Praxis nach Rumänien umgezogen

 Tetris für Fortgeschrittene: Das gesamte Inventar der Praxis von Zahnarzt Rolf Hagelauer wurde in einem Lkw nach Rumänien transportiert. Auch Kleidung, Rollatoren und Lebensmittel waren an Bord. Foto: privat
  • Tetris für Fortgeschrittene: Das gesamte Inventar der Praxis von Zahnarzt Rolf Hagelauer wurde in einem Lkw nach Rumänien transportiert. Auch Kleidung, Rollatoren und Lebensmittel waren an Bord. Foto: privat
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sos - Was tun mit einer Zahnarztpraxis, die nicht mehr gebraucht wird? Behandlungsstühle, Instrumente, Lampen – all das befindet sich noch in einem guten Zustand, viel zu schade für den Container, fand Rolf Hagelauer aus Dreis-Tiefenbach. Zwei Jahre lang hatte der Zahnarzt einen Nachfolger für seine Praxis in der Ortsmitte gesucht – ohne Erfolg. Und nun? Die Antwort hatte einer seiner Patienten. Seit 2009 unternimmt Bernd Morgenschweis Hilfstransporte nach Rumänien, in die Ukraine und nach Moldawien. Dass die Menschen, die dort auf den Dörfern leben, Unterstützung dringend nötig haben, hat er schon bei seinem ersten Besuch schnell erkannt. „Man sieht das immer im Fernsehen, alles ist weit weg. Aber wenn man vor Ort ist, ist das etwas ganz anderes“, so der Herzhausener.

Die langen Fahrten im Lkw bereiten dem 56-Jährigen, der zuletzt acht Jahre lang bei einer Berliner Bank im Vorstand gearbeitet hat, Freude. „Ich mache das privat, um Gutes zu tun. Ich will kein Geld spenden, sondern sehen, dass etwas ankommt“, sagt Morgenschweis. Rolf Hagelauer war schnell überzeugt. Viel Überzeugungsarbeit hat es nicht gebraucht, um ihn für die Idee zu gewinnen, sein Inventar – immerhin etwa 70.000 Euro wert – zu verschenken. „Ich hatte nur einen Siegerländer Bewerber für die Nachfolge, aber der entschied sich dann für eine andere Praxis. Bei dem einzigen anderen Interessenten hatte ich kein gutes Gefühl“, erinnert sich der 65-Jährige. Grundsätzlich sei die Tendenz, sich selbstständig zu machen, bei jungen Zahnärzten offenbar gering. Das liege vielleicht an der Bürokratie, vermutet Hagelauer. Eine Entsorgungsfirma wollte er aber auch nicht beauftragen.

Über seinen Bekannten Jörg Breddermann aus Gevelsberg, der häufig Hilfstransporte organisiert, stellte Bernd Morgenschweis also einen Kontakt zum Verein „Heimkehr“ (Wetter) her und dann zum rumänischen Ort Arad. „Die Menschen dort leben und arbeiten unter ganz anderen Bedingungen als hier. Man kann sich das gar nicht vorstellen“, sagt Morgenschweis. Sie wohnen in einfachen Lehmhütten, versorgen sich mit ihrem Garten und ein paar Tieren weitestgehend selbst, erklärt er, als er das Fotobuch durchblättert, das seine vergangenen Reisen dokumentiert. Anfang Januar wurde die gesamte Praxis in Dreis-Tiefenbach abgebaut. „An nur einem Tag wurde alles verladen. Dass das alles in den Lkw gepasst hat … Das hat toll geklappt“, erinnert sich Rolf Hagelauer. Durch das Fenster im ersten Obergeschoss wurde alles auf einen Gabelstapler gehievt und dann in dem Lkw verstaut. Geholfen haben auch Rumänen, die die Geräte in Arad wieder aufbauen werden. So wissen sie, wie sie später die Anschlüsse verlegen müssen. Um alles zu dokumentieren, hätten sie etliche Fotos geschossen, so Morgenschweis: „Die krempeln die Ärmel hoch und arbeiten mit Augenmaß und Verstand.“

Zusammen mit Jörg Breddermann machte er sich dann auf den Weg nach Arad, das 40 Kilometer hinter der Grenze liegt. Auf der über 1300 Kilometer langen Fahrt wechselten sich die beiden am Lenkrad ab, „das ist dann angenehmer“, so der Herzhausener. Neben dem Inventar von Rolf Hagelauer hatten sie unter anderem auch Rollatoren, Kleidung und Lebensmittel im Gepäck. „Das Schöne ist, dass bei den Transporten alles bei den Menschen ankommt“, so Morgenschweis. Es werde kein Geld für Verwaltung verschwendet, weil alles über das Ehrenamt laufe. Normalerweise müsse man aber viel mehr Hilfe zur Selbsthilfe leisten. „Die Menschen zur Eigeninitiative bewegen“, statt vollgeladene Lkw nach Rumänien zu schicken. Aber das brauche Zeit, und mit den Transporten werde wenigstens kurzfristig Unterstützung geleistet. Für Iona Draga, die rumänische Zahnärztin, die die gesamte Praxis nun bekommt, sei das Geschenk von Rolf Hagelauer in jedem Fall „ein Sechser im Lotto“ gewesen, berichtet Bernd Morgenschweis. Vor allem, weil die Behörden ihr kurz zuvor untersagt hatten, mit ihrem zu alten Sterilisationsgerät weiter zu praktizieren. „Drei Tage später kam der Lastwagen aus Deutschland. Das war für sie ein Geschenk des Himmels. Sie hat so geweint, das war ergreifend.“ Noch ist alles in einem Zwischenlager untergebracht. „Der ursprüngliche Plan war, dass ein neues Gebäude errichtet wird, das der alten Praxis gleicht“, erklärt Morgenschweis. Schließlich seien alle Möbel auf Maß gebaut. Das ist auch für Rolf Hagelauer neu: „Das wär’ ja was!“, freut er sich. Ob das am Ende auch tatsächlich so umgesetzt wird, steht allerdings noch nicht fest. Sicher sei hingegen, dass die Zahnärztin mindestens einmal in der Woche kostenfreie Behandlungen für arme Menschen aus dem Ort anbieten werde, so Morgenschweis. Eine Weile wird es noch dauern, bis die gesamte Praxis wieder aufgebaut ist. Dann jedoch solle Rolf Hagelauer sich das Ergebnis in jedem Fall anschauen, schlägt sein ehemaliger Patient vor. Eine Reise nach Rumänien lohne sich ganz bestimmt, so Hagelauer, das sei eine Überlegung wert. Bis dahin bleibt erst einmal das gute Gefühl, geholfen zu haben. „Es war eine rundum beglückende Sache“, fasst er die Aktion zusammen.

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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