Neuer Termin im Hanfdschungel

pebe Siegen. Der Zeuge rutschte auf seinem Stuhl hin und her. Er wolle nach Rücksprache mit seinen Anwälten erst mal nichts sagen. Der Richter möge doch einen neuen Termin festsetzen, an dem er dann mit seinem Zeugenbeistand erscheinen werde, um auszusagen, bot er an.

Richter Uwe Stark, seines Zeichens Vorsitzender des Schöffengerichts, entgleisten zwar nicht die Gesichtszüge, aber er musste doch an sich halten, denn die Sitzung war bereits der zweite Prozess-Anlauf. „Warum ist der Beistand heute nicht da?“ Der Zeuge, gegen den derzeit gesondert ermittelt wird, hob unwissend die Schultern: Sein Anwalt habe sich um die Sache kümmern wollen und ihm gesagt, der Richter möge sich direkt mit der Kanzlei in Verbindung setzen. „Der Ton missfällt mir ziemlich, wenn das so gesagt wurde“, befand der Richter trocken und wies den 35-Jährigen an, bis auf Weiteres draußen Platz zu nehmen.

Er hätte als Zeuge im Verfahren gegen einen 55-jährigen Siegerländer auftreten sollen. Dem legte Staatsanwalt Manfred Lischeck zu Last, er habe im vorigen Jahr einmal ein Kilo und einmal ein Pfund Marihuana bei eben diesem Zeugen gekauft und an weitere Konsumenten veräußert.

Schweigen kann trotz mangelnder „Tonlagen“ Resonanzen bilden, und so schwieg vor dem Zeugen bereits der Angeklagte. Schon stand das Verfahren erneut auf der Kippe. Dennoch wollte der Richter den ermittelnden Polizeibeamten hören. Und der berichtete, der Angeklagte sei in Ermittlungen gegen einen Drogendealer als Akteur aufgetaucht. Der schweigsame Zeuge, der in der Eifel dem Polizisten zufolge gemeinsam mit anderen eine Hanf-Plantage betrieb, habe ihn auf Fotos wiedererkannt und als einen der Abnehmer bezeichnet. Der Angeklagte sei als Konsument bekannt, bei einer Hausdurchsuchung seien geringe Mengen „Gras“ sichergestellt worden. Auf die Vorwürfe habe er der Polizei gesagt, er habe gar nicht so viel Geld, um die behauptete Menge „Trockenhanf“ kaufen zu können.

Der Staatsanwalt versuchte es gütlich: Das Betäubungsmittelgesetz gebe Angeklagten doch explizit Vorteile bei der Strafzumessung, wenn ein entsprechendes Geständnis erfolge. Zudem wolle der Belastungszeuge Angaben machen. „Die Zeit läuft gegen Sie“, meinte er. Der Verteidiger nickte und zog sich mit seinem Mandanten zum Gespräch zurück. Nach dieser Unterredung machte der Angeklagte den Mund auf. Er gebe zu, 2008 einmal 500 Gramm vom Zeugen gekauft zu haben. „Ich hatte 1500 Euro gespart und wollte damit nach Indien. Aber 3,50 Euro pro Gramm waren so verlockend, dass ich kaufte, als er es mir anbot.“Nein, verkauft habe er davon nichts, sondern mit Freunden alles selbst geraucht, bei einem Eigenverbrauch von „zwei bis drei Gramm am Tag“. „Und das Kilo aus dem zweiten Fall?“, wollte Staatsanwalt Lischeck wissen. Damit habe er nichts zu tun, verwehrte sich der Angeklagte. Und das Döschen mit Hanfsamen, das bei ihm gefunden worden sei? Das sei doch nicht verboten, meinte der 55-Jährige. Der Zeuge müsse wohl versuchen, seine Drogen „unterzukriegen“.Lischeck nickte: „Das hat er, nämlich größtenteils bei Ihnen.“ Und dann, zu Richter Stark gewandt: „So kommen wir nicht weiter. Bei einer solchen Einlassung erwacht bei mir die Kampfeslust.“ Richter Stark blätterte im Taschenkalender, aber da innerhalb der zulässigen Drei-Wochen-Frist kurz nach Weihnachten kein Termin zu finden war, verkündete er: „Wir müssen neu verhandeln.“ Das wird somit der dritte Versuch, kein (juristisch unverdächtiges) Gras über die Sache wachsen zu lassen.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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