SZ besucht Orte, die eigentlich mit Leben gefüllt sind
Nix los im Corona-Lockdown

Leimbachstadion - Stefan Weber.
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ap/pm Siegen/Kirchen. Vom Fitnessstudio zum Tierpark über den Club und die Tanzschule bis hin zu jeglichen Freizeiteinrichtungen: Überall ist derzeit nichts los. Keine Besucher, keine Gäste. Doch wie gehen Inhaber und Angestellte damit um?

Die SZ hat mit zehn von ihnen gesprochen.

Fitnessstudio Box57 - Björn Müller.

Fitnessstudio Box57

In der alten Industriehalle in Netphen lassen die herumstehenden Geräte erahnen, wie schweißtreibend das Training von Björn Müller und seinen Kollegen eigentlich ist. „Wir machen funktionales Training, also nicht muskelbezogen, sondern bewegungsbezogen. Das Ziel ist, fitte Menschen zu erzeugen“, erklärt Müller. Zurzeit darf nicht einmal er selbst das Studio nutzen. Tägliche Home-Workouts bilden stattdessen das Angebot der „Box“. Nicht nur Müller kann es kaum erwarten, wieder Traktorreifen durch die Halle zu hieven.

Erzquell Brauerei - Tanja Utsch.

Erzquell Brauerei

Tanja Utsch wartet mit gefülltem Tablett im Mudersbacher Braustübchen. „Im März hatten wir noch zwei, drei Besichtigungen, und dann war Ende.“ Rund 4000 Besucher mussten seitdem auf eine Führung und Verköstigung verzichten. Die Fässer wurden abgeklemmt, der Zapfhahn bleibt trocken – auch fürs SZ-Foto. Stattdessen Flaschenbier mit einer Krone aus Zuversicht.

Flippolino - Nancy Hartmann.

Flippolino

Die Luft ist raus. Die bunten Hüpfburgen liegen flach auf dem Boden, das Kletterlabyrinth wurde schon lange nicht bespielt, die Achterbahn steht komplett still. Schon vor dem Lockdown seien deutlich weniger Familien gekommen, um einen Tag im Kirchener Indoor-Spielplatz zu verbringen, schildert Nancy Hartmann. „Da hat es sich für uns eigentlich schon nicht gerechnet“, ist die Inhaberin ehrlich. Besonders bitter: Eigentlich seien die Wintermonate mit schlechtem Wetter die besten des Jahres. Im Frühjahr und Sommer gingen die meisten lieber nach draußen zum Spielen. „Aber wir können derzeit auch einfach nicht viel machen, nur abwarten“, sagt sie und zieht dabei ihre Schultern betont nach oben. „Und irgendwie schaffen wir das schon.“

Löhrtor-Schwimmbad - Renate Brandenburger.

Schwimmbad

Wohlig warm sind nicht nur die Sitzbänke am Beckenrand – auch das gechlorte Wasser hat eine konstante Temperatur von ca. 27,5 Grad. „Die Technik läuft weiter“, erklärt Renate Brandenburger. Sie kümmert sich seit 45 Jahren darum, dass alles auf der richtigen Bahn läuft. Die Schwimmmeisterin muss auch ohne Badegäste regelmäßige (Wasser)Kontrollen durchführen, und sie weiß genau: Einfach das Wasser ablassen, das ist keine Option. Durch den fehlenden Druck könnten Fliesen reißen, das sei viel zu riskant, erklärt sie. Deshalb werde im Löhrtor-Schwimmbad weiterhin und auf unbestimmte Zeit alles auf ein Minimum heruntergefahren. Für die erfahrene Betriebsleiterin ist die Situation jedoch besonders blöd – ihre letzten Monate vor dem Rentenantritt habe sie sich „so jedenfalls nicht“ vorgestellt.

N-Flow Freizeitpark - Raik Richter.

N-Flow Freizeitpark

Sich austobende Besucher, vor Freude kreischende Kinder – sie sind es, die Raik Richter die Freude an seinem Job bereiten. „Es ist grausam, wenn man hier durchgeht und kein Leben spürt“, gesteht der Geschäftsführer des N-Flow Freizeitparks in Netphen, als er in der leeren Trampolinhalle steht. Vom großen Portfolio bleiben zurzeit nur Physiotherapie und das Online-Angebot der beiden Fitnessstudios, deren Kurse auch für Nicht-Mitglieder geöffnet sind. „Damit wollen wir den Menschen etwas zurückgeben“, so Richter. Für den Neustart nach dem Shutdown sieht der Geschäftsführer den Freizeitpark gewappnet: „Die Konzepte stehen.“ Fehlt noch das grüne Licht aus der Politik – damit die Lichter der Trampolinhalle nicht nur für das SZ-Foto angeschaltet werden.

Viktoria-Filmtheater - Jochen Manderbach.

Viktoria-Filmtheater

Für einen Film-Fan wie Jochen Manderbach ist es eigentlich ein echter Traum, ein eigenes Kino zu betreiben. Der Saal strahlt mit seinem Balkon ein geradezu nostalgisches Flair aus, seine derzeitige Leere tut dem Inhaber aber zugleich in der Seele weh. „Bring mir den Kopf von Alfredo Garcia“ – diesen Western-Klassiker aus dem Jahr 1974 hat sich der 60-Jährige zuletzt ganz allein angesehen. „Um den Projektor mal warm laufen zu lassen“, erklärt Manderbach. Ansonsten werkelt in seinem Kino zurzeit nur der Hausmeister. Die Hoffnung des Inhabers ist klar, am 1. Mai möchte er zu gerne wieder öffnen dürfen. Dann ist er stolze 30 Jahre Betreiber des Filmtheaters.

Leimbachstadion - Stefan Weber.

Leimbachstadion

Keine jubelnden Gäste auf der Tribüne. Stattdessen Stille, leere Plätze und Flatterband. Genügend Arbeit gibt es für Platzwart Stefan Weber hier aber trotzdem. Er nutzt die Zeit für Reparaturen, Wartungen und Reinigungen. Und auch der Rasen wächst in der Corona-Zwangspause immer weiter. Wann das nächste Spiel im Leimbachstadion stattfinden wird, ist derzeit (noch) ungewiss. Webers Prognose: „Ich rechne mit Mitte April.“

Tierpark Niederfischbach - Natalie Wien.

Tierpark Niederfischbach

Jeweils ein halbes Kilo Fisch verfüttert Natalie Wien an Gisela und Herbert. Das Otterpaar braucht (leibliche) Versorgung, aber vor allem Beschäftigung. Keine Besucher vor den Gehegen, keine Flugshows in der Falknerei – das Publikum fehlt allen Tieren gleichermaßen. Die Vögel müssen auch ohne Zuschauer bewegt werden. „Das dauert mehrere Stunden am Tag“, erzählt Luisa Weich. Neben den beiden angestellten Tierpflegerinnen, vier Auszubildenden und einem „Bufdi“ helfen nun auch zwei Aushilfen vom Kiosk beim Füttern, Ausmisten und Bespielen. An Kurzarbeit ist im Niederfischbacher Tierpark gar nicht zu denken. „Wir arbeiten sieben Tage die Woche. Wir sind immer da.“

Tanzschule Tuppeck - Frauke Tuppeck.

Tanzschule Tuppeck

Ganz allein steht Frauke Tuppeck auf dem Parkett. „Wir müssen bald aufmachen“, sagt sie, „die ständigen Lockdown-Verlängerungen machen uns alle sehr mürbe.“ Ihre Stimmte schallt durch den 200 Quadratmeter großen Saal, der normalerweise von mehr als 40 Kursen pro Woche betanzt wird. Ans Aufgeben habe sie aber noch nicht eine Sekunde gedacht. „Ist ja auch keine Lösung“, fügt ihr Mann Jürgen hinzu. „Da käme ich mir auch schlecht vor.“ Viele Menschen besuchten seit Jahren und Jahrzehnten die Tanzkurse des Siegener Familienunternehmens. „Da sagt man nicht einfach: Das wars.“ Mit einer großen Portion Optimismus bereitet das Inhaberpaar deshalb seit Monaten vor Ort – und manchmal auch im heimischen Wohnzimmer – neue Choreographien und Tänze vor, damit sie auch ihren Mitgliedern bald wieder „ein Stück Lebensfreude“ mit nach Hause geben können.

Musikclub Meyer - Simon Daub.

Musikclub Meyer

Die Party ist vorbei. Keine laute Musik, keine bunten Lichter, keine ausgelassene Stimmung. Eigentlich hätte Simon Daub vergangenes Jahr hier sein Zehnjähriges gefeiert. Stattdessen blickt(e) er wehmütig von seinem DJ-Pult auf eine leere Tanzfläche. Durchzechte Nächte liegen weit in der Vergangenheit – zumindest die im Meyer. Der Ausgleich zu seinem „normalen Leben“ als Entwickler und Familienvater fehle ihm schon sehr, gesteht der 31-Jährige. „Aber am meisten vermisse ich die Emotionen der feiernden Gäste.“

Autor:

Redaktion Siegen aus Siegen

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