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„Im Zweifel für den Baum“
Neue Liste der Naturdenkmäler sorgt für Zoff

An der Weidenauer Straße reckt eine seit 40 Jahren geschützte Blutbuche ihre Arme in den Himmel. Der Baum müsse wegen der Bebauung regelmäßig zurückgeschnitten werden, argumentiert die Behörde. Dadurch greife man unvermeidlich in den natürlichen Wuchs ein, der Baum leide. Aufgrund des kritischen Standortes soll er aus dem Schutz entlassen werden.
  • An der Weidenauer Straße reckt eine seit 40 Jahren geschützte Blutbuche ihre Arme in den Himmel. Der Baum müsse wegen der Bebauung regelmäßig zurückgeschnitten werden, argumentiert die Behörde. Dadurch greife man unvermeidlich in den natürlichen Wuchs ein, der Baum leide. Aufgrund des kritischen Standortes soll er aus dem Schutz entlassen werden.
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  • hochgeladen von Christian Schwermer (Redakteur)

goeb Siegen. Eine ehrgeizige Terminplanung hat sich der Kreis Siegen-Wittgenstein bei der Verabschiedung der neuen Verordnung zum Schutz von Naturdenkmalen vorgenommen. Geht es nach Kreisbaudezernent Arno Wied, in dessen Wirkungsbereich auch die Umweltbelange fallen, sollte der Kreistag bereits in seiner Sitzung am 24. September die revidierte und neu erstellte Liste mit bisher 267 alten Bäumen (und geschützten Landschaftsbestandteilen) aus elf Städten und Gemeinden beschließen, damit ihr Schutz nicht schon Ende Dezember, mit dem Ende der alten Verordnung, in ein gefährliches rechtliches Vakuum schlingert.
Man könne nach dem Beschluss aber noch in die Feinabstimmung gehen, schickte Wied am Donnerstagabend in der Sitzung des Naturschutzbeirats im Siegener Lyz nach.

goeb Siegen. Eine ehrgeizige Terminplanung hat sich der Kreis Siegen-Wittgenstein bei der Verabschiedung der neuen Verordnung zum Schutz von Naturdenkmalen vorgenommen. Geht es nach Kreisbaudezernent Arno Wied, in dessen Wirkungsbereich auch die Umweltbelange fallen, sollte der Kreistag bereits in seiner Sitzung am 24. September die revidierte und neu erstellte Liste mit bisher 267 alten Bäumen (und geschützten Landschaftsbestandteilen) aus elf Städten und Gemeinden beschließen, damit ihr Schutz nicht schon Ende Dezember, mit dem Ende der alten Verordnung, in ein gefährliches rechtliches Vakuum schlingert.
Man könne nach dem Beschluss aber noch in die Feinabstimmung gehen, schickte Wied am Donnerstagabend in der Sitzung des Naturschutzbeirats im Siegener Lyz nach. Spätestens im März 2022 sollte sie endgültig feststehen.

Klärungsbedarf bei der Liste der Naturdenkmäler des Kreises

Die 16 Fachleute in diesem Beirat gehören keiner Partei an, sondern geben als Experten des Naturschutzes sowie der Land- und Forstwirtschaft ihre sachkundige Meinung zu Naturschutzprojekten ab, die die beim Kreis angesiedelte Untere Naturschutzbehörde in ihren Beschlussempfehlungen für den Kreistag und andere vorgeschaltete Gremien berücksichtigt.

Doch am Donnerstag in der Sitzung unter Leitung der Vorsitzenden Prof. Dr. Klaudia Witte gab es wie schon zuvor in der Frage darüber, was schützenswert ist, wie genau die Liste auszusehen hat und wann sie fertig zu sein hat, viel Klärungsbedarf.

Ein Knackpunkt: Etwa ein Viertel der ursprünglich aufgeführten Bäume taucht nicht mehr auf, weil sie krank, bereits gefällt oder sonstwie Probleme bereiten, sei es, dass sie nach Ansicht der Behörde die Verkehrssicherheit gefährden. Auch die Frage, was ein Naturdenkmal überhaupt ist, sorgte für Differenzen.

Unter Naturschutz, präzisierte Wied, gehörten nur besondere Einzelschöpfungen der Natur. Sie müssten prägend sein und das Kriterium der Sichtbarkeit erfüllen. Nicht einsehbare Bäume etwa fielen raus. Letztlich, fügte Wied hinzu, bedeute die Unterschutzstellung auch einen Eingriff ins Privateigentum.
Das rechtliche Dilemma sahen auch einige Beiratsmitglieder, etwa die Gefahr, dass Grundstücksbesitzer, denen ein Baum schon lange missfällt, sofort die Säge ansetzen könnten, sollte der Schutzstatus – und sei es nur vorübergehend – entfallen. Denn nicht alle Städte haben wie Siegen eine Baumschutzsatzung. Ein ganz konkretes Beispiel dafür gebe es in Neunkirchen, wo ein stattlicher Baum bedroht sei.

Streit über Blutbuche an der Weidenauer Straße

Auch über eine alte Blutbuche an der Weidenauer Straße, seit 40 Jahren geschützt, wie Witte erklärte, und – anders als behauptet – gut einsehbar, etwa vom Rathaus Weidenau aus, gab es Meinungsverschiedenheiten.

Markus Fuhrmann vom Naturschutzbund sah in der abgespeckten Liste „ein absolut falsches Signal in heutiger Zeit, mitten im Klimawandel und in Zeiten des Artensterbens“, und Martin Zapletal (BUND) gefiel nicht, dass Alleen rausgefallen seien. Landschaftsarchitektin Beate Flender-Dietewich (Holzhausen) schließlich vermisste in der aktuellen Liste der Behörde die neuen eingereichten Vorschläge für Naturdenkmale. Es sei durchaus möglich, weitere Bäume aufzunehmen, entgegnete daraufhin Arno Wied.

Bertram Nöll, seit Jahrzehnten bei der Naturschutzbehörde mit dem Thema Naturdenkmale befasst, nahm den Vorschlag der Vorsitzenden Witte an, sich in einem kleinen Gremium die strittigen Bäume noch einmal anzusehen. Wenn Bäume nicht mehr auftauchten, gebe es dafür stets gute Gründe, versicherte er. Doch alle 50 oder 60, das klappe zeitlich nicht mehr. Nun will man Fotodokumentationen einsehen und in kleinem Kreis etwa zehn Bäume persönlich inspizieren.

„In dubio pro arbor“ (Im Zweifel für den Baum), appellierte zuletzt Klaudia Witte und wandelte den bekannten Grundsatz der Rechtsprechung auf die Bäume an. Solche alten Bäume hätten überdauert und viel erlebt. Deren Samen seien denen aus Baumschulen vorzuziehen. Man sollte sie sammeln, wie das in einem Projekt in Rheinland-Pfalz erfolgreich praktiziert werde. Doch so lobenswert das sei, teilte ihr die Verwaltung mit, – solche Kriterien führe die Verordnung zum Schutz von Naturdenkmalen gar nicht auf.

Autor:

Dr. Andreas Goebel (Redakteur) aus Betzdorf

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