonntag Kantate erfreuten der Gitarrist Dominik Jung und das „ensemble vocalitas“ ihre Zuhörer in der Nikolaikirche. Insgesamt achtzehn Kompositionen von dreizehn Komponisten der spätesten Renaissance und des Barock standen auf dem klug durchdachten und sinnvoll aufgebauten Programm, in dessen Mitte drei Motetten für fünf Stimmen aus der Sammlung „Israelsbrünnlein“ von Johann Hermann Schein die besondere Aufmerksamkeit sich zogen. Die drei aufgeführten Werke, geprägt von der strengen deutschen Motettentradition und der stärker expressiven Tonsprache des italienischen Madrigals, überraschen durch kühne Harmonien und eine an den Freund und Zeitgenossen Heinrich Schütz gemahnende intensive Textausdeutung.

Kaum überbietbar die immer wieder neuen Anläufe, bei „Ihr Heiligen, lobsinget dem Herrn“ aus Psalm 30 „das Weinen“ ohren- und sinnfällig werden zu lassen! Der solistische A-cappella-Chor „ensemble vocalitas“ (Gela Birckenstaedt und Ute Debus, Sopran, Silke Weisheit, Alt, Joachim Dreher, Tenor und Gustav Muthmann, Bass) zeichnete Emphase und Klage ausdrucksstark und den vertrackten Deklamationsrhythmen entsprechend, dabei immer textverständlich, nach. Das 1623 vom Thomaskantor Schein veröffentlichte Werk verdient es, von so engagierten Stimmen immer wieder aufs Neue vor Publikum zur Darstellung zu gelangen. Nicht minder gewichtig und gleichermaßen gekonnt und hochmotiviert kamen die letzte Bach-Motette „Lobet den Herrn, alle Heiden“ BWV 230 und „Cantate Domino canticum novum“ SWV 81 von Heinrich Schütz zur Aufführung. Auch hier überzeugte das Ensemble durch geschmeidigen, rhythmisch akzentuierten A-cappella-Gesang und das Anliegen, die Textbedeutung auszuleuchten.

Unter den weiteren Motetten und motettenähnlichen Gesängen ließ eine Vertonung des Vaterunser durch den Bach-Schüler Gottfried August Homilius aufhorchen, die durch ihre harmonische Flexibilität und ebenso freies wie ausdrucksstarkes Fließen schon an frühklassizistische Musiksprache erinnerte. An diesen und den weiteren Wiedergaben machte sich neben dem Enthusiasmus für diese Musik auch die unbestreitbare Professionalität der Sänger bemerkbar, die seit 2004 als Ensemble agieren und alle beruflich, professionell, Musik machen.

Intermittiert wurden die Motetten durch das Gitarrenspiel von Dominik Jung, der getragene und verinnerlichte Werke von Domenico Scarlatti, Girolamo Frescobaldi, Johann Krieger und Silvius Leopold Weiss erklingen ließ. Aber wie! Eine große Ruhe und Gelassenheit zeichnete sein technisch perfektes, jedem Showeffekt abholdes Spiel aus. Die durchweg überaus kunstvollen Werke nehmen sich zurück, entzücken durch einen noblen Tonfall, der sich in „Tombeau“ des schlesischen Lautenvirtuosen Weiss ganz nach innen kehrt, zur Zwiesprache mit einer wachen, reflexionsbereiten Seele aufzufordern scheint. Die „Passacaglia“ von Weiss entfaltet sich freier, fließender, weltlicher, aber sie tänzelt nur hoch stilisiert, versteht sich als reine Kunst, nicht für den Tanzsaal, sondern für die Kammer. Dominik Jung spielt gerade so, dass sich all das Intendierte und Mitschwingende entfalten kann, als versierter Diener, nicht als Impresario, was umso eindringlicher wirkte.

Die sechs Künstler warben nicht nur für sich und ihr Können, sie warben auch für eine Musik von unbestreitbarem Eigenwert, die es verdient, immer wieder neu zu Gehör gebracht zu werden.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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