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Von der berühmten Taufschale von Johann Moritz wurde ein Replikat angefertigt
Palmen unter dem Krönchen

Das Replikat steht auf dem Taufstein in der Nikolaikirche.
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  • Das Replikat steht auf dem Taufstein in der Nikolaikirche.
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gmz - Die Taufschale von NIkolai, eine peruanische Silberarbeit aus dem 16. Jahrhundert, ist eines der wenigen erhaltenen Exemplare weltweit.
gmz Siegen. Vorsichtig dreht Diplom-Restaurator Helmut Franke aus Potsdam in der Sakristei der Nikolaikirche die berühmte Taufschale in den behandschuhten Händen, bestäubt sie mit einem feinen Puder, das verhindert, dass die „Modelliermasse“ an dem einzigartigen Kunstwerk kleben bleibt, das er abformen wird. Er wurde von der Siegener Nikolaigemeinde beauftragt, ein Replikat der einzigartigen Taufschale anzufertigen, die Fürst Johann Moritz im Jahr 1658 „seiner“ Gemeinde in Siegen geschenkt hat, zusammen mit dem bis heute genutzten Abendmahlsgerät.

gmz - Die Taufschale von NIkolai, eine peruanische Silberarbeit aus dem 16. Jahrhundert, ist eines der wenigen erhaltenen Exemplare weltweit.
gmz Siegen. Vorsichtig dreht Diplom-Restaurator Helmut Franke aus Potsdam in der Sakristei der Nikolaikirche die berühmte Taufschale in den behandschuhten Händen, bestäubt sie mit einem feinen Puder, das verhindert, dass die „Modelliermasse“ an dem einzigartigen Kunstwerk kleben bleibt, das er abformen wird. Er wurde von der Siegener Nikolaigemeinde beauftragt, ein Replikat der einzigartigen Taufschale anzufertigen, die Fürst Johann Moritz im Jahr 1658 „seiner“ Gemeinde in Siegen geschenkt hat, zusammen mit dem bis heute genutzten Abendmahlsgerät. Seitdem ist auch die Schale, die vom damaligen „Geistlichen Inspektor und erstem Prediger“ von Nikolai in seinem Dankschreiben an den Fürsten als „ein gros silber getrieben Becken“ beschrieben wird, im Besitz der Kirchengemeinde und wird als Taufschale genutzt. Die Gemeinde hat jetzt dieses Replikat anfertigen lassen.

Forschungen ergaben 1956: Die Schale ist peruanisch

Erst 1956 hat die kunstwissenschaftliche Dissertation von Friedrich Muthmann den Spekulationen über die Herkunft der Schale ein Ende gesetzt und sie als eine peruanische Inka-Silberarbeit aus dem 16. Jahrhundert identifiziert, die aus der spanischen Kolonialzeit stammt. Die muschelförmigen Kanneluren der Schale werden von einem Blätterkranz im Zentrum begrenzt, der den Fuß (später hinzugefügt) fasst. Die auf dem umlaufenden Rand dargestellten Motive zeigen peruanische „Klassiker“ wie Palmen oder Lamas (in sehr naturnaher Darstellung). Anhand der Kleider ist es Muthmann gelungen, die Region zu identifizieren, in der der Rand in Peru gegossen worden ist. Auch die Haltung der Menschen, die zum Beispiel mit auf den Rücken gebundenen Traglasten dargestellt werden. Dazu kommen architektonische Elemente und Fabelwesen. Vom europäischen Einfluss zeugen z. B. die vier Portraitmedaillons, die den Schmuckrand der Schale in vier Felder einteilen. Entstanden ist sie wohl um 1586 in der Nähe der Stadt Cuzco im peruanischen Hochland, vermutlich als ein Handwaschbecken. Sie wurde dann als Zahlungsmittel genutzt, wie das Datum und ein eingravierter Stempel nahelegen, die auf den spanischen König Philipp II. hindeuten. Für die spanischen Kolonialherren hatten die Arbeiten der Inkas keinen künstlerischen Wert, sondern nur einen monetären: Insofern ist es äußerst erstaunlich, dass diese Schale nicht auch, wie so viele andere, eingeschmolzen wurde. In ihrer Qualität ist sie weltweit ziemlich einzigartig.

Peru - Afrika - Brasilien - Siegen

Wie die Schale in Johann Moritz‘ Besitz kam, ist damit dann auch fast schon erklärt: Die Kolonialherren benötigten dringend Arbeitskräfte für ihre Silberminen in Peru. Und auch für die Zuckerplantagen, von denen aus der europäische Markt bedient wurde. Die Ureinwohner Perus waren den harten Arbeitsbedingungen nicht „gewachsen“. Die Arbeitskräfte, sprich: Sklaven, wurden also aus dem Ausland „beschafft“: Mit dem kongolesischen König entwickelte sich ein schwunghafter Handel, von dem beide Seiten „profitierten“. Also die Händler …
In diesem Zusammenhang ist die Schale wohl als Bezahlung nach Afrika gelangt, von wo aus sie dann zurückgebracht und Johann Moritz als Geschenk überreicht wurde. Johann Moritz war damals General-Gouverneur der Niederländischen Westindien-Kompanie in Brasilien (ab 1636). Der kongolesische König Dom Garcia sandte ihm die Schale als Geschenk zu, verbunden mit der Bitte, ihm Truppen nach Afrika zu schicken, die er für seinen Kampf gegen portugiesische Truppen benötigte. Bei dieser Auseinandersetzung in Afrika ging es um die Vorherrschaft im Sklavenhandel, um den sich die Niederländische Westindien-Kompanie, die portugiesischen und die spanischen Kolonialmächte stritten, unter Beteiligung der afrikanischen Händler. Eine Gesandtschaft des kongolesischen Königs überbrachte Johann Moritz die Schale, zusammen mit dem Brief des Königs, am 21. Mai 1643.
Als Johann Moritz im Jahr 1644 nach Europa zurückkehrte, nahm er die Schale mit und übergab sie der Nikolaigemeinde Siegen im Jahr 1658. Die naturwissenschaftlichen, künstlerischen und ethnographischen Artefakte, die Johann Moritz in seiner Zeit in Brasilien gesammelt hat, machten in den europäischen Fürstenhöfen Furore und veränderten das Bild der „neuen Welt“. Die großen Ausstellungen im Museum für Gegenwartskunst und im Siegerlandmuseum in Siegen zum „Aufbruch in neue Welten“ über „Johann Moritz den Brasilianer“ im Jahr 2004 gaben einen Einblick in diese „neuen Welten“.

Schenkung fand 1652 statt

Bevor Johann Moritz, der 1652 in den Fürstenstand erhoben worden war, der Nikolaigemeinde die Schale überreichte, ließ er sie überarbeiten, vermutlich in Frankfurt. Die peruanische Arbeit wurde mit einem Fuß versehen, auf der Unterseite erhielt sie eine lateinische Inschrift, die die Geschichte der Schale skizziert, so als hätte Johann Moritz damals schon geahnt, dass man sich in späteren Jahrhunderten über das ungewöhnliche Artefakt in Siegen würde wundern können. Im Boden der Schale ist das Wappen des Fürsten eingraviert, mit Fürstenkrone, Johanniterkreuz und Elefantenorden. Die Inschrift auf der Unterseite macht auch deutlich, dass sie als Taufschale gedacht ist: „… zum Gebrauch bei der heiligen Taufe …“
Nun kann man mit unserer heutigen, völlig anderen Sicht auf die Ereignisse und die Umstände, unter denen sie in den Besitz des Fürsten kam, sicher viele Fragen an die Schale stellen. Den Gebrauch der Schale kann man als einen Ausdruck des Bewusstseins ansehen, dass Geschichte nicht immer „rein“ verläuft, dass gerade diese Taufschale den Täuflingen und ihren Angehörigen deutlich macht, dass „der Mensch irrt“ und auf Vergebung angewiesen ist.

Komplexe Aufgabe: die Silikonabformung

Diese Schale hat Restaurator Helmut Franke nun in der Hand und formt sie dann mit einem Spezial-Silikon ab. Das klingt nach einer recht simplen Aufgabe, ist aber eine hochkomplexe Angelegenheit, denn es ist alles andere als einfach, zum Beispiel die Gravur unter der Schale so abzuformen, dass sie auch in der Abformung hinterher in exakt gleichem Detailgrad sichtbar ist. Auch die filigranen Verzierungen auf dem Rand sind eine Herausforderung: Jeder kleine Punkt im Metall, jede noch so kleine Ziselierung muss haargenau abgebildet sein, damit sie im Galvanisierungsprozess, mit dem die Schale repliziert wird, auch originalgetreu wieder erscheinen. Da, wo die Abdrücke nicht genau genug sind, arbeitet Helmut Franke mit der Hand nach, um die notwendige Exaktheit zu erreichen. Dazu kommt eine weitere Schwierigkeit: Die Schale muss in zwei Hälften repliziert werden, dazu kommt der Fuß, die dann zusammengefügt werden. Das heißt: Die Abformung der Oberseite und die der Unterseite müssen genau übereinander passen.
Das Material Silikon ist ja sehr elastisch, um nicht zu sagen „wabbelig“, muss also sehr exakt gearbeitet werden, damit die beiden Hälften übereinander passen. Für die Replizierung wird die Silikonform mit Glasfaser verstärkt, um sie stabil zu machen.

Aufwendiger Galvanisierungsprozess

Franke und sein Sohn sind erfahren in dieser Arbeit. Sie haben gemeinsam mit der Firma Detlef Janke aus Berlin, die dann die galvano-plastische Abformung macht, bereits den bronzezeitlichen Berliner Goldhut (Museum für Ur- und Frühgeschichte) repliziert. Janke hat in seiner Berliner Werkstatt die obere und die untere Silikonform der Taufschale mit einem leitenden Ring versehen und dann die Hälften und den Fuß jeweils in ein leitendes Kupferbad gehängt.
Und dann wird gewartet. Klingt auch wieder einfach, ist aber ebenfalls komplex, wie Detlef Janke beim SZ-Besuch erläutert. Die Silikonform wird mit Silberpulver eingepinselt und in ein Elektrolytbad gehängt, das schwach sauer ist und unter (schwachen) Strom gesetzt wird. Die Silber-Ionen lagern sich an dem negativen Pol (leitend gemachte Silikonform) ab, bauen rund 1,5 Millimeter Schichtdicke pro Woche auf. Man kann sich also vorstellen, wie lang dieser Prozess für die gesamte Schale dauert!
Dazu kommt: Die Ionen haben ja wegen der unterschiedlichen Tiefe der Schale einen unterschiedlich „weiten Weg“, lagern sich also an manchen Stellen stärker an als an anderen. Das kann man aber für die Schale, die ja aus den beiden Hälften zusammengesetzt wird, nicht gebrauchen. Dieser Prozess wird u. a. durch die Veränderung der Stromstärke, die angelegt wird, gesteuert.
Aber, sagt Janke, manches funktioniert auch nicht, und holt ein Stück Kupferrohling hervor, der „löchrig“ aus dem Bad gekommen ist: Die Ionen haben sich nicht gleichmäßig angelagert. Also wird das Ganze noch einmal gemacht …
Doch schließlich sind beide Hälften zur Zufriedenheit von Janke und Franke aus den Bädern gekommen: Nachdem Helmut Franke die Teile sorgfältig nachgearbeitet hat und mit Silber bzw. Gold beschichtet, hält er ein perfektes Replikat der Siegener Taufschale in den Händen. Das tritt die Reise nach Siegen an …
Literaturhinweise:
„700 Jahre Nikolaikirche in Siegen“, Ev. Nikolai-Kirchengemeinde (Hg.), Siegen 2017.
„Johann Moritz von Nassau-Siegen: Aufbruch in neue Welten“. Johann Moritz Gesellschaft (Hg.), Siegen 2004.
„Slavery“. Rijksmuseum. Amsterdam 2021.
„The Colonial Andes“. New York 2004.

Das Original der Taufschale ist derzeit in der Ausstellung „Slavery“ im Rijksmuseum Amsterdam ausgestellt (bis 20. April geschlossen), zusammen mit dem Begleitbrief des kongolesischen Königs an Johann Moritz.
Mariana Castillo Deball, die im Museum für Gegenwartskunst Siegen ihre Ausstellung „Amarantus“ zeigt (derzeit geschlossen), plant, künstlerisch auf die Schale und ihre bewegte Geschichte zu reagieren. sz

Autor:

Dr. Gunhild Müller-Zimmermann (Redakteurin) aus Siegen

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