„Ningeln-Stuben“ sind Geschichte

 Bärbel Weiß, Tochter Dagmar und Schwiegersohn und Karl-Heinz Rüb nahmen gestern Abschied von ihrem Familienbetrieb, den „Ningeln-Stuben“. Der Imbiss war seit 1972 eine beliebte Anlaufstelle für viele Kunden – nicht nur aus Hilchenbach.  Foto: Anja Bieler-Barth
  • Bärbel Weiß, Tochter Dagmar und Schwiegersohn und Karl-Heinz Rüb nahmen gestern Abschied von ihrem Familienbetrieb, den „Ningeln-Stuben“. Der Imbiss war seit 1972 eine beliebte Anlaufstelle für viele Kunden – nicht nur aus Hilchenbach. Foto: Anja Bieler-Barth
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nja - Ein Kapitel Hilchenbacher Gastronomiegeschichte ist am Montagabend zu Ende gegangen: Geschäftsführerin Dagmar Rüb und ihre Mutter Bärbel Weiß sagten ade zu ihrem Traditionsgeschäft – und damit einhergehend natürlich auch zu ihren vielen Stammkunden, denen sie für ihre Jahre, ja sogar Jahrzehnte währende Treue herzlich dankten. Die „Ningeln-Stuben“, seit 1972 etablierte Anlaufstelle für Liebhaber u. a. von Currywurst, „Pommes-Schranke“, Hamburgern, Hotdogs und Frikadellen, sind nunmehr ein Stück Hilchenbacher Stadtgeschichte, dessen letztes Kapitel geschrieben ist. Seit 1855 befindet sich die Lokalität im Besitz der Familie Weiß – Hausname „Ningeln“. Zunächst aber versorgte man die Hilchenbacher dort in der Familienmetzgerei mit Wurst- und Fleischwaren. „Der heutige Gastraum beherbergte seinerzeit das Schlachthaus“, berichteten Karl-Heinz und Dagmar Rüb sowie Bärbel Weiß nun, als sie im SZ-Gespräch die Firmenhistorie und vor allem ihre vielen schönen Jahre an der Rothenberger Straße 16 Revue passieren ließen.

Bärbel Weiß stand bis gestern über 50 Jahre lang hinter der Verkaufstheke und in der Küche der „Ningeln-Stuben“. Sie hatte am 1. Januar 1966 gemeinsam mit ihrem Ehemann Friedrich-Wilhelm Weiß die Metzgerei von Karl und Irmgard Reeh (geborene Weiß) übernommen – er brachte seine Fähigkeiten als Metzger-Meister, sie ihre Kenntnisse als Einzelhandelskauffrau ein. „Im Juni 1972 kam dann ein Imbiss hinzu“, erinnerte sich die „Seniorchefin“. Ab 1978 wurde „nur noch“ der Imbiss betrieben. Nächster Meilenstein: Im Herbst 1992 wurde das Angebot auf noch breitere Beine gestellt, wurde nach Um- und Anbau der Restaurantbetrieb unter der Leitung von Koch Karl-Heinz Rüb und Restaurantfachfrau Dagmar Rüb eröffnet. Bis zu 25 Personen bot der Gastraum nun zusätzlich Platz zum Verweilen und Genießen. „Renner“ der Speisekarte im Restaurant waren gutbürgerliche Gerichte wie beispielsweise Gulasch, Roulade und natürlich Krüstchen.

Eine traurige Zäsur ereile „Ningelns“ im Jahr 2003, als Friedrich-Wilhelm Weiß verstarb. Ein Jahr darauf übernahm Tochter Dagmar Rüb das Geschäft – die Familientradition blieb erhalten. 2017 dann wechselte ihr Mann Karl-Heinz Rüb als Küchenchef an seine frühere Wirkungsstätten – das Müsener Traditionsgasthaus „Stahlberg“ – zurück. Der „Ningeln“-Restaurantbetrieb war damit Geschichte, der Imbiss aber blieb Dreh- und Angelpunkt des Familienunternehmens. Bis gestern. „Wir hatten nie Ärger oder Probleme hier und haben eine Menge erlebt“, berichtet die heute 75-jährige Bärbel Weiß, die mit 23 Jahren den Betrieb mit ihrem Mann übernommen hatte. In den vergangenen zwei Jahren habe man schon kürzer getreten, die Öffnungszeiten reduziert. Dienstags und mittwochs war seither Ruhetag. Zuvor sei der Dienstag Familientag gewesen. „32 Jahre lang hatten wir sieben Tage die Woche auf“, so Bärbel Weiß, die sich an viele Begebenheiten erinnert: Einmal habe das Team 1000 Frikadellen für ein Motorradfahrer-Fest gebraten. Ein andermal seien 50 Biker „auf einen Schlag“ vorgefahren. „Wir haben dann gebeten, jeweils in Zehnergruppen die Bestellung aufzugeben.“ Das Bild von einer halben Hundertschaft Currywurst-Pommes verspeisender Herren am Straßenrand hat sich ins Gedächtnis eingebrannt. Das „älteste Klassentreffen Hilchenbachs“ fand einmal im Monat in den „Ningeln-Stuben“ statt, die Hilchenbacher Altersturnriege war ebenfalls gern gesehener Stammgast – unter anderen.

Neben dem Verkauf im Imbiss gehörte auch das Kreieren insbesondere von Frikadellen und Saucen zum Tagesgeschäft. Viele Jahre nutzten „Ningelns“ auch noch die Infrastruktur der Metzgerei, um die Würste selber zu drehen: „1000 Stück pro Woche, oft nach Geschäftsschluss bis nachts um 2 Uhr“, hat sich Karl-Heinz Rüb gut gemerkt. „Ningelns“ hätten den Hamburger nach Hilchenbach „gebracht“, erzählt die Familie nicht ohne Stolz. Der Renner über die Jahrzehnte hinweg aber seien „Currywurst mit Pommes rot-weiß“ gewesen. Wird diese Kombination nun von der Familienspeisekarte gestrichen? „Auf keinen Fall“, schallt es der Fragenden unisono entgegen: „Das ist so lecker – das könnte ich jeden Tag essen“, ergänzt Bärbel Weiß. „Es war harte Arbeit – aber sie hat Spaß gemacht. Sonntags war immer am meisten Hoscha“, so die 75-Jährige, die bis zuletzt immer zusah, um dann ab nachmittags ihrer Tochter unterstützend zur Seite zu stehen. Daher fällt der Abschied vom Familienbetrieb einerseits natürlich schwer, nach all der Zeit. Andererseits habe nun das „Leben nach der Uhr“ ein Ende, könnten Freizeitaktivitäten ohne Zeitdruck genossen werden.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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