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Pfarrer halten Kontakt per Telefon
Online-Andachten hoch im Kurs

Allein auf weiter Flur, leere Kirchenbänke: Pastorin Almuth Schwichow ist das Angebot der offenen Kirche wichtig. Deshalb war die Talkirche an Heiligabend zwei Stunden offen, obwohl kein Gottesdienst stattfinden sollte.
  • Allein auf weiter Flur, leere Kirchenbänke: Pastorin Almuth Schwichow ist das Angebot der offenen Kirche wichtig. Deshalb war die Talkirche an Heiligabend zwei Stunden offen, obwohl kein Gottesdienst stattfinden sollte.
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mir Siegen. Sie predigen, taufen und beerdigen - für evangelische Pfarrer das Übliche in ihrem Beruf, der vielen mehr eine Berufung ist. Kurz vor Weihnachten passiert das Unvorstellbare: keine Heiligabend-Gottesdienste gestattet, selbst im Mini-Format mit wenigen Teilnehmern oder im Freien nicht möglich – das hässliche Coronavirus hat auch diese Bastion christlichen Glaubens erobert.

Mindestens noch bis 31. Januar bleiben die Kanzeln coronabedingt verwaist, sind Präsenzgottesdienste in den evangelischen Gemeinden ein Tabu. Allerorten bieten die Pfarrer und ihre Gemeinden Online-Andachten (ohne singende Gemeinde) an. Ein bestmöglicher Ersatz, aber der persönliche Umgang miteinander fehlt.

Was machen die Pfarrer im Kirchenkreis Siegen in der Zeit des strengen Lockdowns?

mir Siegen. Sie predigen, taufen und beerdigen - für evangelische Pfarrer das Übliche in ihrem Beruf, der vielen mehr eine Berufung ist. Kurz vor Weihnachten passiert das Unvorstellbare: keine Heiligabend-Gottesdienste gestattet, selbst im Mini-Format mit wenigen Teilnehmern oder im Freien nicht möglich – das hässliche Coronavirus hat auch diese Bastion christlichen Glaubens erobert.

Mindestens noch bis 31. Januar bleiben die Kanzeln coronabedingt verwaist, sind Präsenzgottesdienste in den evangelischen Gemeinden ein Tabu. Allerorten bieten die Pfarrer und ihre Gemeinden Online-Andachten (ohne singende Gemeinde) an. Ein bestmöglicher Ersatz, aber der persönliche Umgang miteinander fehlt.

Was machen die Pfarrer im Kirchenkreis Siegen in der Zeit des strengen Lockdowns? Wie sprechen sie ihre Leute an? Bleibt das Gemeindeleben im Takt? Fragen über Fragen, die SZ hat viele, viele Antworten erhalten.

Erstaunlich, nicht in allen Kirchen ist der Heilige Abend total ausgefallen. Almuth Schwichow (Geisweid) berichtet von zwei offenen Stunden in der Talkirche an diesem so wichtigen Tag im Kirchenkalender: „Wir wollten da sein für unsere Gemeinde, um die 50 Personen sind gekommen. Zum Gespräch mit der gebotenen Distanz, zum stillen Verweilen. Nicht nur Ältere, auch Eltern mit ihren Kindern waren da.“

Offene Kirche, dieses Angebot ist der Klafelder Gemeinde schon beim ersten Lockdown im Frühjahr sehr wichtig gewesen: „Damals waren deutlich mehr Menschen in der Talkirche, jetzt sind die Leute sehr viel vorsichtiger geworden, die Corona-Lage hat sich zugespitzt, das merken wir“, sagt Schwichow.

Schweren Herzens hat auch die ev. Kirchengemeinde Hilchenbach auf die Heiligabend-Gottesdienste verzichtet. Trotz des Virus’ ist die schmucke Kirche am Markt täglich von 9 bis 18 Uhr offen – als Ort der Ruhe, des persönlichen Gebets oder der Meditation. „Kirche Online“ und das Mutmach-Telefon sind zwei Ersatz-Angebote, die gerne angenommen werden.

Online-Sprachandachten, die bietet zum Beispiel die Nikolaikirchengemeinde Siegen an. Die Ausgabe vom 10. Januar hat Pastorin Annegret Mayr mit einem aktuellen Thema bestückt – Trump/USA/Hass und Hetze: „Was würde (der Prophet) Paulus sagen? Er würde nach dem Guten fragen und es benennen. Ziel allen Handelns muss es sein, respektvoll miteinander umzugehen und Gewalt zu verhindern.“

Online ist das eine Ding, ansonsten hat die Pfarrerin stets ein Telefon zur Hand: „Die Menschen haben einen derartigen Redebedarf, da staunt man in diesen Zeiten. Mit einem banalen Anlass, weshalb sie anrufen, geht es los, und dann sprudelt es aus ihnen heraus. Ich hab’ jetzt Zeit, die nehme ich mir für solche Gespräche.“

Mit weiteren Kollegen hat sich Annegret Mayr in der Konfirmanden-Arbeit weitergebildet. „Wir waren fleißig, das ist eine Herausforderung, kann aber sehr kreativ sein.“

Von Zoom-Meetings mit Konfirmanden hält die Geisweider Kollegin nicht viel. Wir machen das, aber es fehlt die Interaktion.“ Die will man aktivieren mit verschiedenen in der Kirche aufgebauten Stationen: „Wir probieren etwas Neues“, ist Almuth Schwichow gespannt.

Über einen großen E-Mail-Verteiler informiert die Siegener Pastorin Annegret Mayr über alles Wissenswerte, da gibt es sogar gezielte Rückmeldungen. Nicht so sehr von Senioren, die sind weder mit Zoom-Meetings noch dem Weihnachts-Video auf Youtube zu begeistern.

Schon im ersten Lockdown hat die Nikolaigemeinde eine neue Erfahrung gemacht. „Meldet Euch für Einkäufe, wir organisieren das für Senioren“, lautete die Aufforderung. Es gab kaum Resonanz, selbst betroffene alten Menschen sagten: „Einkaufen ist die einzige Möglichkeit, die mir geblieben ist, das mache ich selbst“, erzählt Mayr.

In eine ähnliche Richtung geht die Aussage von Almuth Schwichow: „Viele Menschen, mit denen ich telefoniere oder die ich treffe, sagen: Vor Corona war ich allein, jetzt bin ich einsam geworden.“
Was passiert mit den vielen Gruppen in den Gemeinden? Bleiben die beisammen? Ein bisschen Begleitung muss sein, sagt Mayr. Heißt, die Leiterinnen an die Hand nehmen und den Kontakt halten. Kollegin Schwichow ist in der Frage entspannt: „Kontakt halten, das machen die Gruppenteilnehmer selbst am besten.“ Vor Weihnachten habe sie möglichst allen einen Weihnachtsgruß mit Brief nach Hause gebracht, „darüber haben sich viele Menschen sehr gefreut. Man muss sich zeigen als Pastorin, das finde ich wichtig.“

Erfahrungen wie in der Wüst mir Siegen. Was machen die Pfarrer im Lockdown? Keine Kanzel-Predigt, kein Gesang, die Gruppenarbeit ruht. „Aber es wird mehr gestorben, das ist immer so in der Winterzeit und hat nicht nur etwas mit Corona zu tun“, wendet Superintendent Peter-Thomas Stuberg im Gespräch mit SZ ein. Der erste Mann im Siegener Haus der Kirche beim Oberen Schloss verbringt mehr Zeit denn je in Zoom-Konferenzen. Zum Beispiel mit den Pfarrern im Kirchenkreis Siegen, zu dem auch das Olper Land gehört. „Ich staune selbst, wie es den Pfarrern gelingt, den Kontakt mit den Menschen in den Gemeinden zu halten. Das Telefon ist ganz, ganz wichtig, ohne geht es nicht. Aber auch die Tür-und-Angel-Gespräche haben wieder Bedeutung, selbst mit Maske und auf Distanz.“ Froh ist Stuberg, dass die Schulpfarrer aktiv sind. Schüler rufen von selbst an, nicht nur wegen schulischer Dinge. Statt der Präsenzgottesdienste haben eigentlich alle Gemeinden auf Online-Andachten umgeschaltet, „die freie Religionsausübung kann auch woanders stattfinden“, sagt Stuberg und meint die eigenen vier Wände der Menschen daheim. „Das ist die Welt, in der sich in Corona-Zeiten Neues auftut.“ Dem Gebot der Vernunft wolle die evangelische Kirche natürlich Rechnung tragen, keine Frage. Heiligabend ohne volle Kirchen und Gottesdienste, wie ungewohnt und gewöhnungsbedürftig war das denn? Grundsätzlich hält Stuberg den Verzicht für richtig und sinnvoll, „aber das ist eine Sache zwischen Kopf und Herz, um anzudeuten, was da verloren gegangen ist“. Die Corona-Konzepte der Gemeinden seien alle sehr sicher gewesen. Trotzdem habe sich schon in der Zeit des lockeren Lockdowns gezeigt, dass die Zahl der Teilnehmer an Präsenz-Gottesdiensten zurückgegangen sei. Schon jetzt beschäftigt sich Stuberg mit der Frage, wie es geht es nach dem Corona-Spuk weitergeht. Welche Lehren sind zu ziehen? „Das Virus zeigt uns und dieser Gesellschaft die Grenzen auf. Was macht das mit den Betroffenen, und wie treten wir Pfarrer dem entgegen?“ Im Grunde ist es Zeit, die hohe Kunst der Theologie zu pflegen. Einsame und krisengeschüttelte Personen jeden Alters „stellen sich die Frage, wo ist Gott in der Krise?“ Stuberg sieht das Volk Gottes in der Wüste, verbunden mit einer Zeit der Entbehrung und auch der Hoffnung. Ein durch und durch biblisches Bild. Stuberg: „Das Volk Israel ist in der Wüste nie allein gewesen.“ Stuberg hält es nach eigenem Bekunden für wichtig, Hoffnung und Sehnsucht neu zu formulieren. Nicht allein klagen und jammern bringe die Menschen weiter. „Das ist schon ein Perspektivwechsel. Das Wertvolle und Unzerstörbare müssen wir Menschen neu entdecken“, sagt der Superintendent. Persönlich hat sich bei ihm zweierlei verändert: „Ich fahre mehr Fahrrad, und ich entdecke in der Coronazeit die Langsamkeit neu.“
Autor:

Michael Roth (Redakteur) aus Siegen

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