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Prozess um sexuellen Missbrauch
"Nichts spricht für den Angeklagten"

Im Prozess um sexuellen Missbrauch in Bad Laasphe soll am 7. November das Urteil vor dem Landgericht Siegen fallen.
  • Im Prozess um sexuellen Missbrauch in Bad Laasphe soll am 7. November das Urteil vor dem Landgericht Siegen fallen.
  • Foto: kalle (Archiv)
  • hochgeladen von Christian Schwermer (Redakteur)

cs/mick Siegen/Bad Laasphe. Das letzte Wort hatte der Angeklagte. Der 64-jährige Deutsche, der zwei seiner damals minderjährigen Nichten in Bad Laasphe jahrelang missbraucht haben soll (die SZ berichtete ausführlich), beugte sich in Saal 165 des Siegener Landgerichts langsam zu seinem Mikrofon vor. „Alles, was ich hier gesagt habe, entspricht der vollkommenen Wahrheit“, sagte der Schauspieler mit heiserer Stimme. In seinem ganzen Leben sei er nicht sexuell übergriffig geworden, „weder gegen Erwachsene, noch gegen Kinder“. Das werde auch in Zukunft nicht der Fall sein. Verteidiger Dirk Löber forderte entsprechend einen Freispruch für seinen Mandanten, nachdem die Staatsanwaltschaft bereits vor einigen Wochen fünf Jahre und sechs Monate Haft beantragt hatte.

cs/mick Siegen/Bad Laasphe. Das letzte Wort hatte der Angeklagte. Der 64-jährige Deutsche, der zwei seiner damals minderjährigen Nichten in Bad Laasphe jahrelang missbraucht haben soll (die SZ berichtete ausführlich), beugte sich in Saal 165 des Siegener Landgerichts langsam zu seinem Mikrofon vor. „Alles, was ich hier gesagt habe, entspricht der vollkommenen Wahrheit“, sagte der Schauspieler mit heiserer Stimme. In seinem ganzen Leben sei er nicht sexuell übergriffig geworden, „weder gegen Erwachsene, noch gegen Kinder“. Das werde auch in Zukunft nicht der Fall sein. Verteidiger Dirk Löber forderte entsprechend einen Freispruch für seinen Mandanten, nachdem die Staatsanwaltschaft bereits vor einigen Wochen fünf Jahre und sechs Monate Haft beantragt hatte. Staatsanwältin Katharina Burchert war nach Ende der Beweisaufnahme „im Wesentlichen“ sicher, dass die jungen Frauen wenigstens elf von ursprünglich 53 angeklagten Vorfällen glaubhaft und nachvollziehbar konkretisiert hätten.

Kurzes Plädoyer von Verteidiger Dirk Löber

Rechtsanwalt Dirk Löber lieferte ein kurzes Plädoyer ab, konstatierte eine „klassische Aussage-gegen-Aussage-Situation“ und zeigte sich überzeugt davon, dass die
1. große Strafkammer keine „in sich geschlossene Indizienkette“ werde nachweisen können. Der Verteidiger verwies auf die „Entlastungszeugen“, die die Angaben seines Mandanten bestätigt hätten. Alles Weitere habe er bereits in seinen Verteidigererklärungen im Laufe des Prozesses vorgetragen.

Simone Göckus nahm sich viel Zeit

Deutlich mehr Zeit für ihre Ausführungen nahm sich Simone Göckus. Stück für Stück ließ die Nebenklagevertreterin die Hauptverhandlung Revue passieren und war sich sicher: „Der Angeklagte hat die Taten begangen, um sich sexuell zu stimulieren.“ Vor Gericht sei lediglich ein „ganz kleiner Ausschnitt der strafbaren Handlungen“ verhandelt worden. „Das ist das Schlimme an solchen, ich nenne es einmal ,Dauerstraftaten’“, führte Göckus weiter aus. Juristisch könne stets nur ein Teil aufgedeckt werden.
Zwischen 1999 und 2003 soll er die ältere der beiden heute jungen Frauen missbraucht haben. Simone Göckus schilderte etwa eine Situation, als das junge Mädchen damals ein Bad nahm, bis der Onkel das Zimmer betrat und über die „kleinen Tittis“ gestaunt und seine Nichte aufgefordert habe, sich nach vorne zu beugen. Es gebe keinen Grund, warum die Zeugin lügen und sich die Taten ausdenken sollte, unterstrich Simone Göckus. „Der Angeklagte war doch der coole Onkel, der Geschenke brachte und besonders war.“

Erbstreit als Grund für falsche Beschuldigungen "scheidet aus"

In seiner ersten Einlassung im Mai dieses Jahres sagte der 64-Jährige aus, dass die Anklage auf einem Erbstreit beruhe, demnach sei seine ältere Schwester – die Mutter der beiden Nichten – die Triebfeder des Ganzen sei. „Das scheidet aus“, stellte Simone Göckus kurz und knapp fest. Es sei nicht nur um geringfügige Beträge gegangen, die beiden Mädchen hätten mit dieser Angelegenheit überhaupt nichts zu tun gehabt. Die ältere Nichte habe zudem über die schlimmen Vorfälle bereits im Jahr 2016 im Freundeskreis berichtet, der Erbstreit sei jedoch erst zwei Jahre später aufgeflammt.
Auch die Ausführungen des Angeklagten, er selbst habe beobachtet, dass der inzwischen verstorbene Vater der beiden mutmaßlichen Opfer sexuell gegen seine eigenen Töchter übergriffig geworden sei, sei von keinem der Zeugen bestätigt, vielmehr bestritten worden. „Und wenn es der Vater war, warum ist der Angeklagte nicht eingeschritten?“, fragte Simone Göckus. Dafür gebe es nur einen Grund: „Solche Vorfälle hat es nie gegeben.“

"Ganz erhebliches Interesse an kindlichen, weiblichen Körpern"

Der Briefverkehr zwischen Nichte und Onkel sei geprägt von Liebes- und Sehnsuchtsbekundungen gewesen, „voller Herzchen und Küsschen, das erinnert eher an die Korrespondenz eines Liebespaares“, erklärte Simone Göckus weiter. Insgesamt gebe es keinen einzigen Grund, warum die junge Frau ihren Onkel zu Unrecht hätte beschuldigen sollen, fasste die Nebenklagevertreterin zusammen. Außerdem erinnerte sie daran, dass aufgrund von beim Angeklagten sichergestellten Fotos und nachgewiesenen Suchbegriffen („Teenie im Bikini“) nachgewiesen worden sei, dass er ein „ganz erhebliches Interesse an kindlichen, weiblichen Körpern“ habe.  Als die Nebenklagevertreterin zu Beginn ihres Vortrages weitere Details schilderte, brach eine der beiden Nichten in Tränen aus und verließ den Gerichtssaal. Die Folgen der Taten seien für die junge Frau „gravierend“, stellte Simone Göckus fest. Ihr gehe es „sehr, sehr schlecht“, erstmals habe sie im Mai 2018 über ihre Erlebnisse gesprochen. Insgesamt könne man den beiden Frauen keine „übermäßige Belastungstendenz“ attestieren.

Deutlicher Seitenhieb gegen die Verteidigung

Simone Göckus sprach mit leiser, ruhiger Stimme – und verlieh ihren Worten damit eine bemerkenswerte Wirkung. „Nichts spricht für den Angeklagten“, fasste sie zusammen, er habe nur das Glück, dass einige Vorwürfe bereits eingestellt worden seien. Strafschärfend müsse zudem das Verhalten des 64-Jährigen während des Prozesses berücksichtigt werden. „Er hat nichts unversucht gelassen, die Familie und seine Opfer schlecht zu machen.“ Einen deutlichen Seitenhieb gegen die Verteidigung hatte Simone Göckus ebenfalls parat: Beide Opfer hätten unter der langen Verfahrensdauer enorm zu leiden gehabt. Verteidiger Dirk Löber stellte während des Prozesses immer wieder neue Beweisanträge, die sich lediglich im Wortlaut voneinander unterschieden, und setzte auch durch, erst am Donnerstag zu plädieren – drei Wochen nach dem Plädoyer von Staatsanwältin Katharina Burchert.

Das Urteil fällt am 7. November

Das Urteil spricht Vorsitzende Richterin Elfriede Dreisbach am Donnerstag, 7. November, um 11 Uhr.

Autor:

Christian Schwermer (Redakteur) aus Siegen

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