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Helden der Coronakrise gehen oft leer aus
Pflege-Prämie kommt nur bei wenigen an

Nicht alle Pflegekräfte in Krankenhäusern erhalten eine Corona-Prämie. Betten- und Patientenzahl spielen eine Rolle. Über die krankenhausinterne Verteilung müssen Geschäftsführung und Mitarbeitervertretung entscheiden. Die Pfleger im Siegener Marienkrankenhaus (Foto) gehen z. B. leer aus.
  • Nicht alle Pflegekräfte in Krankenhäusern erhalten eine Corona-Prämie. Betten- und Patientenzahl spielen eine Rolle. Über die krankenhausinterne Verteilung müssen Geschäftsführung und Mitarbeitervertretung entscheiden. Die Pfleger im Siegener Marienkrankenhaus (Foto) gehen z. B. leer aus.
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  • hochgeladen von Sonja Schweisfurth (Redakteurin)

nja/thor Siegen/Kirchen/Olpe. Sie zählen zu den Helden der Coronakrise, die Pflegekräfte in den Krankenhäusern, die insbesondere zur Hochzeit der Pandemie an vorderster Front ihren unverzichtbaren Dienst verrichteten. Wohin diese Dienst-„Reise“ angesichts wieder stark ansteigender Infiziertenzahlen geht, weiß niemand. Schnell war in der Politik der Gedanke geboren, es nicht beim öffentlichen Applaudieren zu belassen: Am Freitag machte der Bundesrat den Weg frei für eine Milliardenförderung der Krankenhäuser und eine Corona-Prämie für Pflegekräfte in den Kliniken in Höhe von bis zu 1000 Euro. Allerdings kommt dieses Geld nicht bei allen an. Auch etliche Pflegekräfte in Siegen-Wittgenstein und Kirchen gehen leer aus, weil ihre Kliniken die Anforderungen nicht erfüllen.

nja/thor Siegen/Kirchen/Olpe. Sie zählen zu den Helden der Coronakrise, die Pflegekräfte in den Krankenhäusern, die insbesondere zur Hochzeit der Pandemie an vorderster Front ihren unverzichtbaren Dienst verrichteten. Wohin diese Dienst-„Reise“ angesichts wieder stark ansteigender Infiziertenzahlen geht, weiß niemand. Schnell war in der Politik der Gedanke geboren, es nicht beim öffentlichen Applaudieren zu belassen: Am Freitag machte der Bundesrat den Weg frei für eine Milliardenförderung der Krankenhäuser und eine Corona-Prämie für Pflegekräfte in den Kliniken in Höhe von bis zu 1000 Euro. Allerdings kommt dieses Geld nicht bei allen an. Auch etliche Pflegekräfte in Siegen-Wittgenstein und Kirchen gehen leer aus, weil ihre Kliniken die Anforderungen nicht erfüllen.

Kriterien sind formal erfüllt

Allein die Kath. Hospitalgesellschaft Südwestfalen als Trägerin des St.-Martinus-Hospitals Olpe und des St.-Josef-Hospitals Altenhundem sowie das Kreisklinikum Siegen sind mit dabei. 400 Betten und „um die 100 Corona-Patienten“ im Referenzzeitraum – die Kriterien sind damit formal erfüllt, sagt der Olper Geschäftsführer Johannes Schmitz – und kann sich doch nicht so recht freuen. Wie viel Geld es aus dem 100-Millionen-Euro-Topf gebe, müsse erst noch errechnet werden. Über die hausinterne Verteilung haben dann laut Gesetz Geschäftsführung und Betriebsrat zu entscheiden. Und hier gibt es Fragezeichen.

Viele Beschäftigte gehen leer aus

Vielerorts haben Personalräte schon angekündigt, nicht dabei mitwirken zu wollen, weil viele Beschäftigte ganz leer ausgehen. Die Olper Mitarbeitervertretung wird sich in der kommenden Woche mit dieser Frage beschäftigen, sagt Vorsitzender Holger Schuppert: „Wir werden eine Richtungsentscheidung treffen müssen. Leider sieht die Politik nicht ein, dass andere Berufsgruppen, z. B. die schlecht verdienenden Raumpflegerinnen, auch eine Prämie verdient hätten. Es ist doch ungerecht: 92 Prozent der Belegschaft gehen leer aus, 8 Prozent profitieren!“
Wenn die MAV sich verweigere, so ergänzt die Geschäftsführung, „bekommt keiner was“. Ein wahres Dilemma!

Psychische Belastungen während der Pandemie

Das Kreisklinikum Siegen erfüllt ebenfalls die Kriterien: 556 Betten stehen bereit, 62 Coronapatienten wurden von Januar bis Mai versorgt. Pflegedirektor Armin Heck: „Generell halten wir es schon für richtig, dass primär jene Pflegekräfte belohnt werden, in deren Klinik eine Versorgung von Covid-19-Patienten stattgefunden hat. Jedoch ist es schwierig zu entscheiden, bei welcher Patienten- und Bettenanzahl hier eine Grenze gezogen werden sollte.“ Das Team sei während der Pandemie vor allem psychischen Belastungen ausgesetzt. „Nicht zuletzt mussten unsere Kollegen aus der Pflege ein großes Maß an Flexibilität zeigen und sich teilweise in neue Fachgebiete einarbeiten.“
Das Diakonie-Klinikum hält an seinen zwei Standorten in Siegen und Freudenberg insgesamt 651 Betten vor. Bis Juli wurden 17 Corona-Patienten stationär, zwei prästationär behandelt. „Die Bundesregierung hat die Prämien-Kriterien festgelegt. Diese Standards müssen wir akzeptieren. Nun gilt es, damit zu arbeiten“, sagt Geschäftsführer Dr. Josef Rosenbauer.

Stimmung ist gedrückt

„Wir fallen mit unseren 429 Betten und zehn Corona-Patienten zwischen Januar und Mai aus diesem Kriterien-Katalog“, gewährt Dr. Christian Stoffers, Sprecher des Siegener Marienkrankenhauses, Einblicke in die Stimmungslage: „Es ist sehr schade, dass unsere sehr engagierten Pflegenden nicht in den Genuss der Prämie kommen. Entsprechend ist die Stimmung, die zeitweise als Helden gefeiert wurden, gedrückt. Es galt schließlich, sich gerade zu Beginn der Krise auf eine ungewisse Entwicklung vorzubereiten, deren Ausgang auch heute noch völlig offen ist. Es gab definitiv eine hohe Belastung, da z. B. die Dienstpläne so ausgerichtet werden mussten, dass ein potenziell erhöhtes Patientenaufkommen bewältigt werden konnte. Auch mussten gerade die Mitarbeitenden in der Pflege den Spagat zwischen Arbeit und Familie bewerkstelligen.“ Es werde anerkannt, „dass in den Hotspots deutlich mehr geleistet wurde“.

Grenzen für "Belohnung" schwer nachzuvollziehen

„Bis heute haben wir eine geringe, einstellige Zahl an Patienten mit positivem Befund stationär behandelt“, sagt Arnd Dickel, Pressesprecher der DRK-Kinderklinik. Die Pandemie bringe grundsätzlich Belastungen für alle Klinikmitarbeiter mit sich. Daher falle es schwer nachzuvollziehen, warum hier gewisse Grenzen für eine Art „Belohnung“ eingeführt worden seien. „Grundsätzlich liegt gerade den Pflegenden bei uns viel mehr daran, eine andauernde Wertschätzung für ihre herausfordernde Arbeit rund um die Uhr zu erhalten, statt mit einer Einmalzahlung bedient zu werden.“

Patienten aus Italien in Kirchen

Auch in Kirchen hält sich die Begeisterung über die Entscheidung der Bundespolitik stark in Grenzen. Das DRK-Krankenhaus war das einzige in der Region, das im Frühjahr zwei Patienten aus dem norditalienischen Krisengebiet aufgenommen hatte. Über Wochen wurden diese von den Pflegekräften intensiv betreut. Auch das wird nicht honoriert. Betriebsratsvorsitzender Eberhard Bruch kann die Förder-Kriterien nicht nachvollziehen: „Das an Fallzahlen festzumachen, halte ich für schwierig.“ Risiko und Aufwand seien gleich hoch wie in großen Kliniken, zumal die kleineren Häuser über deutlich geringere Personalressourcen verfügten. „Sie leisten keine geringere Arbeit als die Kollegen in den Ballungsräumen“, sagte Bruch mit Blick auf die Beschäftigten in Kirchen. Und ja: „Da kann man schon eine Ungerechtigkeit erkennen.“

Aufwertung der Berufe im Gesundheitswesen

Er plädiert ohnehin dafür, nicht nur Pflegekräfte zu belohnen. Auch die therapeutischen oder medizintechnischen Berufe gehörten dazu. Bruchs übergreifende Forderung: „Wir brauchen eine nachhaltige Aufwertung der Berufe im Gesundheitswesen.“ Und es müsse Schluss sein mit der Heuchelei. Denn vor der Pandemie habe es noch geheißen, dass viele Krankenhäuser schließen sollten. „Die Politik muss sich mal entscheiden: Sind wir nun gut oder sind wir teuer.“

Nur 27,3 Prozent „besonders belastet“ Das von der Länderkammer am Freitag gebilligte „Zukunftsprogramm“ sieht eine einmalige Finanzspritze des Bundes in Höhe von 3 Milliarden Euro vor, um Investitionen in moderne Notfallkapazitäten und die IT-Ausstattung von Krankenhäusern voranzubringen. Neben den Pflegekräften in den Altenheimen bekommen nun auch die Beschäftigten in den Kliniken eine Corona-Prämie. Die 1000-Euro-Prämie soll weitgehend aus Mitteln der Beitragszahler aufgebracht, das Geld soll aus der Liquiditätsreserve des Gesundheitsfonds entnommen werden. Es werden aber nur Krankenhäuser berücksichtigt, die besonders belastet wurden. Über 70 Prozent der Kliniken in Deutschland werden somit bei der Prämie nicht einbezogen. Nur insgesamt 433 Krankenhäuser erfüllen die erforderlichen Kriterien, teilt das Bundesgesundheitsministeriums mit. Ende 2018 gab es aber 1585 allgemeine Krankenhäuser in Deutschland. Als besonders belastet gelten demnach zum einen Krankenhäuser mit weniger als 500 Betten, die zwischen Januar und Mai mindestens 20 Corona-Patienten hatten. Dies trifft der Regierungsantwort zufolge auf 318 Krankenhäuser zu. Zum anderen werden Kliniken ab 500 Betten berücksichtigt, die mindestens 50 Corona-Patienten hatten. Dies trifft auf 115 Krankenhäuser zu.
Autor:

Anja Bieler-Barth (Redakteurin) aus Siegen

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