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Häusliche Gewalt in der Corona-Krise
Nicht nur das Virus ist eine Gefahr

Derzeit gibt es in Siegen-Wittgenstein keinen Anstieg von häuslicher Gewalt. Experten fürchten aber, dass im Zuge der Coronavirus-Pandemie die Dunkelziffer steigt.  Foto: Pixabay
  • Derzeit gibt es in Siegen-Wittgenstein keinen Anstieg von häuslicher Gewalt. Experten fürchten aber, dass im Zuge der Coronavirus-Pandemie die Dunkelziffer steigt. Foto: Pixabay
  • hochgeladen von Sarah Benscheidt (Redakteurin)

sabe Siegen. Angst. Stress. Aggressivität. Abgespanntheit. Corona verstärkt Emotionen. Die so nötigen Ausgangsbeschränkungen zerren beim einen oder anderen am Nervenkostüm. Der Partner strengt an, die Kinder auch. Zu viel und ungewohnte Nähe, entfremdeter Alltag. Wenn Räume schrumpfen, wird das Stolpern über Legosteine im Homeoffice zur Zerreißprobe. Der Gang auf den Balkon, in den Garten, in den Wald nimmt Dampf aus dem Kessel, beruhigt die Sinne und lässt manchmal Spannungen und Sorgen vergessen.

Frische Luft, tief einatmen, die Sonne im Gesicht. Für Menschen in ländlichen Gebieten gehört „das Grüne“ zum Alltäglichen. Ein Privileg, so wird es vielen in diesen Tagen auch in der Region bewusst.

Alles was entzerrt, lässt Unmut schrumpfen und Umstände akzeptieren.

sabe Siegen. Angst. Stress. Aggressivität. Abgespanntheit. Corona verstärkt Emotionen. Die so nötigen Ausgangsbeschränkungen zerren beim einen oder anderen am Nervenkostüm. Der Partner strengt an, die Kinder auch. Zu viel und ungewohnte Nähe, entfremdeter Alltag. Wenn Räume schrumpfen, wird das Stolpern über Legosteine im Homeoffice zur Zerreißprobe. Der Gang auf den Balkon, in den Garten, in den Wald nimmt Dampf aus dem Kessel, beruhigt die Sinne und lässt manchmal Spannungen und Sorgen vergessen.

Frische Luft, tief einatmen, die Sonne im Gesicht. Für Menschen in ländlichen Gebieten gehört „das Grüne“ zum Alltäglichen. Ein Privileg, so wird es vielen in diesen Tagen auch in der Region bewusst.

Alles was entzerrt, lässt Unmut schrumpfen und Umstände akzeptieren. Trotzdem – nicht immer kann Belastung mit Frischluft aufgewogen werden. Depression, Isolation, Einsamkeit, Angst. Ein sonniger Seelenstreichler reicht da kaum, Masken, Händewaschen und Desinfektion können hier nicht mehr schützen.

Nur eine Gefahr von vielen, die für etliche Menschen während der Corona-Zeit, fernab des Virus, zum tiefschwarzen Albtraum werden kann. So zeichnen sich schon jetzt an Entwicklungen im Urbanen sowie aus Studien anderer Länder traurige Trends wie der Anstieg häuslicher Gewalt ab, die Experten eindringliche Warnschüsse an Kommunen, Länder und Gesellschaft geben lassen.

Polizei: (noch) keine Zunahme häuslicher Delikte

„Keine dahingehende spürbare Trendwende im Kreis“, könne man indes derzeit bei polizeilichen Einsätzen beobachten, so Meik Scholze, Pressesprecher der Polizei in Siegen-Wittgenstein. Damit folgen die Zahlen hier einem gegenläufigen Kurs, der sich, abweichend von Expertenmeinungen, für ganz Nordrhein-Westfalen vorsichtig zu entwickeln scheint: So legte das NRW-Ministerium Bilanzen vor, die einen Rückgang häuslicher Delikte vermuten lassen.

Wie aussagekräftig bleiben aber Fallzahlen, wenn die Umstände der Pandemie die Dunkelziffer der Gewaltdelikte womöglich multiplizieren? Wenn soziale Kontrolle – der Bereich, in dem sonst häusliche Gewalt auffällt, wie bei Kindern in Schulen, Kitas oder bei Tagesmüttern – entfällt, wenn bedrängte Frauen mit ihren Peinigern quasi eingesperrt werden und der Anruf bei einer Notrufzentrale, einem Hilfetelefon oder einer Freundin entfällt, eine Anzeige also immer schwieriger wird?

So warnte jüngst Europarats-Generalsekretärin Marija Pejcinovic vor einem Anstieg häuslicher Gewalt während der Ausgangsbeschränkungen und auch Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) rechnet in Deutschland mit einer Zunahme an häuslicher Gewalt. Dass momentan viele Menschen zu Hause seien und Familienmitglieder sehr viel Zeit auf engem Raum miteinander verbrächten, könne zu einer Verschärfung von häuslichen Konflikten führen.

Ähnliche Befürchtungen hat auch der Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) bereits geäußert, Jörg Ziercke, Bundesvorsitzender der Opferschutzorganisation Weißer Ring rechnet „mit dem Schlimmsten.“ So würden die Opferhelfer ähnliche Probleme an Festtagen wie Weihnachten kennen: „Wenn die Menschen tagelang zu Hause sind, gehen die Fallzahlen in die Höhe. Die Kontaktsperre wegen Corona dauert aber sehr viel länger als Weihnachten, die Stressfaktoren sind auch größer.“

Nach Angaben der Organisation wurden im Jahr 2018 mehr als 14.000 Fälle häuslicher Gewalt bei der Polizei angezeigt – besonders betroffen davon waren Frauen und Kinder.

Einblick in die Familien fehlt

„Was in den Familien passiert, dringt gerade jetzt kaum nach außen“, sagt Notfallseelsorger und Pfarrer Herbert Scheckel im Gespräch mit der SZ. Ähnlicher Tenor bei Siegens Jugend- und Sozialdezernent André Schmidt: „Striemen auf dem Oberschenkel, eine rote Wange – das sind Sachen, die im Moment durch ein fehlendes soziales Umfeld kaum auffallen.“ Gleichsam heiße gerade auch für Kinder und Jugendliche das Wegfallen von außerfamiliären Bezugspersonen – „wenn man mal außerhalb der Familie, bei Oma oder einem Freund etwas loswerden will“– Belastungen. Bis hierhin, so Schmidt, beobachte man als Institution, ähnlich wie bei der Polizei „momentan noch keinen Anstieg“, man sehe aber, „dass das entstehen kann“. Man prüfe und überprüfe somit Tag um Tag und von Woche zu Woche, halte – gerade auch in der Krisensituation – alle entsprechenden und ineinandergreifenden Dienste („Staatssystem und Städtesystem funktionieren, Beratungsangebote der freien Träger sind erreichbar“) am Laufen.

Fernab von Fallzahlen: „Wir sind einsatzbereit und wir sind erfahren“, betont Herbert Scheckel und auch André Schmidt verweist auf bereits geschaffene Lösungen, die im Notfall greifen können: Man habe einen ganzen Pool an Menschen, die durch die Umstände der Krise jetzt in dahingehenden anderen Bereichen eingesetzt werden können – „Integrationshelfer, Hausaufgabenbetreuer …“ Und auf noch etwas kann Schmidt während der Coronazeit setzen: Solidarität. So habe sich jüngst ein Ferienhof aus dem Sauerland angeboten, freie Ferienwohnungen für Schutzbedürftige, natürlich vor dem Hintergrund der Hygienemaßnahmen, zur Eindämmung des Virus während der gästefreien Zeit zur Verfügung zu stellen.

Autor:

Sarah Benscheidt (Redakteurin) aus Siegen

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