Kita-Alltag in Coronazeiten
Notbetreuung ein „Kinderspiel“

Im Siegener Stadtgebiet hat die Notbetreuung in der Kita „Kinder(t)räume“ der Diakonie in Südwestfalen Fahrt aufgenommen. Viele Kinder von Eltern, die z. B. im medizinischen Bereich arbeiten, gehen hier ein und aus.
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  • Im Siegener Stadtgebiet hat die Notbetreuung in der Kita „Kinder(t)räume“ der Diakonie in Südwestfalen Fahrt aufgenommen. Viele Kinder von Eltern, die z. B. im medizinischen Bereich arbeiten, gehen hier ein und aus.
  • Foto: Björn Hadem
  • hochgeladen von Anja Bieler-Barth (Redakteurin)

nja Siegen/Eichen.  Ein sich über Wochen und Monate hinziehendes landesweites Betretungsverbot für Kindertagesstätten hat es bislang noch nicht gegeben. Das Coronavirus setzt auch hier neue Akzente. Seit dem historischen 16. März hat es aber Bestand, um das Ausbreiten von Covid-19 zu verlangsamen. Damit das Gesellschaftssystem dabei nicht auf der Strecke bleibt, gibt es, wie berichtet, Ausnahmen: Kinder, deren Eltern in systemrelevanten Berufen arbeiten, dürfen in die Notbetreuung gebracht werden. Der Kreis wurde vergangene Woche erweitert, und ab Montag, 27. April,  könnten dann auch die Kinder erwerbstätiger Alleinerziehender hinzukommen, wenn eine private Betreuung nicht anderweitig verantwortungsvoll unter Berücksichtigung der Empfehlungen des Robert Koch-Instituts organisiert werden kann. Die Jugendämter des Kreises Siegen-Wittgenstein und der Stadt Siegen berichten von einer bislang eher zurückhaltenden Nachfrage. Kreisweit (ohne Siegen) gibt es 6448 Kitaplätze, am 2. April waren davon 139 belegt, am vergangenen Donnerstag 230. Kreuztal hat mit 1217 Plätzen das größte Angebot; am Donnerstag waren selbst dort trägerübergreifend nur 50 belegt. In Erndtebrück waren von 237 „Stühlchen“ nur zwei besetzt, in Neunkirchen (469 Plätze) gerade einmal sechs. Immerhin 45 Kinder wurden in Netphen betreut (Kapazität: 940), 33 von 649 in Bad Berleburg.

"Kinder(t)räume" am meisten nachgefragt

In den Siegener Kitas gab es vergangene Woche 203 Notbetreuungen. „Das ist in etwa eine Verdoppelung zur Vorwoche (109). Der Grund dafür liegt in der erweiterten Liste der Berufsgruppen. Hinzu kommt, dass viele Familien durch Urlaub, Vereinbarungen mit den Arbeitgebern oder Lösungen im Familiensystem zunächst Lösungen für Betreuungen gefunden hatten, die mit zunehmenden zeitlichen Verlauf aber nicht mehr greifen“, so Dezernent André Schmidt. Mit Abstand die meisten Notbetreuungen habe die Kita „Kinder(t)räume“ der Diakonie in Südwestfalen an der Hengsbachstraße in Nachbarschaft des Jung-Stilling-Krankenhauses. „Dem Krankenhaus zugehörig, betreuen wir viele Kinder von systemrelevanten Personen im medizinisch Bereich, nicht nur des Krankenhauses“, so Leiterin Susanne Sting. „Betreut werden auch Kinder von Postangestellten oder von Eltern, die in der Müllentsorgung arbeiten.“ In der Vorwoche stieg die Zahl der Betreuungskinder auf 26 an.

Eltern zeigen Verständnis

Auch bei den Notbetreuungen in der Kindertagespflege verzeichnet Siegen eine steigende Nachfrage (aktuell 34 Kinder). Gibt es Ärger mit Eltern, die nicht nachvollziehen können, warum sie ihr Kind nicht betreuen lassen können? „Im Gegenteil“, heißt es dazu aus dem Kreishaus. Es zeichne sich eher großes Verständnis ab. Aus Sicht des Kreises wäre es sinnvoll gewesen, direkt mit Inkrafttreten des Betretungsverbots auch Familien, die dem Jugendamt bekannt sind, eine Notbetreuung zu ermöglichen, hieß es auf Anfrage. Dies gibt es erst seit dem 2. April – wenn es zur Abwendung einer Kindeswohlgefährdung erforderlich, eine entsprechende familiengerichtliche Entscheidung erfolgt, der Besuch einer Kita z. B. Teil eines Schutzkonzepts ist oder der Besuch einer Kita oder OGS bereits Teil einer erzieherischen Hilfe war. Bedingung sei, dass die Ziele (also Schutz, Hilfegewährung) nicht mit anderen Maßnahmen erreicht werden können. Das Kreisjugendamt nutzt diese Möglichkeiten für derzeit ca. 20 Kinder.

Homeoffice mit drei Kindern

Die Stadt Kreuztal ist selbst Trägerin von elf Einrichtungen, in denen normalerweise rund 670 Kinder ein- und ausgehen; der Bedarf an einer Notbetreuung ist nach wie vor sehr überschaubar. 22 Jungen und Mädchen an einem Tag – das war der bisherige „Rekord“. Am stärksten ist seit Mitte März das Eichener Familienzentrum „Regenbogen“ besucht. Maximal fünf Kinder pro Gruppe werden von zwei Fachkräften betreut; die vierte Gruppe wurde Donnerstag eröffnet. Die Jungs und Mädels sind zwischen anderthalb und sechs Jahre alt. „Die Eltern bringen ihren Nachwuchs wirklich nur, wenn sie die Betreuung tatsächlich brauchen“, zeigt sich Stadträtin Edelgard Blümel dankbar.  Familie Keuper/Scholl aus Ferndorf z. B. meistert es z. B. seit Wochen, bei zweifacher Berufstätigkeit die drei Kinder zu Hause zu betreuen. Daniel Keuper-Scholl unterstützt für die Westfälische Provinzial in Münster die Agenturen bei der Beratung von Unternehmen – meistens im Außendienst. Nun arbeitet er gezwungenermaßen im Homeoffice – um sich herum statt der Kollegen die drei Kinder im Alter von zehn, sieben und zwei Jahren. Ehefrau Clara Scholl ist im Gesundheitswesen tätig. Oma und Opa stellen zweimal die Woche Mittagessen vor die Tür. Die Großen kümmern sich, wenn die Schularbeiten erledigt sind, auch mal um das Nesthäkchen. „Lorenz ist es aber auch egal, ob gerade eine Videokonferenz läuft“, so Daniel Keuper-Scholl. Eine volle Windel ist eine volle Windel. Wenn sein Reiseverbot und damit das Homeoffice aufgehoben werde, so der Familienvater, werde man Lorenz wohl in die Notbetreuung geben.

Mindestabstand natürlich nicht einhaltbar

Zurück zum „Regenbogen“. Anderthalb Meter Abstand zwischen den Kindern in der Kita – das ist natürlich nicht einhaltbar. „Kinder sind Kinder – und die sind flott“, sagt Leiterin Anette Meier. In Eichen gibt es aber ausreichend Platz, damit die einzelnen Gruppen sich aus dem Weg gehen. Gemeinschaftlich genutzt wird nur der Flur. Das Virus selbst spiele im Kita-Alltag keine Rolle; die Kinder stellten keine Fragen. Sanitäranlagen sind Gruppen zugeordnet, nach dem Toilettengang wird nun das Händewaschen beaufsichtigt.

Erzieherinnen im "Homeoffice"

Die Erzieherinnen, deren Einrichtungen derzeit geschlossen sind, wurden ins „Homeoffice“ geschickt, arbeiten dort Beobachtungsbögen aus, erhalten von Blümel regelmäßig Fachliteratur wie Gesetzestexte (ein Stichwort: KiBiz), sollen Onlinefortbildungen nutzen, manche nähen Mundschutz für Kitas und Rathaus. Die drei Tage Grundreinigung pro Jahr werden nun genommen. Dabei wird auch noch der letzte Legostein abgewischt. Anette Meier trägt nun immer öfter auch Mundschutz – so auch angesichts der SZ-Visite. Das machte den Nachwuchs neugierig – und kreativ. Kurzerhand bastelten sie sich Mädchen wie Jungen aus einem Stück Baumwolle eigene Masken. Beachtenswert und vielleicht nachahmungswürdig: Schlitze für die Ohren machen Gummibänder, die in vielen Läden ausverkauft sind, bei den Kleinen völlig überflüssig...

Autor:

Anja Bieler-Barth (Redakteurin) aus Siegen

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