Musikantische Kapriolen

Verbeugung vor dem Publikum: Claire-Marie Le Guay. Foto: ciu

ciu Siegen. „Johann Sebastian Bach“, sagt Claire-Marie Le Guay. Und dann noch einmal, damit es auch tatsächlich alle verstehen: „Johann Sebastian Bach.“ Und dann spielt sie Bach, klar und schlicht das 1. Präludium C-Dur aus dem Wohltemperierten Klavier. Unerhört dicht und reduziert klingt das, lässt Zeit und Raum vergessen, auch den großen Steinway-Flügel auf der Bühne des Apollo-Theaters.

Die Pianistin aus Paris schlug die Tasten derart kunstvoll an, dass es beinahe schien, als spiele sie auf einem Instrument barocker Bauart. Eine großartige Zugabe und ein wunderschöner Kontrast zum Vorangegangenen: Gemeinsam mit der Philharmonie Südwestfalen hatte Claire-Marie Le Guay das Klavierkonzert Nr. 2 A-Dur von Franz Liszt gegeben und dem Publikum unter der Leitung des finnischen Dirigenten Jan Söderblom eine Kostbarkeit beschert.

Solistin und Orchester waren sehr eng miteinander, Einsätze, Übergänge fließend; das gesamte Spiel war exakt, ohne in irgendeiner Form akademisch zu wirken. Die Pianistin zeigte, was sie kann: energisch-zupackend interpretieren, ganz zart und still, fast hörend agieren, irrwitzige Läufe meistern, waghalsige Sprünge, musikantische Kapriolen. Die Französin, von lässiger Eleganz, kann Liszt, und die Philharmonie konnte mit ihr. So etwas – und im Besonderen das feine Duett von Klavier und Cello (Michael Kolfhaus!) – bleibt im Ohr und im Herzen. Dass am Freitag eigentlich Olga Scheps hätte spielen sollen, war längst vergessen.

Eingerahmt wurde Liszts Klavierkonzert von Ligeti-„Melodien“ und der 3. Sinfonie F-Dur von Johannes Brahms. Vorweg also eine Musik, die zerbrechlich wirkt, diffus, ja, auch trügerisch, die irritiert und doch fesselt. Hier passiert etwas. Unerwartet, mal hier, mal da, alles ist im Fluss und doch wieder nicht. György Ligetis vor fast 40 Jahren komponierte Musik verlangt nach Aufmerksamkeit, nach Wachheit, ist spannend und spannungsreich zugleich. Somit bündelte Brahms’ „Dritte“ am Ende das Vorangegangene. Auch dieses Werk arbeitet mit Andeutungen und Weiterführungen, es hat Glanz, birgt große Energie, hat ruhige Momente und gibt sich satter Zufriedenheit hin. Die Philharmonie spielte an diesem Abend höchst inspiriert. Was das Publikum würdigte. Mit lang anhaltendem Applaus für das Orchester und für den Dirigenten.

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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