Neues Ensemble Siegen überzeugt bei Premiere

Abwechslungsreiches Programm mit Mozart, Wagner und Piazolla im Festsaal der Rudolf-Steiner-Schule aufgeführt

bst Siegen. Vor einem halben Jahr war er mit virtuoser Streicherkammermusik in Freudenberg zu hören gewesen, seit kurzem leitet Werner Dickel das »Neue Ensemble Siegen«, hauptberuflich ist er in Wuppertal als Professor für Viola und Streicherkammermusik tätig. 32 Musikerinnen und Musiker – Profis, Studenten und versierte Amateure aus dem Siegerland und einige auch aus Essen und Wuppertal – hatten der Musiklehrer Dr. Klaus Zöllner und Prof. Werner Dickel zusammengeführt und auf einem verlängerten Wochenende auf diese anspruchsvolle Konzertpremiere mit Orchestermusik aus dem 18. bis 20. Jahrhundert vorbereitet.

Trotz hervorragenden »Pfingstsamstagabend-Grillwetters« hatten sich viele Zuhörer im Festsaal der Rudolf-Steiner-Schule eingefunden, wo das Neue Ensemble Siegen mit einer relativ klein besetzten »Sinfonischen Dichtung« startete, die Richard Wagner kurz nach der Geburt des Sohnes Siegfried für seine Ehefrau Cosima zu deren Geburtstag am Weihnachtstag 1871 aufführen ließ. Dieses »Siegfried-Idyll« hatte Wagner mit filigranen Miniaturen über Motive aus seiner Oper »Siegfried« ausgestattet, die Dickel mit seinem Ensemble klanglich und dynamisch sehr differenziert herausarbeitete, wobei die Bläsersolistinnen und -solisten (Horn und Holz) brillierten. Auf sehr eindrückliche Weise erfuhren die Zuhörer Wagners kammermusikalische Genialität in bewundernswerter klanglicher Ausgewogenheit und Geschlossenheit. Vom 19. ins 20. Jahrhundert wechselte dann das Programm mit den »Five Tango Sensations« für Bandoneon und Streichquartett des Argentiniers Astor Piazolla (1921– 1992) in einer Bearbeitung für Akkordeon und Streichorchester. Piazolla hatte bereits mit neun Jahren Bandoneon zu spielen begonnen, später in Paris studiert und war dem Rat seiner Lehrer am »Conservatoire« gefolgt, seine eigene Musiksprache zu entwickeln, so wurde er zum Protagonisten des »Tango nuevo«.

Diese Musiksprache zu präsentieren, hatte Werner Dickel den seit 2000 in Wuppertal tätigen Alexander Pankow als Solisten gewinnen können. Pankow wurde 1971 im zentralrussischen Woronesch geboren, schon als Jugendlicher an der Schule für musikbegabte Kinder der Hochschule in Nowosibirsk ausgebildet und mit Preisen bei internationalen Wettbewerben belohnt. Auf seinem »Mir«-Knopfgriff-Akkordeon eröffnete er mit dem ruhig-verträumten »Asleep« Piazollas fünfsätziges Werk, dem das gefühlvoll intonierte »Loving« folgte, sehr einfühlsam beleitet von den Streichern, die allmählich mehr ins Spiel kamen und in den weiteren Sätzen überraschende Glissandi und auf dem Korpus der Instrumente geklopfte Rhythmen beisteuerten. Im vierten Satz »Despertar« (Erwachen) sah die Bearbeitung z.T. Duette zwischen Pankow und den Stimmführerinnen der einzelnen Streichergruppen vor, die technisch perfekt und im Zusammenspiel sehr harmonisch an die »Concertino«-Tradition der Barockzeit erinnerten, ehe im Schluss-Satz »Fear« am deutlichsten zum Ausdruck kam, was die meisten Zuhörer mit dem »neuen Tango« assoziieren: Drängender, mitreißender Rhythmus. Für diese rundum gelungene Aufführung dieses im Siegerland selten aufgeführten Werkes gab es lang anhaltenden Applaus für den Solisten, die Streicher und den Dirigenten. Nach der Pause kam das nun um Flöte sowie je zwei Klarinetten, Fagotte, Hörner und Trompeten sowie Pauken erweiterte Ensemble zum Einsatz mit einem klassischen Werk, das für die Blüte der Symphonik am Ende des 18. Jahrhundert exemplarisch ist. Vor 215 Jahren komponierte Wolfgang Amadeus Mozart innerhalb von sechs Wochen seine drei letzten Sinfonien (KV 543, 550 und 551). Die in der nach freimaurischer Auffassung meisterlichen Tonart Es-Dur gehaltene viersätzige Sinfonie Nr. 39 (KV 543) hatte Werner Dickel an den Schluss des Konzertes gestellt. Unter seinem transparent-dynamisch wirkenden Dirigat konnte das Neue Ensemble zeigen, worum es Mozart bei seinen letzten Sinfonien (wahrscheinlich) gegangen ist: um strukturelles Gleichgewicht und Proportion, reichhaltiges harmonisches Vokabular und um orchestrale Texturen, die sich nicht zuletzt im Einsatz der Blasinstrumente über die »Harmoniestimmen«-Funktion hinaus- weisen sollten.

Diesen Mozart zugeschriebenen Intentionen verlieh das Orchester mit großer Spielfreude Ausdruck. Vielleicht hatte Dickel die Tempi etwas zu flott genommen, so dass das abschließende Allegro fast schon gehetzt wirkte, aber die Verdeutlichung der symphonischen Kunst des erst 32 Jahre alten Mozart gelang überzeugend, die Ausgewogenheit von Streicher- und Bläserklängen in intonatorischer und rhythmischer Präzision bestach, die Vertrautheit zwischen Dirigent und Musikern nach so kurzer Probenzeit verblüffte. Für den nicht enden wollenden Applaus bedankte sich das Ensemble mit der Wiederholung des Menuetts aus der Mozart-Sinfonie mit dem Ländler-Atmosphäre erzeugenden Klarinetten-Solo im Trio.

Das Konzert wurde am Pfingstsonntag in Wuppertal-Cronenberg wiederholt. Laut Klaus Zöllners Ankündigung darf auf weitere Hörgenüsse gehofft werden: die gelungene Premiere des Neuen Ensembles Siegen motiviert zur Weiterarbeit, die Siegener Musikszene darf sich über eine interessante Bereicherung freuen.

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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