SZ

Prozess um Raubüberfall in Achenbacher Furt
Polizist: "Das Urteil ist eine Frechheit"

Vor dem Landgericht Siegen wurde ein 29-Jähriger zwar zu einer Haftstrafe verurteilt, vom Vorwurf, einen Raubüberfall auf eine junge Frau in der Achenbacher Furt begangen zu haben, jedoch freigesprochen.
  • Vor dem Landgericht Siegen wurde ein 29-Jähriger zwar zu einer Haftstrafe verurteilt, vom Vorwurf, einen Raubüberfall auf eine junge Frau in der Achenbacher Furt begangen zu haben, jedoch freigesprochen.
  • Foto: kalle (Archiv)
  • hochgeladen von Christian Schwermer (Redakteur)

cs Siegen. „Wie ich höre, tippen Sie sich die ganze Zeit an den Kopf“, unterbrach Vorsitzende Richterin Elfriede Dreisbach ihre Urteilsbegründung und wandte sich direkt an den Polizeibeamten, der von den Zuschauerplätzen aus das Geschehen verfolgte. „Das Urteil ist eine Frechheit!“, polterte der junge Ordnungshüter. Daraufhin sah sich der 29-jährige Angeklagte, der im März dieses Jahres eine Frau in der Achenbacher Furt brutal überfallen haben soll und sich wegen einer Vielzahl weiterer Delikte vor der 1. großen Strafkammer des Siegener Landgerichts verantworten musste (die SZ berichtete), genötigt, Partei für die Richterin zu ergreifen, die ihn soeben zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von drei Jahren und sechs Monaten verurteilt hatte.

cs Siegen. „Wie ich höre, tippen Sie sich die ganze Zeit an den Kopf“, unterbrach Vorsitzende Richterin Elfriede Dreisbach ihre Urteilsbegründung und wandte sich direkt an den Polizeibeamten, der von den Zuschauerplätzen aus das Geschehen verfolgte. „Das Urteil ist eine Frechheit!“, polterte der junge Ordnungshüter. Daraufhin sah sich der 29-jährige Angeklagte, der im März dieses Jahres eine Frau in der Achenbacher Furt brutal überfallen haben soll und sich wegen einer Vielzahl weiterer Delikte vor der 1. großen Strafkammer des Siegener Landgerichts verantworten musste (die SZ berichtete), genötigt, Partei für die Richterin zu ergreifen, die ihn soeben zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von drei Jahren und sechs Monaten verurteilt hatte.  „Lass die Frau doch ausreden, Mann“, brüllte der 29-jährige Deutsche in Richtung des Ermittlers. Der Prozess erhitzte die Gemüter – vor allem aus einem Grund: Die Kammer sah es nicht als erwiesen an, dass der Angeklagte die schreckliche Tat in Achenbach tatsächlich begangen hat, und sprach ihn entsprechend von diesem Vorwurf frei.

Sprachnachricht mit "kaum Beweiswert"

Für Prozessbeobachter kein überraschendes Urteil – auch für juristische Laien waren die Fehler im Vorgehen des 34-jährigen Polizisten, der sich gestern so sehr über das Urteil echauffierte, zu offensichtlich. Die eine einzige Sprachnachricht, die der Beamte dem Opfer vorgespielt hatte – noch dazu mit dem Hinweis versehen, es könne sich dabei um den Täter handeln – und anhand derer die junge Frau ihren Peiniger zu identifizieren glaubte, habe „kaum Beweiswert“, wie Elfriede Dreisbach feststellte. Die Richterin unterstrich, dass natürlich mehrere Audiosequenzen von verschiedenen Männern hätten abgespielt werden müssen. Und selbst dann wären zumindest Zweifel angebracht gewesen, denn die Frau habe in einer für sie „prekären Situation“ nur einige wenige Worte des Täters gehört, wie Elfriede Dreisbach ausführte. Auch die Angaben eines 26-jährigen Zeugen, der die Handtasche des Opfers erst beim Angeklagten und dann bei dessen Freundin gesehen haben will, seien „sehr mit Vorsicht zu genießen“. Schließlich sei der Mann in seinem Aussageverhalten „sehr wankelmütig“ gewesen. Insgesamt könne man auf diese Indizien keine Verurteilung stützen, stellte Elfriede Dreisbach fest.

Lange Liste von Delikten

In der Folge klapperte die Vorsitzende Richterin die weiteren Anklagepunkte ab. Einen Vorfall in der Wohnung des angesprochenen 26-jährigen Zeugen, in dessen Zuge der Angeklagte in der Absicht, Schulden einzutreiben, mit einem Messer auf das Türblatt eingestochen hatte, wertete das Gericht lediglich als Nötigung – und nicht als räuberische Erpressung, für die Staatsanwalt Waldemar Gomer alleine eine Haftstrafe von fünfeinhalb Jahren gefordert hatte.
Und der Diebstahl in einem Edeka-Markt sei juristisch nicht als „räuberisch“ zu werten. Letztlich wurde der 29-jährige Angeklagte u. a. wegen räuberischer Erpressung, Bedrohungen, Diebstahl, Nötigung, Körperverletzung, Widerstandes gegen Vollstreckungsbeamte, Verstößen gegen das Waffengesetz, Unterschlagung und unerlaubten Besitzes von Betäubungsmitteln zu der Haftstrafe verurteilt, die jedoch nach einer zweijährigen Unterbringung in einer Erziehungsanstalt zur Bewährung ausgesetzt werden kann. Immer wieder verwies Elfriede Dreisbach auf die verminderte Schuldfähigkeit des Angeklagten, der während vieler Delikte unter dem Einfluss von Drogen oder Alkohol gestanden habe.

Angeklagter mit Ende 20 ohne Schulabschluss und Berufsausbildung

Stichwort Betäubungsmittel: „Drogen haben sein ganzes Leben bestimmt“, resümierte Elfriede Dreisbach, der Angeklagte stehe mit Ende 20 ohne Schulabschluss und Berufsausbildung da und habe nichts vorzuweisen, „außer einem Kind, das er aktuell nicht sehen darf“. Die Kombination aus Substanzen wie Marihuana und Alkohol habe dazu geführt, dass sich der 29-Jährige in vielen Fällen „völlig unangemessen“ verhalten habe.
Am Ende richtete sich die Juristin direkt an den Angeklagten: „Wenn das jetzt nicht klappt und wir uns hier wiedersehen – dann wird es ganz schlimm“, warnte Dreisbach den Mann. Die Zuschauer reagierten indes mit spöttischem Gelächter, der Unmut über das als viel zu milde empfundene Urteil war in Saal 165 deutlich spürbar.
Auch nach Prozessende waren die Wogen noch nicht geglättet: Verteidiger Christoph Rühlmann kündigte dem Polizisten gegenüber an, eine Dienstaufsichtsbeschwerde zu prüfen. „Dass Polizisten der Richterin während eines Prozesses den Vogel zeigen, darf keine Schule machen“, begründete der Rechtsanwalt seine Erwägung.

Autor:

Christian Schwermer (Redakteur) aus Siegen

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