Nicht allein nur Wege zu Bach

KMD Ulrich Stötzel spielte Norddeutsche Orgelmusik in Martinikirche

ars Siegen. Neben süddeutschen und französischen Einflüssen war Johann Sebastian Bach vor allem von der norddeutschen Orgeltradition und deren Meister Dietrich Buxtehude geprägt. KMD Ulrich Stötzel ging diesen unterschiedlichen Einflüssen in dieser Konzertsaison nach, zuletzt mit einem instruktiven Orgelkonzert zum »Stilus fantasticus« der Norddeutschen Orgelschule an der dafür bestens geeigneten restaurierten Mebold-Orgel in der Martinikirche.

Dem knapp einstündigen Konzert ging eine Einführung von Stötzel in die Abhängigkeit der Norddeutschen vom gefühlsbetonten und affektgeladenen Tastenspiel des Italieners Girolamo Frescobaldi, das die Gefühlspalette der zeitgenössischen Madrigale auf die Tasteninstrumente zu übertragen sucht, voran. Dieser »Stilus fantasticus« mit seinen sprechenden Gebärden, Seufzern, Trillern und schnellen Läufen mischt sich im Umkreis von Buxtehude mit einer strengen und herben einheimischen Tonsprache zu Werken, denen man Unrecht täte, sie nur als Wege zu Bach zu hören.

Im Mittelpunkt des sehr durchsichtigen Programms – ein Großwerk, Präludium bzw. Toccata (und Fuge) wechselte mit je einer kurzen Choralbearbeitung über »Vater unser im Himmelreich« – standen Präludium und Fuge e-Moll BuxWV 142 von Buxtehude und die Toccata C-Dur BWV 566 von Bach, die deutlich machten, wie sehr der junge Bach im Stil des großen Meisters Buxtehude komponierte, was bis zur ohrenfälligen Kopie ging.

Andererseits ist der Tonfall der Toccata schon erkennbar Bach, auch wirkt das Werk in Gänze geschmeidiger und unbedingter im Gefühlsausdruck. Stötzel spielte dieses vielleicht zu wenig beachtete Werk mit schnellem Eingangslauf flüssig und energetisch aufgeladen, schlank und durchsichtig, wie einen Wetterbericht zu einem strahlenden, ungetrübten Frühsommertag. Buxtehudes Präludium, formal das Vorbild, spielt mit den harmonischen Erwartungen der Hörer, ist dicht, affektenreich und fantasievoll, mit einer sehr kunstvollen, zu kontemplativem Hören anleitenden Fuge, aber auch weniger impulsiv und direkt.

Am erstaunlichsten und unkonventionellsten wirkte, im Abstand der Jahrhunderte, Präludium und Fuge e-Moll des leider viel zu früh verstorbenen Buxtehude-Schülers Nikolaus Bruhns. Stötzel spielte diesen genialischen Wurf voller Überraschungen sehr rhythmisch betont, ließ ein auf der Orgel selten zu hörendes Pochen und Drängen entstehen, in das allerlei überraschende Wendungen und Exkurse eingebettet waren. Dieses Werk machte vor allen anderen erklingenden von Franz Tunder, Samuel Scheidt, Georg Böhm und Vincent Lübeck deutlich, dass die reiche Norddeutsche Orgelschule gewiss durch stilistische Merkmale gekennzeichnet ist, aber auch eine individuelle, unverwechselbare Verarbeitung dieser Merkmale zuließ.

Der warme Beifall der Zuhörer galt einem Interpreten, der bei der Gestaltung dieser Musik aus einem reichen Fundus der Stil- und Ausdrucksmittel schöpfte, und einem Instrument, das in vielerlei Hinsicht am norddeutschen Orgeltyp orientiert ist und dieses Konzert zu einem authentischen Klangerlebnis machte.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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