Musikalischer „Existentialismus“

Das Beethoven Trio Bonn überzeugte beim Kammerkonzert am Dienstag im Siegener Apollo-Theater. Foto: gmz

gmz Siegen. Das junge Beethoven Trio Bonn gastierte am Dienstagabend im Siegener Apollo, in der Reihe der Kammerkonzerte NRW, die in Zusammenarbeit mit WDR 3 veranstaltet werden. Auch der Freundeskreis der Busch-Brüder unterstützte dieses besondere Kammerkonzert, das so viele Zuhörer anzog, dass die Veranstaltung vom Apollino in das „große Haus“ verlegt werden musste.

Das 2005 gegründete, hochgelobte Trio überzeugte die Freunde der Kammermusik mit Beethovens „Gassenhauer“-Trio (Trio B-Dur op. 11) , mit dem eher unbekannten, sehr spannenden Trio Nr. 1 d-Moll op. 32 von Anton Arensky, mit Schostakowitschs Trio Nr. 1 op. 8 und Mendelssohn Bartholdys Trio Nr. 2 c-Moll op. 66 und mit zwei Zugaben, ohne die das restlos begeisterte Publikum die drei Musiker – Mikhail Ovrutsky (Violine), Grigory Alumyan (Violoncello) und Rinko Hama (Klavier) – nicht von der Bühne ließ.

Das Trio, das sich aus Studientagen und aus der gemeinsamen Arbeit im Beethoven-Orchester Bonn kennt, besticht durch einen sehr klaren, geschmeidigen Ton, durch spannende Gestaltung und natürlich überaus präzises (Zusammen-)Spiel, das sehr lebendig wirkte, die Zuhörer wirkliche musikalische Dialoge miterleben ließ (wie im dritten Satz des Beethoven-Trios) und frisch und ungezwungen, selbstverständlich, unprätentiös war.

Die Musiker eröffneten das Konzert mit Beethovens „Gassenhauer-Trio“, in einer sehr dichten, zusammenhängenden Interpretation, zupackend, zart und elegisch, heiter fragend, nachdenklich – und immer einer ungewöhnliche Wendung auf der Spur. Wie ein echter Dialog eben. Arenskys einziges Trio war ein Stück voller Überraschungen, voller Kontraste, die sich zwingend auseinander entwickelten. Den romantischen Gestus des Beginns verwandelten die Musiker nach einer emphatischen Steigerung in sehr sachliche, nüchterne Erwägungen, bei denen die Violine sich durch die Wiederholung des Themas zur Ruhe zwang. Weltflucht und beinahe neckische, ans Kitschige grenzende Floskeln wurden fragend vertieft, ins Heitere gewendet, formal analysiert, wobei die Spannung zwischen „floskelhaftem“ Bekräftigen und dramatisch-existentiellem Nachdenken sehr gekonnt gehalten wurde.

Schostakowitschs kurzes Trio Nr. 1 war ein „hochverdichteter“ Durchgang durch die Trio-Form, mit leicht dissonanten Anklängen, mit sehr persönlichen Offenbarungen und witzigen Distanzierungen, die in zupackender Zuversicht aufgehoben wurden.Zum Abschluss des Konzertes spielen die drei Musiker Mendelssohn Bartholdys Trio Nr. 2 c-Moll. Die klug gesetzten Akzente gliederten die Reflexion des energiegeladenen, dramatisch erzählenden Themas. Das fast traurige Motiv des zweiten Satzes wurde von den beiden Streichern ins Individuelle gewendet und gemeinsam mit der Pianistin emotional vertieft – in formaler Strenge. Die flotte, heiter gespannte Stimmung des dritten Satzes wurde schließlich in eine fast religiös anmutende, existentielle Fragestellung überführt, die den Fragenden trotzdem als Handelnden darstellte.Es war ein Programm, das hör- und sichtbar machte, wie sehr die kammermusikalische Form zur persönlich-existentiellen Reflexion auffordern kann, wenn sie so gekonnt dargeboten wird wie am Dienstag!

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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