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Mobile Pflege in Coronazeiten
Ohne Nähe klappt es nicht

Wer in der mobilen Pflege tätig ist, muss derzeit ganz besondere Hygieneschutzmaßnahen ergreifen.
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  • Wer in der mobilen Pflege tätig ist, muss derzeit ganz besondere Hygieneschutzmaßnahen ergreifen.
  • Foto: pivat/Simone Zimmermann
  • hochgeladen von Anja Bieler-Barth (Redakteurin)

nja Siegen.  Einander nahe kommen in Zeiten, da die Begriffe Kontaktsperre und Abstandsregel in aller Munde und per Verordnung geregelt sind: Das gelingt im übertragenen Sinne in diesen pandemischen Monaten vielerorts, wie z. B. ehrenamtliches Engagement, Nachbarschaftshilfe oder auch wiederbelebte Kollegennetzwerke beweisen. Für das medizinische Personal ist es aber auch ganz praktisch unerlässlich, Nähe zuzulassen: in Arztpraxen und Krankenhäusern z. B. – und auch in der mobilen Pflege. Die hier Tätigen gehen täglich bei ihren Kunden zu Hause ein und aus – und legen natürlich auch Hand an. Wie beeinflusst das Coronavirus den Arbeitsalltag? Schließlich zählen die Patienten zu Risikogruppe. Die SZ fragte nach.

nja Siegen.  Einander nahe kommen in Zeiten, da die Begriffe Kontaktsperre und Abstandsregel in aller Munde und per Verordnung geregelt sind: Das gelingt im übertragenen Sinne in diesen pandemischen Monaten vielerorts, wie z. B. ehrenamtliches Engagement, Nachbarschaftshilfe oder auch wiederbelebte Kollegennetzwerke beweisen. Für das medizinische Personal ist es aber auch ganz praktisch unerlässlich, Nähe zuzulassen: in Arztpraxen und Krankenhäusern z. B. – und auch in der mobilen Pflege. Die hier Tätigen gehen täglich bei ihren Kunden zu Hause ein und aus – und legen natürlich auch Hand an. Wie beeinflusst das Coronavirus den Arbeitsalltag? Schließlich zählen die Patienten zu Risikogruppe. Die SZ fragte nach.

Mindestabstand oft nicht möglich

„Wir können bei vielen unserer Einsätze den Mindestabstand gar nicht einhalten“, gewährt das Leitungsteam der mobilen Pflege Münker aus Siegen Einblick in den Alltag. Bei der Medikamentengabe sei dies machbar, bei der individuellen Pflege natürlich nicht. Beim Waschen oder Duschen z. B. müssten viele Patienten auch zusätzlich stabilisiert werden. Man erfahre aber auch immer wieder: Der Körperkontakt habe neben der rein pragmatischen auch eine psychische Dimension – tue den Senioren seelisch gut.  Die Pflegerinnen und Pfleger sind hoch sensibilisiert – aus Fürsorge den Kunden gegenüber, aber natürlich auch aus Eigenschutz.

Kunden haben Gesprächsbedarf

Für viele Kunden sei die Pflegerin mittlerweile der einzige Besuch daheim, die einzige persönliche Ansprechpartnerin von Angesicht zu Angesicht. Da nehme selbstverständlich der Gesprächsbedarf zu. Die Patienten erzählten auch von ihren Ängsten und Sorgen. Einige, die den Zweiten Weltkrieg miterlebt haben, erinnerten sich an Ausgangssperren, Bombenalarme, stundenlanges Eingesperrtsein im Bunker. Sie seien in der jetzigen Isolation verunsichert und zugleich einsam – keine wünschenswerte Kombination. Die Pfleger planen daher mehr Zeit vor Ort ein; sie wissen, wie wichtig Zuhören und Ängstenehmen sein kann.Handschuhe – sie werden nach jeder Visite entsorgt –, Mund-und-Nasenschutz sowie Desinfektionsmittel gehören derweil zur Standardausrüstung der mobilen Pflegerinnen. Der Verbrauch ist deutlich angestiegen, permanent wird Material nachbestellt. Refinanziert werde der Mehraufwand beim Hygieneschutz per Antrag von der Pflegekasse. Natürlich werde den Pflegern nicht nahegelegt, am Material zu sparen: Es gehe um die Sicherheit und auch um das Sicherheitsgefühl.
Bei Hochrisikopatienten – ein Stichwort: multiresistenter Keim – wird darüber hinaus der Schutzanzug getragen. Bei der individuellen Körperpflege tragen nun auch die Patienten Mundschutz. Hat ein Pfleger seine Tagestour beendet, wird das Fahrzeug gründlich desinfiziert.

Ein Pandemieplan wurde aufgestellt, die Mitarbeiter werden fortlaufend geschult, damit jeder weiß, welche Abläufe greifen, sollte es z. B. doch zu Berührungspunkten mit Viruspatienten oder Kontaktpersonen kommen. Gab es schon heikle Momente? Ja. Einmal z. B. sei nicht kommuniziert worden, dass im Haus einer Kundin ein Mann wohne, der als „Verdachtsfall“ auf sein Untersuchungsergebnis warte. Das habe natürlich beunruhigt. „Ein Schnelltest wäre hier für alle eine Erleichterung gewesen.“

"Tag für Tag brav an vorderster Front"

Mitarbeiter mit Erkältungssymptomen bleiben vorsichtshalber direkt zu Hause, und auch wenn Angehörige von Kunden bzw. Pflegern niesen oder Halsweh haben, ist Vorsicht die Mutter der Porzellankiste. Es gibt Patienten, die nach jeder Visite des Pflegedienstes alle Türklinken desinfizieren. Nach wie vor bestehe ein enger Kontakt zur Heimaufsicht – auch vor dem Hintergrund immer neuer, seitenlanger Erlasse. Dass die Sorgen und Nöte der mobilen Pflegedienstleister bislang in der Politik kaum eine Rolle spielten, stößt bitter auf. „Wir sind jeden Tag treu und brav an vorderster Front im Einsatz – das wird aber fast nie erwähnt. Auch nicht, wenn es um die diskutierte Prämienzahlung geht.“
Und: „Ja, es gibt Kunden, die uns abgesagt haben, weil sie Angst vor einer Ansteckung haben“, sagt Seniorchefin Ilona Münker – selbst mit ihren 74 Jahren der Risikogruppe zugehörig und nur tageweise im Innendienst aktiv. Aus Freude am Beruf. Absagen beträfen den hauswirtschaftlichen Bereich: „Da zieht sich der Einsatz ja schon mal eine Stunde oder zwei hin.“ Aus wirtschaftlichen Gründen werden dann, wenn möglich, neue Kunden in die Pflegerunde aufgenommen.Kurzarbeit habe man noch nicht beantragen müssen. Mitarbeiter bauten aber hier und da Urlaub ab. Die Teamarbeit funktioniere hervorragend: Man sei in der Krise noch enger zusammengerückt. Für coronabedingte Einnahmeeinbußen kommt, wie berichtet, der Pflegekasse auf. Dies gilt auch für die Tagespflege, die in Ferndorf im Notbetrieb läuft: für vier Senioren, deren Angehörige in systemrelevanten Berufen tätig sind.

Verantwortung   für die Patienten

Der Pflegenotstand, so Ilona Münker, sei mit Auftauchen des Virus ja nicht verschwunden. Zu Beginn der Pandemie habe sie große Angst gehabt, „dass wir untergehen“, sollten die Mitarbeiter ausfallen. Für die Pflegerinnen sei es keine leichte Situation; auch sie hätten Ängste. Neben dem Eigenschutz aber stehe vor allem ein großes Verantwortungsgefühl für die anvertrauten Senioren im Fokus: „So ticken die Menschen im Pflegedienst!“Wirken sich Virus und diese Sorge um die Patienten und das eigene Wohl auch auf das Privatleben aus? Wird freiwillig Verzicht geübt, um das Risiko zu minimieren? Mutter Ilona Münker sowie ihre Töchter Simone Zimmermann und Karin Krutoff nicken mit dem Kopf. Risikopatienten in der Familie würden sie nicht mehr besuchen. Und um die großen Shoppingcenter wird fürs Erste ein großer Bogen gemacht.

Wer in der mobilen Pflege tätig ist, muss derzeit ganz besondere Hygieneschutzmaßnahen ergreifen.
Vor dem Feierabend wird sogar das Auto desinfiziert.
Autor:

Anja Bieler-Barth (Redakteurin) aus Siegen

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