SZ

Gespräch mit Zeitforscher Jürgen P. Rinderspacher
„Nicht die Freizeit wird zur Stresszeit – das ganze Leben“

Zeit strukturiert den Alltag, die Uhr gibt den Rhythmus vor: 24 Stunden, 1440 Minuten oder 86 400 Sekunden stehen uns täglich zur Verfügung. Was auf den ersten Blick üppig klingen mag, reicht für viele Menschen nicht aus.
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  • Zeit strukturiert den Alltag, die Uhr gibt den Rhythmus vor: 24 Stunden, 1440 Minuten oder 86 400 Sekunden stehen uns täglich zur Verfügung. Was auf den ersten Blick üppig klingen mag, reicht für viele Menschen nicht aus.
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ako Siegen/Münster. Der Satz „Ich habe keine Zeit“ scheint in unserer Gesellschaft heute allgegenwärtig: Viele Menschen wollen nicht nur während der Arbeit, sondern auch am Wochenende oder im Urlaub so viel erledigen wie möglich – und das führt zu Stress. Im Rahmen der Themenwoche „Zeit“ sprach die SZ mit dem Zeitforscher Jürgen P. Rinderspacher vom Institut für Ethik und angrenzende Sozialwissenschaften an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU) über unser Stressempfinden im Alltag, den „Optimierungswahn“ in der Gesellschaft sowie den Einfluss digitaler Medien auf unsere Freizeit.

• Siegener Zeitung: „Herr Rinderspacher, viele Menschen in Deutschland arbeiten kürzer denn je, bekommen mehr Urlaub und haben zahlreiche technische Helfer – anders als frühere Generationen.

ako Siegen/Münster. Der Satz „Ich habe keine Zeit“ scheint in unserer Gesellschaft heute allgegenwärtig: Viele Menschen wollen nicht nur während der Arbeit, sondern auch am Wochenende oder im Urlaub so viel erledigen wie möglich – und das führt zu Stress. Im Rahmen der Themenwoche „Zeit“ sprach die SZ mit dem Zeitforscher Jürgen P. Rinderspacher vom Institut für Ethik und angrenzende Sozialwissenschaften an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU) über unser Stressempfinden im Alltag, den „Optimierungswahn“ in der Gesellschaft sowie den Einfluss digitaler Medien auf unsere Freizeit.

Siegener Zeitung: „Herr Rinderspacher, viele Menschen in Deutschland arbeiten kürzer denn je, bekommen mehr Urlaub und haben zahlreiche technische Helfer – anders als frühere Generationen. Dennoch bestimmt Stress unseren Alltag. Ist das ,objektiv’ richtig, oder ,empfinden’ wir nur mehr Stress?“

Jürgen P. Rinderspacher: „Im Vergleich zu den Generationen vor einem halben Jahrhundert haben sich die durchschnittlichen Jahres-Arbeitszeiten tatsächlich erheblich verkürzt. Gleichzeitig ist jedoch die Arbeit heute um ein Vielfaches intensiver geworden, in den Fabriken ebenso wie in den Büros oder im Einzelhandel. Dadurch benötigen die Beschäftigten längere Zeit, um sich wieder von ihrer Arbeit zu erholen, die Arbeit ragt also gewissermaßen viel weiter in die Freizeit hinein. Und mit jedem Rationalisierungsprozess werden Arbeitsprozesse weiter verdichtet, oder wenn zum Beispiel eine Großbank Tausende Mitarbeiter entlässt, deren Aufgaben dann die Verbleibenden miterledigen müssen.

Gleichzeitig ist inzwischen schon von der Rente mit 70 die Rede. Ob das angesichts der Arbeitsverdichtung sinnvoll ist, bleibt fraglich. Deutliche Indikatoren, die gegen einen späteren Eintritt ins Rentenalter sprechen, sind unter anderem die erhöhten Krankheitsraten und Frühverrentungen aufgrund psychischer Erkrankungen, auf die die Krankenkassen immer wieder aufmerksam machen.

Heute geht es bei der Arbeitszeitfrage im Wesentlichen darum, ob bzw. inwieweit es den arbeitenden Menschen möglich ist, im Verlauf ihrer Erwerbsbiografie über den Umfang ihrer Arbeitszeit aber auch deren Lage und Verteilung über den Tag, die Woche, das Jahr oder das Erwerbsleben selbst zu entscheiden. Die Industriegewerkschaft Metall hat ja beispielsweise in dieser Richtung in 2018 einen wichtigen Tarifvertrag abgeschlossen.

Allerdings darf man nicht naiv sein: Wer heute halbtags arbeitet, weil es gerade gut in sein Lebenskonzept passt, muss immer bedenken, dass er auch im Alter noch gut leben will und dafür hier und heute etwas zurücklegen muss. Die Wahl der richtigen Arbeitszeit ist also immer auch an eine gute Balance von Zeit und Geld gekoppelt – bezogen auf ein ganzes Arbeitsleben. Das wird in den öffentlichen Diskussionen meistens vergessen.“

SZ: „Arbeit, Hobby, Freunde, Beziehung und Kinder: Neben dem Beruf gehen viele Menschen heute zahlreichen Aktivitäten nach. Dabei lässt sich in der Gesellschaft ein Trend zur Optimierung beobachten. Viele wollen nicht nur ihre Karriere, sondern auch ihre Freizeit bestmöglich gestalten. Wird Freizeit somit zur Stresszeit?“

Jürgen P. Rinderspacher: „Nicht die Freizeit wird zur Stresszeit – das ganze Leben! Der Optimierungswahn bedeutet ja nichts anderes, als dass man möglichst die gesamte, begrenzte Lebenszeit an viele als sinnvoll erachtete Dinge bindet – sie ganz bewusst ,nutzt’. Dadurch gerät im Prinzip jede Minute unter einen Zeit-Ökonomisierungsdruck. Denn dann fragt man sich immer, was sinnvoll ist, an welche Dinge oder Personen wir unsere Zeit binden wollen – und wir neigen dazu, nur große und wichtige Events für sinnvoll zu halten und solche, die etwas kosten. Einfach aus dem Fenster zu schauen oder auf der Parkbank zu sitzen gerät dann zu ,inferioren Tätigkeiten’, wie Wissenschaftler sagen.

Und mal ehrlich – selbst wenn wir auf der Parkbank sitzen, denken wir darüber nach, wie wir entweder ein neues Event organisieren oder unsere Chancen im Job verbessern können. Und zumindest in der Freizeit gibt es immer viel mehr Möglichkeiten, als wir an Lebenszeit haben, um sie zu nutzen – selbst wenn wir 150 Jahre alt würden. Die Entgrenztheit unserer Wünsche und Ziele trifft hier neben anderen auf die Grenzen unserer Lebenszeit, darin liegt das Problem.“

SZ: „Durch digitale Medien sind wir heute alle vernetzt und zu jeder Tageszeit erreichbar. Sind das Smartphone und der E-Mail-Account daran schuld, dass wir verlernt haben, unsere Freizeit zu genießen?“

Jürgen P. Rinderspacher: „Nein, jedenfalls nicht allein. Sie sind nur eine weitere Möglichkeit, in einer an sich schon hoch komplexen Gesellschaft mit fast unendlich vielen Gelegenheiten seine persönliche Lebenszeit an die eine oder andere Sache zu binden. Diese Gelegenheiten wachsen immer weiter und weiter. Denken wir etwa nur an die Zunahme immer weiterer (Individual-)Sportarten. Und bekanntlich haben sich die Grenzen, mit jemandem schnell und ohne großen Inhalt Kontakt aufzunehmen, durch die Digitalisierung fast aufgelöst.

Schuld an dem vermeintlichen Zuviel ist aber nicht allein die Technologie, die ja nur eine technische Möglichkeit darstellt. Wir alle waren in der vergangenen Dekade selbst beteiligt an der Entwicklung einer bis dato noch unbekannten digitalen Kommunikations-Kultur mit dem Smartphone, die auch die Frage beinhaltet, wie viel Zeit wir dafür aufwenden wollen.

Ganz neue Zeitnormen sind entstanden, etwa bei der Frage, wie schnell man auf eine Nachricht reagieren muss, ohne dass der Kommunikationspartner eine Missstimmung oder Ablehnung beim Gegenüber vermutet.

Wir waren und sind, gerade was die Zeitmaße der Kommunikation angeht, Täter und Opfer zugleich. Denn wir können solcherart Zugriffe auf unser Zeitbudget auch zurückweisen, soviel Zivilcourage darf man schon von jedem erwarten. Das betrifft auch die Kommunikation mit dem Arbeitgeber, der ja immer öfter gerne in der Freizeit anruft, um einen raschen Sondereinsatz einzufordern.

Einige große Unternehmen haben hierzu ja bereits Betriebsvereinbarungen abgeschlossen, die solche Anrufmöglichkeiten zeitlich limitieren sollen. Das stärkt den Beschäftigten in solchen Situationen zumindest den Rücken.“

SZ: „Vor allem junge Menschen scrollen täglich durch die ,Newsfeeds’ in sozialen Netzwerken wie Facebook, Instagram und Co. Sie können permanent sehen, was andere gerade machen. Dadurch wächst bei vielen einerseits der Druck, etwas zu verpassen, andererseits schürt es die Angst, dass andere mehr Spaß im Leben haben könnten. Wirken sich soziale Netzwerke negativ auf die Freizeitgestaltung von jungen Menschen aus?“

Jürgen P. Rinderspacher: „So pauschal würde ich das nicht sagen. Die Freizeit und ihre Verbringung unterliegt von jeher Veränderungen, die einerseits etwas mit dem Wandel der sozialen Strukturen einer Gesellschaft zu tun haben, unter anderem mit zunehmender Individualisierung, andererseits mit neuen Technologien, die dann den Alltag der Menschen prägen. Erinnert sei an die 1960er-Jahre, als das Fernsehen die Menschen faszinierte und neue Gesellungsformen mit sich brachte – sowohl mehr Gemeinschaft als auch mehr Vereinzelung stiftete. Das hängt dann unter anderem auch von den Menschen und ihrem sozialen Status ab. Ähnliche Polarisierungen erleben wir ja auch bei Facebook und Co. oder beim Umgang mit Computerspielen.

Aber ebenso wie das Fernsehen nicht das Kino kaputt gemacht hat, finden wir in den Kaufhäusern nach wie vor große Abteilungen mit konventionellen Spielen – wobei Spielsucht bei diesen meines Wissens allerdings nur vergleichsweise selten beobachtet worden ist. Und wenn jemand einen Krimi nach dem anderen verschlingt, nur in Buchform, kann er genauso sozial isoliert sein wie ein Freak vor dem Bildschirm. Grundsätzlich ist es ja auch überhaupt nichts Schlechtes, sich in eine Sache so hineinzubegeben, dass man die Zeit um einen herum nicht mehr spürt. Bei einem Maler würde man das als kreativen Flow bezeichnen. Das Problem liegt dann also in der Bewertung.

Problematisch ist allerdings, dass meines Wissens ausgerechnet bildungsferne Schichten dazu neigen, sich von den digitalen Medien in negativer Weise beherrschen zu lassen und dadurch noch weiter zurückfallen, auch was die körperlichen Fähigkeiten betrifft. Wenn wie kürzlich in Schleswig-Holstein öffentliche Einrichtungen geschaffen werden, die den Kindern das Fahrradfahren beibringen sollen, liegt das zwar nicht nur an den Folgen der Digitalisierung des Privatbereiches, aber doch wohl auch.“

SZ: „Laut repräsentativen Studien ist die Gruppe der Rentner diejenige Bevölkerungsgruppe, die mit Blick auf ihre Freizeit den höchsten Grad der Zufriedenheit erreicht. Stimmen Sie dem zu?“

Jürgen P. Rinderspacher: „Teils, teils. Die Lebenslagen der Rentner sind bekanntlich sehr unterschiedlich. Das beginnt beim Alter sowie der Gesundheit und endet beim Geld. Wer krank oder pflegebedürftig ist, keine Familie mehr hat oder nie Kinder hatte, spürt gerade mit zunehmendem Alter die Defizite seines Lebens – in einer Lebensphase, in der eigentlich genug Zeit vorhanden wäre, ein sinnerfülltes Leben zu haben.

Ähnlich ist es, wenn zwar viel Zeit, aber kein Geld vorhanden ist, um etwa die vielen kulturellen Angebote nutzen zu können, die es besonders in Deutschland gibt. Und wer allein auf dem Lande lebt, wo es keinen Kaufmann, kein Wirtshaus und keinen Bus mehr gibt, droht ebenfalls zu vereinsamen. Bei all dem spielt auch der Unterschied zwischen Männern und Frauen eine Rolle. Ich würde das Ganze dann prekären Zeitwohlstand nennen: Zeit zu haben, mit der wir strukturell bedingt nichts Rechtes anfangen können.

Auf der anderen Seite stehen, gewissermaßen als Symbol für einen wohlhabenden Ruhestand, die Rentner, die auf mehreren Kreuzfahrten im Jahr oder im Wohnmobil ihr erwerbsarbeitsfreies Leben bei relativ guter Gesundheit verbringen können. Das schafft natürlich mehr Zufriedenheit.

Letztlich ist es aber der Grad der sozialen Inklusion in Verbindung mit genügend verfügbarer Zeit und genügendem Einkommen, der die Zufriedenheit ausmacht. Immer im Vergleich zu der sozialen Bezugsgruppe, der man sich zugehörig fühlt.“

SZ: „Für viele ist freie Zeit im Leben ein wichtiges Gut und bedeutet Glück. Gibt es eine Anleitung für einen perfekten Umgang mit Zeit?“

Jürgen P. Rinderspacher: „Das wäre vermessen – gottseidank! Aber ein Stichwort wäre hier das einer guten Balance zwischen Arbeit und Freizeit. Denn es wäre traurig, wenn gute Lebenszeit oder erfüllte Zeit nur jenseits der Arbeit möglich wäre. Die Arbeit wird allen gegenteiligen Prophezeiungen zum Trotz meines Erachtens auch weiterhin die zentrale Rolle in der kommenden Gesellschaft spielen.

Gerade in einer Zeit, in der die digitale Revolution der Arbeitswelt unmittelbar bevorsteht, müssen jeder Einzelne wie auch die einschlägigen gesellschaftlichen Institutionen darauf achten, dass Erwerbsarbeit nicht abgewertet und nicht inhaltsleer wird, denn dieser Sinnverlust wäre auch durch die raffiniertesten Freizeitangebote nicht zu ersetzen.“

Dr. Jürgen P. Rinderspacher, Jahrgang 1948, absolvierte ein Studium der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften sowie Theologie in Berlin, wo er 1984 auch promovierte. Heute ist er als Dozent und Projektleiter am Institut für Ethik und angrenzende Sozialwissenschaften der Evangelisch-Theologischen Fakultät an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster tätig. Der gebürtige Berliner ist Autor und Herausgeber zahlreicher Bücher zu unterschiedlichen Aspekten von Zeit und Gesellschaft und prägte in den 1980er-Jahren den Begriff „Zeitwohlstand“. Darüber hinaus ist er Mitbegründer sowie stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Zeitpolitik (DGfZP). Der im Jahr 2002 gegründete Verein, dem mehrere Zeit-Experten angehören, verfolge unter anderem das Ziel, zu einem lebensfreundlichen Ausgleich zwischen Be- und Entschleunigung und zur Nachhaltigkeit von Alltagszeitstrukturen beizutragen, heißt es auf der Homepage der DGfZP. Dafür entwerfe der Verein Modelle von Zeitsouveränität sowie von individuellem und kollektivem Zeitwohlstand und mache alternative zeitpolitische Vorschläge: „Wir wollen wissenschaftliche Erkenntnisse für die alltägliche Zeitgestaltung, für öffentliche Auseinandersetzungen und politische Entscheidungsprozesse nutzbar machen“, so die DGfZP. Mehr Informationen gibt es im Internet unter www.zeitpolitik.de.
Zeit strukturiert den Alltag, die Uhr gibt den Rhythmus vor: 24 Stunden, 1440 Minuten oder 86 400 Sekunden stehen uns täglich zur Verfügung. Was auf den ersten Blick üppig klingen mag, reicht für viele Menschen nicht aus.
Zeitforscher Dr. Jürgen P. Rinderspacher befasst sich unter anderem mit den Themen Zeitwohlstand, Zeitinstitutionen, Ökologie der Zeit und Ethik der Zeit.
Autor:

Alexander Kollek

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