SZ

Gedankenspiele
Plädoyer für die Langeweile

sz Siegen. Nutze den Tag: Selbst der aus dem lateinischen „Carpe Diem“ abgeleitete Alltagsspruch setzt den Schwerpunkt auf Produktivität: Mach was! Tu was! Häng nicht ab! Stier nicht an die Decke! Dabei hatte der römischen Dichter Horaz auch das Nichtstun im Sinn, als er den Rat gab, den Tag zu „pflücken“, sprich zu genießen, und möglichst wenig auf den folgenden Tag zu vertrauen.

Aber auch Nichtstun erfordert Zeit. Und die wird insbesondere in der jüngeren Generation immer knapper. Neben Schule oder Arbeit, Internet und Fernsehen nehmen das Smartphone mit den WhatsApp-Gruppen, Facebook, Instagram, Twitter und viele andere technische Errungenschaften und Kommunikationswege mehr und mehr Zeit von der Uhr.

sz Siegen. Nutze den Tag: Selbst der aus dem lateinischen „Carpe Diem“ abgeleitete Alltagsspruch setzt den Schwerpunkt auf Produktivität: Mach was! Tu was! Häng nicht ab! Stier nicht an die Decke! Dabei hatte der römischen Dichter Horaz auch das Nichtstun im Sinn, als er den Rat gab, den Tag zu „pflücken“, sprich zu genießen, und möglichst wenig auf den folgenden Tag zu vertrauen.

Aber auch Nichtstun erfordert Zeit. Und die wird insbesondere in der jüngeren Generation immer knapper. Neben Schule oder Arbeit, Internet und Fernsehen nehmen das Smartphone mit den WhatsApp-Gruppen, Facebook, Instagram, Twitter und viele andere technische Errungenschaften und Kommunikationswege mehr und mehr Zeit von der Uhr. Längst ist das WWW via Smartphone zum ständigen Begleiter geworden – 24 Stunden am Tag. Selbst bei Trauerfeiern, so schrieb Pfarrerin Annegret Mayr jüngst in der Siegener Zeitung, müssten Hinterbliebene instruiert werden, dass man, wenn Sarg oder Urne aus der Halle getragen werden, nicht gleich wieder mit dem Handy hantiert.

Smartphone-Sucht

Aktuelle Studienergebnisse der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung belegen, dass hierzulande etwa 270.000 Jugendliche im Alter von zwölf bis 17 Jahren eine problematische Nutzung des Internets und von Computerspielen zeigen. Allein mit dem Smartphone ist jeder Vierte der 18- bis 22-Jährigen täglich länger als vier Stunden online. Längst ist das Thema „Smartphone-Sucht“ unter dem Stichwort „Nomophobie“ bei Ärzten und in der Wissenschaft angekommen. Der Begriff leitet sich ab von No-Mobile-Phone-Phobia und bezeichnet die Angst von Menschen, ohne Mobiltelefon bzw. Netz unerreichbar für soziale und geschäftliche Kontakte zu sein.

Nun muss man nicht zu Extremen wie zu Verlust-Ängsten vordringen, um festzustellen, dass die technische Entwicklung die Kommunikation grundlegend verändert hat und dass sich die Veränderung des Nutzungsverhaltens auch auf die Menschen selbst auswirkt – und auf die Gesellschaft. Wann und wo finden junge Menschen heute noch Raum fürs Nichtstun und Zeit, Vorstellungen und Phantasien zu entwickeln, wenn die Schule morgens und nachmittags ruft und neben Lernen, Essen und Schlafen auch noch Stunde um Stunde für TV, Videos und Internet-Präsenz draufgeht und vielzählige soziale Online-Kanäle und Chats auf Rückmeldung drängen? Haben junge Menschen unter solchen Vorzeichen wirklich noch hinreichend Zeit für sich selbst und die Muße, eigenen Gedanken nachzugehen, das eigene Ich zu erkunden und Wünsche, Ziele zu ergründen? Wie wird sich eine unter solchen Vorzeichen geprägte Gesellschaft im Alter entwickeln, wenn Kommunikationskanäle nach und nach versiegen, wenn längst niemand mehr auf Freundschaftsanfragen antwortet? Wird man dann wirklich den Hebel umlegen können und Ruhe und Befriedigung in sich selbst und seinen Gedanken finden können, statt die der anderen zu „liken“?

Aus "gammeln" wurde "chillen"

Man sollte sich hüten, Vergangenes zu romantisieren, es war nicht alles „besser“ früher. Die Jugendlichen, die in den 60er- und 70er-Jahren „rumgammelten“, statt zu lernen und zu arbeiten, brachten ihre Wirtschaftswunder-Eltern schier zur Verzweiflung. Heute sehen junge Leute stets beschäftigt aus. Beim Stadtbummel mit dem Knopf am Ohr wird lautstark telefoniert, beim Busfahren eifrig getippt und beim Kaffeetrinken mit der Clique einhändig gescrollt. Das Gammeln heißt heutzutage „Chillen“, aber so richtig chillig sieht es eigentlich nicht aus. Allerdings lautet die ursprüngliche Übersetzung des englischen Wortes „chill“ auch kühlen. Und „cool“ wirken wollen die Jugendlichen auf jeden Fall.

Ein anderer Begriff hingegen ist ganz aus der Mode gekommen im Smartphone-Zeitalter: Langeweile. Kinder, die im analogen Zeitalter aufwuchsen, kannten das Gefühl nur zu gut: „Mama, mir ist so langweilig ...“, lautete die Klage. Gut, wenn Mama oder Papa dann eine Idee zum Zeitvertreib hatten. Aber wenn nicht, dann dehnte die Langeweile die Zeit wie einen Kaugummi. In solchen Stunden, wenn keine Ablenkung in Sicht war, können kleine und große Menschen in Gedankenlabyrinthen spazieren gehen. Gewiss, das klappt nicht immer. Manchmal ist Langeweile einfach nur öde. Aber mitunter lässt sie die Phantasie aus ihrem Vernunftgefängnis springen. Und dann denken Kinder nach über Vergangenes und Zukünftiges, über Bastelpläne und Weihnachtswünsche, über Ungerechtigkeiten und Träume. „Langeweile ist der Wunsch nach Wünschen“, sagte der russische Schriftsteller Leo Tolstoi.

Die Mutter der Musen

Dass für scheinbar unnütz verstreichende Zeit heute kein Raum mehr bleibt, weil der Tag ausgefüllt wird mit medialen Aktivitäten, hat Folgen, über die man noch wenig weiß. Braucht die kindliche – und womöglich auch die erwachsene – Psyche den Freiraum der Langeweile? Welche Hirnareale oder Synapsen werden durch das ungerichtete Schweifenlassen der Gedanken belebt? Was geht verloren, wenn wir die Fähigkeit zum Nichtstun verlieren? Fragen für Wissenschaft und Philosophie.
Johann Wolfgang von Goethe schwärmt in seinen Venzianischen Epigrammen nach einem mutmaßlich ausgiebig „gepflückten“ Tag: „Langeweile! Du bist die Mutter der Musen“, und der geniale Geist ist sich an anderer Stelle sicher: „Wenn die Affen es dahin bringen könnten, Langeweile zu haben, so könnten sie Menschen werden.“ Aber was wird aus den Menschen, wenn sie keine Langeweile mehr haben? Dieter Sobotka

Autor:

Dieter Sobotka aus Hilchenbach

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

Folgen Sie diesem Profil als Erste/r

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen