Perspektiven der Dörfer

 Der Wisentpfad ist eines der Projekte, das der Dorfverein Aue-Wingeshausen auf die Beine gestellt hat. Ein Beitrag für eine lebenswerte Zukunft – und der kommt in der Bevölkerung an. Fotos: Archiv  Feudingen ist gut aufgestellt – geht es nach Hans-Hermann Weber, darf man das Dorf allerdings nicht isoliert betrachten. Nur im Verbund ist man für die Zukunft aufgestellt.
  • Der Wisentpfad ist eines der Projekte, das der Dorfverein Aue-Wingeshausen auf die Beine gestellt hat. Ein Beitrag für eine lebenswerte Zukunft – und der kommt in der Bevölkerung an. Fotos: Archiv Feudingen ist gut aufgestellt – geht es nach Hans-Hermann Weber, darf man das Dorf allerdings nicht isoliert betrachten. Nur im Verbund ist man für die Zukunft aufgestellt.
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tika - Es ist ein Ritt auf der Rasierklinge: In Zeiten des demografischen Wandels, des infrastrukturellen Rückstandes gegenüber Ballungsräumen und der Abwanderung von jungen Menschen und damit Fachkräften in den urbanen Raum, müssen sich Dörfer neu erfinden, um attraktiv zu bleiben. Den Ortschaften in Wittgenstein gelingt dies mehr und mehr mit Bravour. Immer mehr Dörfer gründen Gemeinschaften und Vereine, um Synergieeffekte zu schaffen und Kräfte zu bündeln. Auf diese Weise entstehen neue Ideen und Initiativen – und damit ein Wir-Gefühl, das einen erfrischenden Kontrast zum Negativtrend setzt. Die Siegener Zeitung blickt exemplarisch in einige Dörfer im Altkreis und beleuchtet die Herangehensweise für den Erfolg.

Ein echtes Leuchtturmprojekt ist die Initiative im Eder- und Elsofftal, die seit Anfang 2011 nicht nur für einen Wandel, sondern einen Fortschritt in den Dörfern Alertshausen, Beddelhausen, Christianseck, Diedenshausen, Elsoff, Schwarzenau und Wunderthausen sorgt – und damit weit mehr ist als die einst geplante Reaktion auf den demografischen Wandel. „Wir bilden inzwischen eine gemeinsame Dorfkulisse, die den Herausforderungen des demografischen Wandels solidarisch begegnet“, konstatiert der evangelische Pfarrer der Lukas-Kirchengemeinde, Dr. Ralf Kötter, in einem Zwischenfazit.

Ein echter Meilenstein war und ist dabei die Aufnahme in das Regionale-Projekt „Meine Heimat 2020“, in dessen Rahmen der Anbau an das Gemeindehaus in Elsoff über die Bühne geht. Das Gebäude avanciert künftig nicht nur zu einem Treffpunkt für Generationen, sondern ist zugleich ein Herzstück für das Forschungsprojekt „Cognitive Village – Vernetztes Dorf“, in dessen Rahmen Maßnahmen zur besseren und eigenständigeren Lebensweise speziell von älteren Menschen getroffen werden sollen. Der Aspekt der Gesundheit spielt dabei ebenso eine Rolle wie der der Gemeinschaft – der jüngst geplante Dorfladen im Rahmen des Projektes ist da nur ein Baustein.

Denn die Initiative legt Wert auf den Nachwuchs, hat etwa die Grundschule Elsoff zum Kooperationspartner erklärt – gleichsam zu zahlreichen heimischen Betrieben und Unternehmen. Regelmäßig findet dabei ein ganzheitliches Angebot für alle Generationen statt – von offenen Seniorenbegegnungen über Tagesbetreuung und Ausflüge sowie PC-Kurse für Späteinsteiger, die von Jugendlichen in der Gemeinde ehrenamtlich organisiert sind, bis hin zur Familienarbeit, Jugendfreizeiten und der frühkindlichen Bildung ist die Palette groß. „Neben der Seniorenarbeit bildet die Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Familien eine zweite wesentliche Säule unseres Engagements“, erklärt Dr. Ralf Kötter.

Dieses breitgefächerte Angebot machen die Verantwortlichen aus dem Eder- und Elsofftal letztlich zahlreichen Menschen durch ihren Generationenbus zugänglich, der seit September 2012 unterwegs ist und die Dörfer untereinander und mit der Kernstadt Bad Berleburg vernetzt. „Wir wollen Zukunft gemeinsam und solidarisch gestalten. Mit einer Konzentration innerhalb des Eder- und Elsofftals werden wir die großen Herausforderungen bewältigen. Aber auch dezentral werden wir von dieser Kooperation profitieren, so dass Menschen in allen Dörfern gemeinsam gewinnen“, konstatiert Dr. Ralf Kötter. 

Allein, die Projekte sind damit nicht nur für die ältere Generation, sondern allzu oft auch ein Werben um den Nachwuchs. Und dieser ist für die Zukunft der Dörfer elementar. „Es gibt durchaus positive Signale, doch mehr Jugend an allen Ecken wäre wünschenswert. Das ist ein Problem, für das es keinen Königsweg gibt, sondern vielmehr eine Blaupause unserer Gesellschaft, die immer älter wird“, weiß Helmut Keßler. Der Vorsitzende des vor vier Jahren gegründeten Dorfvereins Aue-Wingeshausen sieht aber alles andere als schwarz für die Zukunft, denn mit dem TSV Aue-Wingeshausen ist ein Verein aktiv, der für eine starke Nachwuchsarbeit bekannt ist – dies fördert Identifikation mit dem Verein, aber auch mit den Dörfern.

„Ich sehe der Zukunft sehr positiv entgegen. Wichtig ist, dass unsere Infrastruktur nicht nur erhalten bleibt, sondern sogar ausgebaut wird. Dass der Dorfladen komplett runderneuert ist, spricht ebenso für sich wie das weitere Angebot in den Orten“, sagt Helmut Keßler. Die ärztliche Versorgung ist ebenso gewährleistet wie die mit Nahrungsmitteln, hinzu kommt unter anderem ein Kinderbekleidungsgeschäft. Apropos Kinder: Für diese stehen Kindergarten und Grundschule zur Verfügung – ein wichtiges Argument im Werben um junge Familien.

„Wir müssen das Vorhandene erhalten und vor allem vorantreiben“, fordert der Vorsitzende des Dorfvereins, der bei alldem vor allem die Relevanz des Ehrenamtes hervorhebt. „Durch ehrenamtliche Kräfte haben wir es geschafft, das Bad zu erhalten, durch das Ehrenamt haben wir einen Kunstrasen in der Wester – die Bereitschaft ist groß“, sagt Helmut Keßler. Seit der Gründung des Dorfvereins spürt der Vorsitzende in beiden Ortschaften eine deutliche „Aufbruchstimmung“. „Wir haben es geschafft, Synergieeffekte zu schaffen. Und auf diese Weise sind neue Ideen entstanden, etwa die eines neuen Radweges. Die Idee ist von uns angestoßen worden und befindet sich nun im Genehmigungsverfahren. Das wertet die Lebensqualität auf, ebenso wie etwa der Wisent- oder der Barfußpfad“, ist sich der Vorsitzende sicher.

Das ganzheitliche Angebot, das von der Grund- und ärztlichen Versorgung bis zur gastronomischen Vollversorgung reicht, hat sich bereits positiv in der Einwohnerzahl bemerkbar gemacht. „Wir tragen das Dorf durch unsere gemeinsame Internetseite voran und haben dort täglich viele Zugriffe. Letztlich haben wir durch unsere Präsentation im Internet sogar neue Einwohner gewonnen, die sich ob der Darstellung für einen Umzug in unsere Dörfer entschieden haben“, erklärt Helmut Keßler – das große Engagement zahlt sich ergo in vielerlei Hinsicht aus.

Junge Familien ins Dorf locken, darum ist auch Feudingen bemüht. Im Neubaugebiet erhalten Eltern, die ein Haus bauen, pro Kind einen Rabatt auf ihren Bauplatz – eine Maßnahme für die Familienfreundlichkeit. „Uns ist es zudem gelungen, viele Leerstände – speziell im Hinblick auf Wohnraum – im Ort zu beseitigen. Die Leerstände im Hinblick auf Gewerbefläche sind hingegen weiterhin ein Problem für uns, das es anzugehen gilt“, konstatiert Hans-Hermann Weber. Der Vorsitzende der Dorfgemeinschaft Feudingen sieht den Ort allerdings gut aufgestellt. „Unsere große Stärke ist die Infrastruktur – wir haben Ärzte und Geschäfte und erfüllen damit eine Versorgungsfunktion nicht nur für Feudingen, sondern für das gesamte Obere Lahntal. Hinzu kommt, dass wir mit den Hotels auch touristisch gut aufgestellt sind“, weiß Hans-Hermann Weber. Zudem leistet das gesamte Dorf – nicht zuletzt im Zusammenspiel mit der evangelischen Kirchengemeinde und dem Gemeindehaus als „Mehrgenerationen-Haus“ – einen entscheidenden Beitrag zur Nachwuchsarbeit. Und dies sowohl in seinen 29 Vereinen als auch im Alltag.

„Wir verfügen über ein breites Angebot für Kinder und Jugendliche und haben zudem ein reges Vereinsleben. Allein der TV Feudingen als größter Verein im Dorf zählt über 300 jugendliche Mitglieder. Hinzu kommt die Kirchengemeinde, die vielfältige Angebote für alle Altersklassen macht. Entscheidend ist nicht zuletzt auch, dass wir eine Grundschule haben sowie zwei Kindergärten im Oberen Lahntal“, sagt der Vorsitzende der Dorfgemeinschaft, der bei dabei ebenfalls die große Bedeutung des Ehrenamtes hervorhebt.

Allein, Hans-Hermann Weber will über den Tellerrand blicken und denkt ganzheitlicher – den Begriff des Oberen Lahntals forciert er daher ganz bewusst. „Es wäre falsch, Feudingen isoliert zu betrachten. Vielmehr wäre es wünschenswert, wenn politisch ein Dorfentwicklungskonzept entworfen würde, das Potenziale und Synergieeffekte für das Obere Lahntal aufzeigt – wir müssen über den Tellerrand blicken“, fordert der Vorsitzende der Dorfgemeinschaft. Die Verbundenheit zwischen den Dörfern ist schließlich groß, beim 650. Geburtstag von Oberndorf und Rüppershausen im vergangenen Jahr feierten nicht nur die beiden Dörfer, sondern eben das gesamte Obere Lahntal gemeinsam.

Derzeit bereitet die Dorfgemeinschaft selbst ihr Jubiläum vor – den 800. Geburtstag im Jahr 2018, der einen ähnlichen Effekt haben dürfte. Vorbildcharakter hat für Hans-Hermann Weber die Initiative im Eder- und Elsofftal, nach dessen Muster er sich durchaus eine Kooperation im Oberen Lahntal vorstellen könnte. Dass es nach dem Zusammenschluss der sieben Dörfer dort nicht beim Leuchtturmgedanken geblieben ist, zeigt die Entwicklung der Ortschaften – und das große Potenzial, das längst nicht ausgeschöpft ist. Die Zukunft kann kommen!

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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