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Sozialrestaurant „net(t)werk“ darf keine Mahlzeiten auftischen
"Nicht menschenwürdig"

Auf Abstand: Die Sozialsparte des Heimatvereins Achenbach hat Geld in die Hand genommen für Hygienemaßnahmen im Restaurant „net(t)werk“ – dennoch dürfen sich hier derzeit nicht einmal fünf Obdachlose auf 120 Quadratmetern Fläche aufwärmen.
  • Auf Abstand: Die Sozialsparte des Heimatvereins Achenbach hat Geld in die Hand genommen für Hygienemaßnahmen im Restaurant „net(t)werk“ – dennoch dürfen sich hier derzeit nicht einmal fünf Obdachlose auf 120 Quadratmetern Fläche aufwärmen.
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  • hochgeladen von Marc Thomas

js Achenbach. Günther Langer ist empört. Dem ehrenamtlichen Geschäftsführer der gemeinnützigen Qualifizierungs- und Weiterbildungsgesellschaft, über die der Heimatverein Achenbach seit Jahren bedürftige Bürger unterstützt, sind seit Anfang der Woche die Hände gebunden. Im Sozialrestaurant „net(t)werk“ auf dem Heidenberg ist es ihm und seinem Team jetzt nicht mehr gestattet, Obdachlosen für einen begrenzten Zeitraum ein warmes Plätzchen zu bieten und dabei eine warme Mahlzeit zu servieren. Jetzt hat er sich mit einem offenen Brief an die Landesregierung in Düsseldorf gewandt und plädiert für eine schnelle Lösung.

In seinem an Ministerpräsident Armin Laschet adressierten Schreiben schildert der Achenbacher die derzeitige Situation.

js Achenbach. Günther Langer ist empört. Dem ehrenamtlichen Geschäftsführer der gemeinnützigen Qualifizierungs- und Weiterbildungsgesellschaft, über die der Heimatverein Achenbach seit Jahren bedürftige Bürger unterstützt, sind seit Anfang der Woche die Hände gebunden. Im Sozialrestaurant „net(t)werk“ auf dem Heidenberg ist es ihm und seinem Team jetzt nicht mehr gestattet, Obdachlosen für einen begrenzten Zeitraum ein warmes Plätzchen zu bieten und dabei eine warme Mahlzeit zu servieren. Jetzt hat er sich mit einem offenen Brief an die Landesregierung in Düsseldorf gewandt und plädiert für eine schnelle Lösung.

In seinem an Ministerpräsident Armin Laschet adressierten Schreiben schildert der Achenbacher die derzeitige Situation. „Momentan kann natürlich kein regulärer Betrieb stattfinden, Mahlzeiten können – wenn überhaupt – für unsere sozial schwächeren Gäste nur zum Mitnehmen angeboten werden“, heißt es in dem Brief. Im Rahmen der Armutsbekämpfung aber sei es in den vergangenen Monaten der Pandemie möglich gewesen, Obdachlosen und sonstigen Bedürftigen im Restaurant einen kurzen Aufenthalt zum Aufwärmen und zum Verzehr einer warmen Mahlzeit zu gewähren. „Dabei wurde auch auf die Einhaltung des Mindestabstands geachtet“, betont Langer. Jeder Tisch sei mit höchstens einer Person besetzt gewesen, jeder zweite Tisch musste frei bleiben. „Bei einer Fläche von 120 Quadratmetern, zudem gut belüftet, wurden maximal fünf Personen gleichzeitig eingelassen.“

Mit Coronaschutzverordnung nicht vereinbar

Das aber sei nun mit der Coronaschutzverordnung des Landes NRW, genauer mit Paragraf 14, nicht mehr vereinbar, habe die Stadt Siegen den Aktiven vom Heidenberg nun mitgeteilt. Lediglich die Ausgabe von Mahlzeiten zum Mitnehmen sei gestattet. „Um unserem Auftrag der Nächstenliebe und Mitmenschlichkeit trotzdem nachkommen zu können und insbesondere unsere obdachlosen Mitmenschen weiterhin menschenwürdig versorgen zu können, hatten wir bei der Stadt um eine Ausnahmegenehmigung gebeten.“ Diese sei aber nicht erteilt worden. In geschlossenen Räumen sei die Essensausgabe momentan nicht zulässig, wohl aber in einem mit Abstand aufgestellten Zelt – das habe das Ordnungsamt mitgeteilt. „Aus unserer Sicht ist das aber keine Lösung“, erklärt Günther Langer.

Im Gegenteil: Die Bedürftigen würden sich in einem Zelt alle um einen Heizpilz versammeln, das Hygienekonzept sei da schwieriger durchzusetzen und zu kontrollieren als im Restaurant. „Wir können die Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie grundsätzlich nachvollziehen, aber rechtfertigt das, den obdachlosen Menschen die Möglichkeit zu geben, sich kurz aufzuwärmen und bei Bedarf ihre persönliche Hygiene vorzunehmen sowie auch ihre spärliche Kleidung bei uns kostenlos zu waschen?“

Der Heimatverein habe in sein Hygienekonzept investiert, berichtet Langer im SZ-Gespräch. Neue Fenster seien eingebaut worden, die auf Kipp gestellt für permanente Luftzufuhr sorgen. Mehr noch: „Alle unsere Mitarbeiter wurden bereits geimpft.“

Einzige warme Mahlzeit in Regen und Kälte?

Die Engagierten können nicht nachvollziehen, warum die von ihnen betreuten Menschen ihre einzige warme Mahlzeit des Tages in Regen und Kälte einnehmen müssen, während christliche Zusammenkünfte stattfinden, Betriebskantinen und Schulen aber geöffnet werden könnten. „Das ist einfach nicht menschenwürdig“, findet Günther Langer.

„Sehr geehrter Herr Ministerpräsident“, heißt es am Ende des offenen Briefs. „Wir bitten Sie inständig, hier eine Lösung im Rahmen der Coronaschutzverordnung zu schaffen, damit wir weiterhin die Schwächsten unserer Gesellschaft unterstützen können.“

Stadt Siegen an Corona-Schutzverordnung gebunden „Die Stadt Siegen schätzt und unterstützt den Heimatverein Achenbach für sein gemeinnütziges Wirken, ist aber gleichzeitig an die eindeutigen, rechtlich gültigen Bestimmungen der Corona-Schutzverordnung gebunden“, heißt es in einer Stellungnahme aus dem Rathaus. „Danach ist aufgrund des Infektionsgeschehens die Einnahme der ausgegebenen Mahlzeiten in geschlossenen Räumen derzeit nicht möglich.“ Arne Fries als zuständiger Ordnungsdezernent bedauert, dass für solche Situationen keine Ausnahmeregelungen vorgesehen sind. „Sobald das Land NRW wieder erlaubt, dass in geschlossenen Räumlichkeiten gemeinsam gegessen werden darf, ist eine solche Nutzung selbstverständlich wieder zulässig.“ Darüber hinaus sei eine Ungleichbehandlung des Heimatvereins Achenbach mit dem Café Patchwork nicht gegeben. „Richtig ist, dass das Café Patchwork zwei Zelte aufgebaut hat. Dort können die obdachlosen Menschen mit Abstand zur Ausgabestelle und unter Einhaltung der rechtlichen Bestimmungen der Corona-Schutzverordnung die Mahlzeiten zu sich nehmen.“ Dieses Vorgehen sei nach Angaben der städtischen Ordnungsbehörde auch dem Heimatverein Achenbach für das Sozial-Café/Restaurant „net(t)werk“ angeboten worden. Zudem, so sagt Fries ergänzend, sei die Essensausgabe nicht ausschließlich bedürftigen Menschen vorbehalten. „Da gibt es Überschneidungen, wenn auch wenige.“ Und genau da müsse darauf geachtet werden, dass nicht eine Ungleichbehandlung zur der kommerziellen Gastronomie entstehe.
Autor:

Jan Schäfer (Redakteur) aus Siegen

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