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Aufzeichnungen eines Unverkaterten auf dem Weg zur Arbeit an Neujahr
Na, das fängt ja gut an!

Wurde die Flasche vergessen oder war es eine zu viel? Wir werden das wohl nie wissen.
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  • Wurde die Flasche vergessen oder war es eine zu viel? Wir werden das wohl nie wissen.
  • Foto: Dr. Andreas Goebel
  • hochgeladen von Alexander W. Weiß (Redakteur)

goeb Siegen/Betzdorf. Es gibt nur einen Tag im Jahr, an dem man – theoretisch – mal richtig die Stille genießen könnte. Am Neujahrsmorgen. Getreu dem Motto: Stille ist die Sprache Gottes. Alles andere ist eine schlechte Übersetzung. Wann, wenn nicht jetzt.
Während alle Welt noch schläft, allenfalls stöhnend nach der Mineralwasserflasche greift und drei Aspirin herunterspült, ziehe ich, gestiefelt und gespornt, um 8 Uhr die Haustüre hinter mir zu. Es ist noch dunkel. Die Sonne hat mir ihr Aufgehen für 8.30 Uhr zugesagt. Ein Liedchen auf den Lippen, durchstreife ich die Siegener Oberstadt. Abwechselnd zu Fuß und mit dem Zug möchte ich heute Morgen zur Geschäftsstelle der Siegener Zeitung nach Betzdorf gelangen:
8.10 Uhr: Ein Hauseingang, Marburger Straße.

goeb Siegen/Betzdorf. Es gibt nur einen Tag im Jahr, an dem man – theoretisch – mal richtig die Stille genießen könnte. Am Neujahrsmorgen. Getreu dem Motto: Stille ist die Sprache Gottes. Alles andere ist eine schlechte Übersetzung. Wann, wenn nicht jetzt.
Während alle Welt noch schläft, allenfalls stöhnend nach der Mineralwasserflasche greift und drei Aspirin herunterspült, ziehe ich, gestiefelt und gespornt, um 8 Uhr die Haustüre hinter mir zu. Es ist noch dunkel. Die Sonne hat mir ihr Aufgehen für 8.30 Uhr zugesagt. Ein Liedchen auf den Lippen, durchstreife ich die Siegener Oberstadt. Abwechselnd zu Fuß und mit dem Zug möchte ich heute Morgen zur Geschäftsstelle der Siegener Zeitung nach Betzdorf gelangen:

  • 8.10 Uhr: Ein Hauseingang, Marburger Straße. Ich habe die beiden Männer gar nicht kommen sehen. Plötzlich stehen sie vor mir. Sie haben sich genauso erschreckt wie ich. Wir grüßen uns verdutzt. Die beiden haben durchgemacht, offenbar ziemlich viel getrunken, halten sich aber wacker. „Schönes Jahr noch!“, lallt der eine. „Euch auch!“
  • 8.13 Uhr: Nur ein Auto („Caritas tut gut“) schleicht vorbei, kein Mensch unterwegs. In weihnachtlicher Pracht reckt die Nikolaikirche ihr goldenes Haupt über die Stadt. Die Stadt gehört allein den Krähen und ihrem Geschrei. Sie verlassen ihre Schlafbäume, fliegen nach hier und nach da und erzählen sich auf Krähisch ihre Träume der Nacht.
  • 8.30 Uhr: Donnerwetter! Am Bahnhof hat der Rewe-to-Go bereits auf und auch der Zeitschriftenladen. Zwei müde aussehende Taxifahrerinnen unterhalten sich miteinander, Kaffeebecher in den Händen.
  • 8.31 Uhr: Ich habe bei der HLB einen RB 93 für 8.33 Uhr bestellt. Bitte keine Schaffnerin und keine Mitfahrer. Zahle jeden Preis. Bin mal gespannt. Ah, da steht er ja, wie ausgemacht. „Sehr geehrter Fahrgast“, wendet man sich über Lautsprecher an mich. „Die HLB begrüßt Sie an Bord ihres (Ihres?) Zuges nach Altenkirchen. Wir wünschen Ihnen eine gute Fahrt.“
  • 8.39 Uhr: Bahnhof Eiserfeld. Ein Moment der totalen Stille. Nichts, absolut gar nichts. Und dabei überspannt 100 Meter über mir der elegante Bogen der Autobahn 45 das Tal. Ich schaue auf die Uhr. 60 Sekunden lang fährt kein Auto über die Brücke.
  • 8.56 Uhr: Ein einsamer Polizeiwagen zuckelt die Eiserfelder Straße herunter. Die Beamten haben mich im Visier, das spüre ich. Was macht denn der da?, lese ich aus ihren Blicken. Ich stehe vor einem Plakat. „Entdecke Fuze Tea. Jetzt warm oder kalt genießen.“ Ein Kaffee wäre mir lieber.
  • 8.59 Uhr: Die nächste Werbebotschaft erreicht mich deutlicher. Eiserfelder Straße Nr. 414, Die Frisörwerkstatt: „Vertrau dein Haar dem Fachmann an.“ Würde ich ja gern. Ich wollte unbedingt zum Frisör, da kam der Lockdown. Jetzt wächst mir eine Matte.
  • 9.05 Uhr: Inspektion der „Wursthaltestation“ der Metzgerei Hennche – ein Automat. Die Positionen 26 und 28 (Frikadelle/Schnitzel) sind in der Silvesternacht von hungrigen Geistern abgeräumt worden. Auch 46 (Fleischwurst), 60 (Currywurst), 62 (Pulled Pork) und 64 (Mettwurst) sind leider aus.
  • 9.45 Uhr: Auf dem Wanderweg zwischen Eiserfeld und Niederschelden entlang der Sieg. Ein Hundebesitzer entschuldigt sich rufend, weil mir Paul, sein Rüde, nachgelaufen ist und mich angebellt hat.
  • 9.50 Uhr: Puh, das wird aber lang jetzt! Mein Vorsatz fürs neue Jahr lautet: abnehmen, abnehmen und nochmals abnehmen. Mir fällt meine letzte Sünde ein. Zwei Tage zuvor habe ich die Pralinen eines Neunkirchener Chocolatiers, die mir mein liebes Patenkind geschenkt hat, samt und sonders aufgegessen (110 Gramm). Danach eine ganze Tüte selbstgebackene Plätzchen. Alles noch im Auto. Ich kam mir schäbig vor. So kann, nein, so darf es nicht weitergehen!
  • 10.01 Uhr: Die Schelder Schossi ist evakuiert. Nur eine Rentnerin kontrolliert die öffentlichen Abfallkörbe vor mir und fischt halbleere Büchsen und Flaschen heraus. Ich schaue verschämt weg.
  • 10.20 Uhr: Der Bahnhof in Niederschelderhütte. Zwei junge Männer gehen auf dem gegenüberliegenden Bahnsteig auf und ab. Der eine spricht laut ins Handy: „Ey, weißt du was, wir sind heute Morgen von Eiserfeld extra nach Schelden gefahren, um Brötchen zu kaufen.“ (Wieherndes Gelächter, der zweite trinkt eine Büchse Bier.) „Und jetzt kommt kein Zug. Die 93 fährt nicht zwischen den Jahren.“
  • 11.16 Uhr: Freusburg. Aus den bewaldeten Hängen drüben dringt doch tatsächlich der Schrei einer Motorsäge, dann kommt eine zweite hinzu. Es muss schlecht stehen um die Fichte, wenn zu dieser unchristlichen Zeit Holz gemacht werden muss:

mit klammen Händen stehen, während zi/garetten knistern;/der rauch, ein stummer kreis aus männern und/benzinkanistern.
bis wir ein rudel motorsägen aus/den hüllen lassen,/die mit den zähnen mahlen, erst die stille,/ dann die stämme fressen,
und sich ein wipfel beugt, zusammenkracht/wie ein edikt,/und man erschauert und verblüfft am himmel/das blau entdeckt.
(Aus „chor der waldarbeiter“, Jan Wagner, 2007)

  • 12.11 Uhr: Redaktion Betzdorf, Decizer Straße 6. Innenstadt. Wie sieht der Eingang aus? Das ist die Frage. Meine Kollegen und ich haben hier an Sonn- und Feiertagen schon manches erlebt. Am Neujahrstag zünden sie hier schon mal gern Böller. Vor drei Monaten, als ich sonntags um die Ecke bog, saß vor der Tür ein von einem Auto angefahrener Steinmarder und fauchte mich an. Aber jetzt: wie geleckt!
  • 12.29 Uhr: Rechner hochfahren, ins Betriebssystem einwählen, E-Mails checken, eine erste Polizeimeldung bearbeiten: „Am 01.01.2021, gegen 06:00 Uhr meldete eine Zeugin einen frisch, unfallbeschädigten Pkw, welcher gerade vor Ihrem Haus in der Ortslage Selbach vorgefahren war.“ Also, da muss ein Redakteur Hand anlegen. Na, dann wollen wir mal loslegen …
Autor:

Dr. Andreas Goebel (Redakteur) aus Betzdorf

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