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Barock in Stift Keppel
Nicht ohne Schnörkel - auch in Schrift und Sprache

Die gewundenen Säulchen und rechteckigen Pilaster vor dem Altarretabel (1701 von Äbtissin Anna Elisabeth von und zu der Hees gestiftet) sind keineswegs aus Alabaster und mehrfarbigem Marmor, allenfalls bemaltes Holz mit Blattgold.
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  • Die gewundenen Säulchen und rechteckigen Pilaster vor dem Altarretabel (1701 von Äbtissin Anna Elisabeth von und zu der Hees gestiftet) sind keineswegs aus Alabaster und mehrfarbigem Marmor, allenfalls bemaltes Holz mit Blattgold.
  • Foto: Dr. Erwin Isenberg
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Das Barock ist auch ein Stil, der ein Lebensgefühl vermittelt!
sz Allenbach.  Aus heutiger Sicht, ist es oft gar nicht so einfach, Zugang zur Formensprache des Barock zu finden. Uns Gegenwartsmenschen mag der dekorative Aufwand dieser Stilepoche mitunter verspielt und übertrieben erscheinen. Den Überschwang, das veräußerlichte Pathos empfinden wir als indezent (vor allem, wenn man in den Phasen post-bauhäuslicher  Sachlichkeit sozialisiert wurde). Oftmals lassen die reichlichen Verzierungen und schwungvoll geschnörkelten Voluten des Barock das konstruktiv Notwendige in den Hintergrund treten.

Das Barock ist auch ein Stil, der ein Lebensgefühl vermittelt!
sz Allenbach.  Aus heutiger Sicht, ist es oft gar nicht so einfach, Zugang zur Formensprache des Barock zu finden. Uns Gegenwartsmenschen mag der dekorative Aufwand dieser Stilepoche mitunter verspielt und übertrieben erscheinen. Den Überschwang, das veräußerlichte Pathos empfinden wir als indezent (vor allem, wenn man in den Phasen post-bauhäuslicher  Sachlichkeit sozialisiert wurde). Oftmals lassen die reichlichen Verzierungen und schwungvoll geschnörkelten Voluten des Barock das konstruktiv Notwendige in den Hintergrund treten.
Den inszenierten Sinnenrausch mag man als zweckdienliches Mittel der Überwältigung, als Verführung durchschauen, zumal man auch dahinter kommt, dass dort, wo die Realität der mitunter prunkhaften Prachtentfaltung an Grenzen stößt, intelligente Täuschungen ganz ungeniert zur Illusion verhelfen. Man erkennt das spielerische Vergnügen, raffinierte Effekte für die Affekte wirksam werden zu lassen, wie im Theater, wo für den schönen, doch nicht immer ehrlichen Schein auch billige Staffage und Materialersatz Verwendung finden darf.

Eine spannende Wortgeschichte

Vergessen darf man dabei aber nicht, dass erst von späteren Generationen das Wort Barock für die Kunst des 17. Jahrhunderts eingeführt worden ist, und es galt sogleich als Ausdruck der Verachtung für einen Stil, der nicht mehr dem damals herrschenden Zeitgeschmack (des Klassizismus) entsprach. Sie bezeichneten sie mit einem Wort, das von dem portugiesischen Wort barucco für eine schiefrunde, absonderliche Perle stammen mag, oder vom italienisch-lateinischen „baroco“, einem scholastischen Terminus für eine besonders verwickelte Gedankenführung in der syllogistischen Argumentationsstruktur. Der Sinn scheint klar: Barock war irgendwie grotesk oder bizarr.

Der Kopf einer Putte unterhalb des Kanzelkorbs: Die Arbeit stammt aus der Werkstatt Sasse (Attendorn) aus dem Jahr 1682.
  • Der Kopf einer Putte unterhalb des Kanzelkorbs: Die Arbeit stammt aus der Werkstatt Sasse (Attendorn) aus dem Jahr 1682.
  • Foto: Dr. Erwin Isenberg
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Anders als bei manchen anderen kunstgeschichtlichen Epochen war das Barock keine kreierte Kunstrichtung. Das Bewusstwerden bestimmter Gestaltungsmerkmale, die alle Kunstgattungen, wohl unterschiedlich in ihrer Art, aber doch in einem Gleichklang der Empfindungen bestimmten, erfolgte erst im Nachhinein. Es war das allgemein vorherrschende Lebensgefühl, das seinerzeit in der Architektur, der Malerei, Musik und Literatur seinen Niederschlag fand und durch sie uns Nachlebenden überliefert worden ist. Man kann den oben geschilderten Überschwang des Barock im Zusammenhang mit dem Aufleben des Lebens nach dem Horror des Dreißigjährigen Krieges sehen, als Ausdruck einer neuen Positionsbestimmung des Menschen und der Gesellschaft. Kaum eine Epoche, in der Luxus, obwohl er keineswegs Allgemeingut war, so ungeniert zur Schau gestellt wurde.

Barock im Siegerland - gibt`s das?

Selbst dem auf vernünftige Zweckmäßigkeit bedachten Siegerländer soll diese Selbstdarstellung von Wohlhabenheit, so sie ihm beschieden war, nicht fremd gewesen sein. Gottgefällige Tüchtigkeit und wirtschaftlicher Erfolg als Erweis dafür, zu den „Gerechten“ zu zählen, suchte durchaus nach angemessener Repräsentation. Dekorativer Luxus im kirchlichen Raum ergab im calvinistisch-reformierten Verständnis jedoch keinen Sinn. Der Ort und der Raum gottesdienstlicher Versammlung zeigte sich in betont nüchterner Schlichtheit. Er war nur Mittel zum Zweck, der in erster Linie der Verkündigung von Gottes Wort dienen sollte. Gleichwohl, vor allem die Profanbauten dieser Zeit konzipiert man auch barock.
Anders in den katholisch beeinflussten Gebieten, in denen die Gegenreformation wirksam geworden war. Diese vom tridentinischen Konzil ausgehende Bewegung wollte nicht nur in restaurativer Absicht verstanden sein, sondern als Reform, die als Antwort auf die protestantische Reformation notwendig erschien und der alten Kirche eine Erneuerung von innen her bescheren sollte. Die wiedergefundene Glaubenssicherheit und neue Frömmigkeit verlangte, von einer vorwiegend verbalen Spiritualität wenig erwärmt, nach Sinnfälligem. Die diesseitige Sinnfälligkeit des Jenseitigen wurde gerade mit den künstlerischen Mitteln des Barock nachdrücklich befriedigt. Die Mystik von sakralem Ort, Handlung, Wort und Wandlung, als „Theatrum sacrum“ inszeniert, mochte so einfacher, wenn nicht den Verstand, so doch das Herz der Gläubigen erreichen. Solcherart religiöse Propaganda war ein wesentlich förderndes Element der gegenreformatorischen Bewegung.

Barock ist modern, Modernsein will jeder

So wird man auch im Stift Keppel in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts vom barocken Zeitgeist erfasst. Das Überkommene ist nicht mehr gut genug. Spätestens im 18. Jahrhundert wird das Attribut „modern“ zum (Qualitäts-)Begriff. Wo es nicht zur gänzlichen Erneuerung langt, wird das Alte, das nunmehr als „antik“ bezeichnet wird, im neuen Stil umgemodelt.
So treffen wir auch in einem Siegerländer Damenstift auf bescheidenen Glanz barocker Prachtentfaltung.

Der Kopf einer Putte unterhalb des Kanzelkorbs: Die Arbeit stammt aus der Werkstatt Sasse (Attendorn) aus dem Jahr 1682.
  • Der Kopf einer Putte unterhalb des Kanzelkorbs: Die Arbeit stammt aus der Werkstatt Sasse (Attendorn) aus dem Jahr 1682.
  • Foto: Dr. Erwin Isenberg
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Man sieht es vor allem in der Stiftskirche, die zu jener Zeit simultan, das heißt, von beiden Konfessionen, genutzt wird. Deren Ausstattung wurde daher von der katholischen Fraktion des Konvents mit Stiftungen (Altar, Kanzel, Orgel) bedacht. Aber auch in den übrigen Neubauten des 18. Jahrhunderts lässt sich ein Hauch barocker Großzügigkeit wahrnehmen, vor allem im noblen Saal der Beletage, dem Treffpunkt des Gesamtkonvents.
Aus dem Stiftsarchiv, wo man es in Schrift und Sprache, also schwarz auf weiß, nachempfinden kann, erfährt man, was barocke Überdrehungen bedeuten.

Auch die Sprache wird blumig

 Allein die Anrede in den überlieferten Briefen beginnt oft mit einem Meisterwerk der Lobhudelei. Wo man heute bei den Tweets die Anrede – was heißt schon Rede? – auf „Hey“ oder „Hallo“, eine Art Zuruf beschränkt, schwelgten sie seinerzeit in Superlativen höchster Verehrung. Noch bis in die zweite Hälfte des vorigen Jahrhunderts kannte man in der amtlichen Korrespondenz und in Geschäftsbriefen, den „Sehr geehrten Herrn“, mitunter auch die „Hochverehrte Dame“, welche man zum Schluss des Schreibens gewiss auch „Hochachtungsvoll“ grüßte. Gewiss, im Vergleich zum 17. und 18. Jahrhundert nur ein bescheidener Rest der devoten Schleimspur barocker Höflichkeiten.
Als 1762 der Stiftskaplan Johann Heinrich Harnischmacher den seinerzeit fälligen Visitationsbericht ans Bistum Mainz verfasste, beginnt er, was die Adressaten betrifft, mit Attributen der höchsten Steigerungsstufe, selbstverständlich in Latein: „Reverendissimi, Illustrissimi, Gratiosissimi Domini“, was – sollte es sich nicht von selbst verstehen – zu deutsch heißt: „Ehrenwerteste, erlauchteste, gnädigste Herren“. Dann fährt er fort: „Domine Vicarie Generalis, Pro Vicarie, Officialis, Sigillifer, Fiscalis Major. (Herr Generalvikar, Herr Provikar, Herr Offizial, Herr Siegelbewahrer, Herr Großfiskal) Und erwähnt noch: „Domini Consiliarii Ecclesiastici, Domini mei perquam Gratiosi“, und meint damit die „Herren Kirchenräte und überaus gnädigen Herren“.
In den Schreiben jener Zeit vereinnahmte bei den „Hochedlen“ die Aufzählung all ihrer Besitz- und Ehrentitel einen Großteil der ersten Seite. Oftmals war die einleitende Zeile als kalligraphisches Meisterstück gestaltet. Abb. 4 In den Kanzleien gab es Schönschreiber, die darauf spezialisiert waren, das so bedeutungsvolle „von und zu“, die Titulatur des Landesherrn, fein säuberlich und kunstvoll auf dem Büttenbogen niederzuschreiben.

Die Schrift der Zeit lebt vom Schnörkel

 Nicht nur die barocke Schrift war verschnörkelt. Auch die Sprache nahm, außer der umständlichen Anrede, mehrere Umdrehungen, bis der langen Rede kurzer Sinn endlich auf den Punkt kam (zumindest für unser heutiges Empfinden). Auffällig erscheint, dass der barocke Bittsteller immerzu „ergebenst“ und sich „unverdient der Gnade der gnädigen Herrschaft“ wähnt. In seinen verschraubten Formulierungen versichert er Durchlaucht „ob höchstdero gütigster Huld unterthänigsten Dank“. Die Sprache spiegelt die kratzbuckelnde Unterwürfigkeit jener Zeit wider (so das Urteil aus heutiger Sicht).

Die Titulatur in einem Schreiben des Landesherrn an die Äbtissin des Stifts von 1784 zeigt, wie kalligraphisch anspruchsvoll die ehrerbietige Anrede gestaltet wurde.
  • Die Titulatur in einem Schreiben des Landesherrn an die Äbtissin des Stifts von 1784 zeigt, wie kalligraphisch anspruchsvoll die ehrerbietige Anrede gestaltet wurde.
  • Foto: Dr. Erwin Isenberg
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Man wird an den umständlichen Hofknicks erinnert, bei dem die Damen wie bei einem barocken Schnörkel erst mit dem rechten Fuß einen Schritt nach vorne setzten, um dann das Bein in einem ausladenden Bogen nach hinten abzuwinkeln, während man auch links dazu in die Knie ging. Sie waren gut beraten, in der gebeugten Haltung beide Arme weit zur Seite auszustrecken.
Wer vielleicht reflexhaft mit einer Hand versucht haben sollte, in der Körpermitte anstandshalber das Dekolleté zu bedecken, wäre in seiner Kniefälligkeit leicht aus der Balance geraten und „hinfällig“ geworden. Denn wenn „Seine Durchlaucht“ vergaß, nach seinem Eintreffen die Geste seiner ergebenen Gäste „huldvoll“ aufzuheben, mussten sie in dieser labilen Stellung verbleiben. Dabei zu schwächeln und letzthin zu fallen, galt natürlich als Fauxpas. – Die hiesigen Stiftsdamen, ihrem Herkommen nach samt und sonders aus adeligen Häusern, dürften allerdings die Etikette ihrer Zeit beherrscht haben. Dr. Erwin Isenberg

Autor:

Redaktion Kultur

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