Pakete landeten in Böschung

Eine Paketzustellerin hat Pakete offenbar illegal entsorgt und musste am Donnerstag vor dem Siegener Amtsgericht erscheinen. Symbolfoto: Archiv
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pebe - Wenn sie sich neben Abfall und Müll wiederfinden anstatt beim Adressaten, dann ist etwas schief gelaufen bei der Zustellung von Lieferungen, ziemlich schief sogar. Mehrere Pakete, die auf diese Weise nahe einem Parkplatz in Niederndorf aufs Abstellgleis geraten waren, landeten am Donnerstag bei einem völlig anderen Empfänger: allerdings in Form eines roten Aktenordners auf dem Tisch von Richter Peter Kolb. Denn der Siegener Amtsrichter musste sich mit einer Anklage wegen der Verletzung des Postgeheimnisses samt Sachbeschädigung befassen.

Angeklagt: eine 22-jährige Frau. Ihr warf die Staatsanwaltschaft vor, sie habe im vorigen Jahr als Fahrerin eines großen Paketzustellers fünf Sendungen unterschlagen und weggeworfen. Der Inhalt sei durch die Witterungseinflüsse, denen sie ausgesetzt waren, unbrauchbar geworden. Die junge Frau selbst, die mittlerweile nicht mehr bei dem Unternehmen arbeitet, hielt sich bedeckt: „Ich werde mich nicht dazu äußern, weil ich dabei bleibe, dass ich die Pakete nicht weggeworfen habe“, war der einzige Satz, den sie auf Nachfrage des Richters zu dem Vorwurf sagte.

Mehr berichteten die Zeugen. Er habe die Pakete in der Nähe des Geländes der Hundefreunde Niederndorf gefunden, als er dort unterwegs war, berichtete ein 61-Jähriger. An der Böschung dieses recht stark frequentierten Parkplatzes werde häufig illegal Müll abgeladen, kritisierte er, aber die Pakete seien ihm besonders aufgefallen. Wie lange sie wohl dort schon gelegen hätten, wollte der Richter wissen. Das könne er nicht sagen, entgegnete der Zeuge. „Und was war drin?“, fragte Kolb weiter. In dem einen Paket seien medizinische Ersatzteile gewesen, im anderen „neue Messgeräte“. Ähnliches sagte ein Bekannter des 61-Jährigen: Ein Paket sei an ein Krankenhaus adressiert gewesen, eines an ein Gymnasium. Die Pakete seien feucht gewesen, „die bröselten auseinander, als ich sie aufheben wollte“.

Die Sendung ans Gymnasium klärte sich mit den nächsten Zeugen, einem Studienreferendar. Der berichtete, er habe für seine Unterrichtsarbeit einen grafikfähigen Taschenrechner bestellt, aber nie erhalten. Um so komischer sei es ihm vorgekommen, dass einige Zeit später ein Paketzusteller in der Schule aufgetaucht sei und gefragt habe, ob er das Paket erhalten habe. Das habe er verneint und deshalb auch keine Unterschrift für den Erhalt geleistet. Schaden sei ihm nicht entstanden.

„Sie war kurzzeitig bei uns angestellt“, nickte ein Speditionskaufmann, als ihn der Richter fragte, ob er die Angeklagte kenne. Sie habe „Expressfahrten“ mit kurzfristig auszuliefernden Paketen, z. B. an Krankenhäuser, zur Entlastung von Kollegen erledigt. Mit Blick auf die „Böschungsladung“ meinte er, die Angeklagte sei nach dem Tourenplan für die Gebiete zuständig gewesen, in denen die in Rede stehenden Pakete ausgeliefert werden sollten. Alle Wege und Auslieferungen würden dokumentiert, bestätigte er auf Nachfrage des Richters, es lasse sich nachvollziehen, welcher Fahrer was zugestellt habe. Beim Zustellen werde ein Code eingescannt und in den Computer übernommen. Und für den Besuch des Paketzustellers bei dem Referendar hatte er auf Nachfrage des Verteidigers eine zumindest mögliche Erklärung: Es könne sich um die Suche nach einem „Verlustpaket“ gehandelt haben. Ein solches komme zustande, wenn „im Eifer des Gefechts“ keine Zustell-Information aufgenommen worden sei. Das müsse dann nachgearbeitet werden.

Im Plädoyer sah der Vertreter der Staatsanwaltschaft die Anklage als erwiesen an. Die Zeugen seien glaubhaft gewesen, die Abläufe bis zum Einscannen und zur Unterschrift geklärt, einem anderen Zustellfahrzeug hätten die Pakete nicht zugeordnet werden können. Wegen Verletzung des Postgeheimnisses wollte er die 22-Jährige zu einer Geldstrafe von 50 Tagessätzen zu je 10 Euro verurteilt sehen.

Freispruch forderte hingegen der Verteidiger. Zwar seien die aufgefundenen Pakete auf der Liste der Tour seiner Mandantin gewesen aber er könne nicht ausschließen, dass die Pakete im Zuge der „Extratouren“ nicht im Fahrzeug seiner Mandantin gelandet seien, sondern jemand anderem zugeordnet worden seien. Wegen des Grundsatzes „In dubio pro reo“ fordere er Freispruch. Richter Kolb kam zu einem anderen Ergebnis. Er verurteilte die junge Frau zu einer Geldstrafe von 35 Tagessätzen zu je 7 Euro. Angeklagt worden seien zwei Taten, aber für die drei zuletzt aufgefundenen Pakete fehle jede Zuordnung, nicht einmal das ausliefernde Unternehmen sei ermittelt worden. „Das ist der Angeklagten nicht anzulasten.“ Anders sehe es bei den Paketen an Krankenhaus und Gymnasium aus. Zwar bestreite die Angeklagte die Taten, „aber die Vita der Pakete ist eindeutig nachzuvollziehen“. Sie müsse die Pakete in der Hand gehabt haben, sonst wäre es nicht möglich gewesen, den Code vor der Auslieferung einzulesen. Und: „Wenn sie zugestellt worden wären, hätten sie nicht in der Böschung landen können.“ Der Schaden sei trotz der gewissen Brisanz des Paketes an das Krankenhaus „nicht immens“, deshalb reiche eine Geldstrafe, die niedriger anzusetzen sei als im ursprünglichen Strafbefehl.

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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