Ein heute 64-Jähriger soll seine Nichten missbraucht haben
Onkel vor Gericht

Ein heute 64-Jähriger soll zwei seiner Nichten aus Bad Laasphe missbraucht haben.
  • Ein heute 64-Jähriger soll zwei seiner Nichten aus Bad Laasphe missbraucht haben.
  • Foto: Archivbild: kalle
  • hochgeladen von Christian Hoffmann (Redakteur)

sos Siegen. Erst rückblickend seien ihr Veränderungen an ihren beiden Töchtern aufgefallen, so die 55-jährige Zeugin. Im Grundschulalter hätten sie plötzlich keine Kleider mehr tragen wollen und sich die Haare abgeschnitten, hätten alles „Mädchenhafte“ abgelehnt. Damals habe sie sich nichts dabei gedacht. Nun aber glaubt die sechsfache Mutter, den Grund für das Verhalten zu kennen: Ende Mai 2018 hätten sie ihr gebeichtet, dass ihr Onkel sie als Kinder mehrfach vergewaltigt habe. Der 64-Jährige aus Frankfurt am Main muss sich jetzt für 56 Handlungen, die er zwischen 1999 und 2010 begangen haben soll, vor der 1. großen Strafkammer des Landgerichts Siegen verantworten.

Angeklagter war Teil der Familie

Nachdem sowohl der Angeklagte als auch eine der beiden jungen Frauen unter Ausschluss der Öffentlichkeit ausgesagt hatten, äußerte sich die Mutter. Sie habe ihren Bruder stets geliebt, er sei Teil der Familie gewesen, betonte sie. Erst eine Bemerkung ihrer Schwester habe sie skeptisch werden lassen. Nach dem Tod der Eltern im April vergangenen Jahres sei die Sprache auf „Familiendinge“ aus der Vergangenheit gekommen, unter anderem auch auf einen Tag vor etwa 17 Jahren, als die vier Geschwister sich im Haus der Familie in Bad Laasphe getroffen hatten. Damals habe die Schwester das Zimmer der älteren Tochter betreten wollen, doch die Tür sei verschlossen gewesen. Als das Mädchen schließlich aufgemacht habe, habe der Onkel im dunklen Zimmer auf ihrem Bett gesessen. Sie hätten sich die Sterne angeschaut, habe es geheißen, so die 55-Jährige. Dann sei ein großer Streit zwischen dem Bruder und der Schwester ausgebrochen.

Mutter sprach ihre Töchter direkt an

Als ihre Schwester sie an dieses Ereignis erinnerte, habe sie ihre Tochter (heute 30 Jahre alt) gefragt, ob sie von ihrem Onkel im Kindesalter belästigt worden sei. Sie habe das bestätigt. Kurze Zeit später habe sich dann herausgestellt, dass eine zweite Tochter (heute 22) ebenfalls missbraucht worden sei. „Es war ein Stich ins Herz – mein eigener Bruder …“
Im Nachhinein seien da schon eigenartige Vorfälle gewesen. Beispielsweise sei ihr Bruder mit der älteren Tochter Ende des dritten Schuljahres nach Rhodos gereist, doch die Tasche sei nach dem Urlaub genau so gepackt gewesen wie vorher. „Bei der Hitze läuft man nur nackt rum“, habe ihr Bruder gesagt, Kleidung hätten sie deswegen nicht gebraucht.
Er sei der Familie häufig eine Stütze gewesen, auch während eines langen Krankenhausaufenthaltes der 55-Jährigen. „Er hat sich immer um die Kinder gekümmert. Wir hatten vollstes Vertrauen.“ Meist habe der Schauspieler mehrere Wochen bei der Familie verbracht. Irgendwann habe er sich dann ein Wohnmobil zugelegt, für dessen Finanzierung sie und ihr Mann eine Bürgschaft übernommen hätten.

Onkel erhielt Hausverbot

Dass das Wohnmobil – auch hier soll der 64-Jährige seine Nichten laut Anklageschrift vergewaltigt haben – ständig neben dem Haus stand, habe ihren Mann gestört, erinnerte sich die Zeugin. Vielleicht sei er auch eifersüchtig gewesen, dass der Onkel mehr Zeit mit den Kindern verbringen konnte, als er als Vater, der nun mal viel arbeiten musste. Deswegen habe er sich oft in seinen Hobbyraum im Keller zurückgezogen. „Im Dezember 2001 kam es zum Bruch“, sagte sie: Ihr Mann, der vor über einem Jahr starb, sei ausgezogen. Nach elf Monaten sei er zurückgekehrt und habe ihrem Bruder „Hausverbot“ erteilt. Sie und ihre Kinder hätten den Kontakt aber weiterhin aufrecht gehalten.

Das Verhältnis zum Ehemann

„Hatten Sie 1998 eine heftige körperliche Auseinandersetzung mit Ihrem Mann?“, fragte Verteidiger Dirk Löber die Zeugin. Niemals sei er handgreiflich geworden, versicherte die 55-Jährige. Sein Mandant habe jedoch berichtet, so Löber, dass seine Mutter ihn beauftragt habe, er solle nach der Schwester schauen. Und die Tochter wiederum habe ausgesagt, dass der Vater bis zu seinem Tod im Hobbyraum gewohnt habe. „War die Ehe vielleicht doch nicht gekittet?“ Doch, aber man habe ab und zu auch mal Raum für sich gebraucht, erklärte die 55-Jährige.

Zweiter Anlauf

Der aktuelle Prozess ist schon der zweite Anlauf: Bereits Mitte Mai stand der Angeklagte vor Gericht, doch weil sich die Terminfindung schwierig gestaltet hatte, musste die Verhandlung ausgesetzt werden. Damals hatte der 64-Jährige noch im Beisein der Öffentlichkeit ausgesagt und den Vater der Mädchen beschuldigt, diese missbraucht und seine Ehefrau, also die Schwester des Angeklagten, geschlagen zu haben. Seiner Meinung nach war die Anklage auf einen Erbstreit zurückzuführen.

Autor:

Sonja Schweisfurth (Redakteurin) aus Siegen

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