Nur ein Stückchen Spiegel

Studiobühne Siegen zeigt drei Versionen von Büchners „Woyzeck”

sz Siegen. Der Wind, der kommt „so aus Nord-Süd”. Der Hauptmann, der Woyzeck beim morgendlichen Rasieren mit philosophischen Versuchen traktiert (ein Prachtexemplar von einem dummen Aufsteiger, der froh ist über „Untergebene”: Christoph Diel), amüsiert sich über den dummen Soldaten, der doch tatsächlich glaubt, der Wind könne aus Nord-Süd kommen. Dass das nicht stimmen kann, hat ja sogar er, der Hauptmann, verstanden, auch wenn er ansonsten in philosophischer Dialektik nur scheinbar zu Hause ist: „Moral ist, wenn man moralisch ist”. Doch für Woyzeck (eindrücklich: Christoph Seifener), den armen, gehetzten, getriebenen Menschen, dessen Welt einzustürzen droht, dessen Halt und gleichzeitig Verunsicherung mit den Stimmen zusammenhängt, die ihm einzuflüstern scheinen „stich tot!”, der für den exaltierten Doktor ein „interessanter Casus” ist, der Zulage verdient, weil er so schön gesteuert verrückt wird – für Woyzeck jedoch ist „alles hohl da unten”. Und deshalb könnte in diesem Chaos, dieser unnormalen Welt, sogar der Wind verrückt spielen. Oben, da wo der Himmel sein könnte, da sind ja auch die Stimmen.

Jürgen Kühnels Inszenierungen der beiden Woyzeck-Fragmente von Georg Büchner, „Louis” und „Woyzeck” für die Studiobühne, die gestern Abend im Kleinen Theater Lÿz Premiere hatte (gefolgt von Elmar E. Wulffs Inszenierung der Franzos-Landau-Versionen von „Wozzeck”), sind eine erschütternde „Vorstellung” eines Menschen, dessen Welt einstürzt, der am Einsturz mitwirkt, der verzweifelt nach Halt und Orientierung sucht und doch in sich und anderen nur Chaos findet – oder verursacht. Erschütternd nicht zuletzt auch durch die guten bis hervorragenden Schau-spieler! Das dreifach dargebotene „Woyzeck”-Thema wirkt, bei aller Länge, keineswegs redundant, sondern erlaubt eine multiperspektivische Annäherung an das Problem von Mord, Selbstmord, Wahnsinn und Normalität, von Schuld und Schuld, von Orientierungslosigkeit in einer genormten, aber überaus ungleichen Gesellschaft. Dabei setzten die ersten beiden Inszenierungen auf die Wirkung der Büchner-Texte, durch die effektvoll-reduzierte Regiearbeit von Jürgen Kühnel. Texte, die in ihrer Eindringlichkeit erschüttern, die die Grenze zwischen Normalität (packend: Elmar E. Wulff in seiner „Wirtshausrede ans Volk”) und Verrücktheit, zwischen versoffenem Unsinn und luzidem Irrsinn verschwimmen lassen.

Für alle gilt Maries Erkenntnis: Sie haben nur ein „Eckchen in der Welt” und vor allem nur ein „Stückchen Spiegel”. Der Rest vom Glück ist schon lange zerbrochen. Sogar die Märchen für die Kinder (u.a. Derya Rabanus und Kim Irgang, Schüler der Nordschule) zeugen vom Ende sogar des vorstellbaren Glücks.

Es ist so, „als wär’ die Welt tot”, wenn auch erstmal nur im Konjunktiv. – Weitere Aufführungen finden vom 3. bis 6. Dezember, 19.30 Uhr, im Lÿz statt.

gmz

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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