Pollensuche am wandernden Bachbett

Die archäologische "Spurensicherung" hat am Gerhardseifen im Dreiborntal noch viel Arbeit vor sich, um den keltischen Eisenleuten auf die Schliche zu kommen.  Foto: pebe
  • Die archäologische "Spurensicherung" hat am Gerhardseifen im Dreiborntal noch viel Arbeit vor sich, um den keltischen Eisenleuten auf die Schliche zu kommen. Foto: pebe
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pebe ???Noch haben sie eine knappe Woche ?Zeitreise? vor sich. Aber die detektivische Arbeit in dem schmalen Tälchen hinter dem Sportplatz am Rosengarten hat sich für das archäologische Team gelohnt, da ist sich Grabungsleiter Manuel Zeiler sicher. Mühselig genug war es, gibt der 34-jährige Archäologe zu: ?Ursprünglich war die Grabung hier auf zwei Jahre angesetzt.? Es könnte aber auch die doppelte Zeitspanne daraus werden. Denn der Trupp der ?Spurensicherung? im Dienst der Wissenschaft geht ebenso peinlich genau vor wie die Kriminalisten. Jedes noch so unauffällige Objekt aus dem Boden könnte eine Überraschung bergen.

Seit sieben Wochen graben sich die ?Zeitreisenden? am Gerhardsseifen im Dreiborntal durch die Jahrhunderte (die SZ berichtete), und nur langsam kommen sie voran. Immer wieder werden sie fündig. Immer neu werden Fragen beantwortet, werden aus alten Antworten neue Fragen. So kannte das Team im zurückliegenden Sommer bereits den Platz eines großen Meilers aus dem 17. Jahrhundert. Mittlerweile aber, erzählt Zeiler, sei klar, dass der nur der letzte von mindestens vier glimmenden Holzhügeln an derselben Stelle war. Der unterste stammt vermutlich aus dem Mittelalter, darauf deutet seine Form hin, ?ein Grubenmeiler, klein und ineffektiv?, stellt Zeiler fest. Ob und wie dagegen die keltischen Eisenleute Holzkohle am Gerhardsseifen durchglühen ließen, wissen die Gräber noch nicht.

Die Köhler, die die Meiler erbauten, hätten damit aber auch für einen ziemlich starken Eingriff im Boden gesorgt, seufzt der Grabungsleiter. So habe das archäologische Team zunächst das von den Köhlern beiseite gehobene Material für die eisenzeitliche Schlackenhalde gehalten. Die rund 40 Zentimeter dicke, rostig leuchtende Halde selbst befindet sich jedoch wenige Meter weiter nördlich. Sie streift mit ihrem Fuß eines von mehreren Bachbetten, die der Gerhardsseifen gegraben hat. Der Bach hat das Tal an dieser Stelle geprägt, in einem der alten Verläufe liegt noch ein mitgeschwemmtes Stück Holz, die Forscher lassen es noch ?in situ?, an seinem Platz, wie sie sagen.

Pollen als "Entwicklungshilfe" für ein großes Panorama

Warum ist gerade ein Bachbett interessant für die Archäologen? Zeiler deutet auf die sichtbar werdenden Sedimentschichten: ?Wir können vielleicht eisenzeitliche Pollen im Sediment finden. Daraus können die Kollegen dann die Pflanzengesellschaft der Eisenzeit hier im Tal bestimmen. Und damit haben wir die Chance, den ganzen Naturraum zu charakterisieren.? Es sei schwierig, an eisenzeitliche Pollen zu gelangen, fährt der promovierte Archäologe fort. ?Hier gibt es keine Moore wie im Sauerland oder in Hessen, wo sich Pollen unter Sauerstoffabschluss erhalten könnten.? Pollen als ?Entwicklungshilfe? für ein großes Panorama ? der Respekt vor der Arbeit der wissenschaftlichen ?Maulwürfe? wächst weiter.

Die ?Verhüttungsstraße? der erzversessenen Kelten lässt sich indes immer besser nachweisen. Neben dem Röstplatz, wo die erzhaltigen Gesteine entschwefelt, entwässert und aufgebrochen wurden, haben die Wissenschaftler mittlerweile massive, armdicke Pfostenlöcher nachgewiesen, Hinweise auf eine massive Ständerkonstruktion, die eine Zuwegung zur Beschickung der mannshohen La-Tène-Öfen dargestellt haben könnten. Die Öfen selbst spielen mit dem Suchtrupp noch Verstecken. ?Wir haben jetzt zwar eine recht genaue Vorstellung, wo ihre Überreste sein müssen, aber wir haben sie noch nicht?, zuckt Zeiler mit den Schultern. Archäologen brauchen eben Geduld. Sie können nicht ?mal eben? 40 Zentimeter Erde beiseite räumen, um nachzuschauen, ob ihre Theorie stimmt. In jedem Zentimeter der Schicht kann sich der Einsatz von Spatel und Pinsel lohnen.Auch auf die Frage, warum die Forscher so selten Reste von eisenzeitlichen Gegenständen finden, weiß Zeiler eine einfache Antwort: Werkzeuge waren kostbar, das Ergebnis vieler Arbeitsstunden. ?Die Kelten waren Handwerker. Und in einem Handwerksbetrieb wirft man nichts weg.? Den Ausgräbern bleibe also nur die Möglichkeit, aus den Rückständen der Arbeit in Zusammenarbeit mit anderen Fachrichtungen Erkenntnisse abzuleiten.Immer weitere Fragen tauchen auf, auf die Zeiler und sein Team irgendwann einmal mit einer Modellrechnung Antworten geben wollen: Wie wurden die Öfen betrieben? Wie oft und wie lange liefen sie? Wie viele Menschen arbeiteten hier? Waren es Saisonarbeiter, oder lief der Betrieb ganzjährig? Wie war die Schwermetallbelastung? Es bleiben noch viele Unbekannte in dem Kooperationsprojekt des Bochumer Bergbaumuseums, der Uni Bochum und des Landschaftsverbands.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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