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Suchtberatungen auch im Lockdown hoch im Kurs
Promille keine Problemlöser

Alkohol ist trügerisch. Dass die entspannende Wirkung nicht lange anhält und der Körper Stress anschließend nicht mehr so gut abbauen kann, bleibt vielen lange Zeit verborgen.
  • Alkohol ist trügerisch. Dass die entspannende Wirkung nicht lange anhält und der Körper Stress anschließend nicht mehr so gut abbauen kann, bleibt vielen lange Zeit verborgen.
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  • hochgeladen von Marc Thomas

nja Siegen. Finanzielle Sorgen, Angst um den Arbeitsplatz, Stress im Job, Kurzarbeit, Einsamkeit oder das andere Extrem – der Lagerkoller im Lockdown: Die Coronapandemie verlangt vielen Menschen seit Monaten eine ganze Menge ab. Wenn dann gleichzeitig auch noch Entspannungsmöglichkeiten wegbrechen – sei es der Sport mit Gleichgesinnten, ein Kinogang mit der besten Freundin oder ein gemütliches Abendessen im Freundeskreis –, scheint der Griff zum promillehaltigen Getränk verlockend. In der Hoffnung, einfach mal abschalten zu können. Die Sorgen zu verdrängen. Seine Ruhe zu haben.

Das Team der AWo-Suchthilfe Siegen kann davon ein unschönes Lied singen. „Im vergangenen Jahr hatten wir etwa doppelt so viele Anfragen wie sonst.

nja Siegen. Finanzielle Sorgen, Angst um den Arbeitsplatz, Stress im Job, Kurzarbeit, Einsamkeit oder das andere Extrem – der Lagerkoller im Lockdown: Die Coronapandemie verlangt vielen Menschen seit Monaten eine ganze Menge ab. Wenn dann gleichzeitig auch noch Entspannungsmöglichkeiten wegbrechen – sei es der Sport mit Gleichgesinnten, ein Kinogang mit der besten Freundin oder ein gemütliches Abendessen im Freundeskreis –, scheint der Griff zum promillehaltigen Getränk verlockend. In der Hoffnung, einfach mal abschalten zu können. Die Sorgen zu verdrängen. Seine Ruhe zu haben.

Das Team der AWo-Suchthilfe Siegen kann davon ein unschönes Lied singen. „Im vergangenen Jahr hatten wir etwa doppelt so viele Anfragen wie sonst. Wir mussten eine Warteliste einführen“, sagt Diplom-Sozialpädagogin Cornelia Hartmann, Abteilungsleiterin der Suchthilfe. Droge Nummer 1 dabei: der Alkohol. Über viele telefonische erste Entlastungsgespräche und Onlinekontakte habe man diese Liste wieder abarbeiten können. Auch im derzeitigen Lockdown steht die Tür der Suchthilfe offen – nicht nur bildlich: Das Team ist vor Ort an der Hindenburgstraße präsent; Beratungstermine können vereinbart werden. Gleiches gilt für die Beratungsstelle der Diakonie in Südwestfalen (siehe Infokasten).

Betroffene und Partner melden sich

„Das Gespräch von Angesicht zu Angesicht ist aus mehreren Gründen wichtig“, erklärt Hartmann. „Manchmal ist es schon problematisch, wenn sich während eines Telefonats z. B. der Partner im Nebenzimmer aufhält.“ Es melden sich Betroffene selbst, aber auch deren Partner. Im Lockdown fällt Angehörigen nun z. B. eher auf, wenn zu häufig „getrunken“ wird. Wer keine Verpflichtungen hat, der muss nun nicht mehr bis Feierabend warten, um die erste Flasche zu öffnen.

„Ja, es gibt auch mehr Rückfälle als vor der Pandemie“, sagt Cornelia Hartmann. „Man kann daraus lernen – man muss dann hinschauen und erkennen, woran es gelegen hat, und etwas ändern.“ Jeder, der den Eindruck hat, dass sein eigener Alkoholkonsum zunimmt und mehr Raum im Leben in Beschlag nimmt, kann sich melden – und gegensteuern. Je früher, desto besser. Auch Angehörige melden sich, sind mit ihren Kräften oft am Ende, suchen Rat. Selbstfürsorge ist dann ein Thema. Und es werden Wege aufgezeigt, wie man das kranke System des Abhängigen nicht weiter stützt.

Individuelle Hilfe

„Über die Probleme zu reden, ist der erste Schritt“, sagt die Suchtberaterin. Gemeinsam könne man dann schauen, wie die vermeintliche „Krücke“ Alkohol durch sinnvolle Alternativen ersetzt werden kann: „Wir reden ja nicht nur von chronifiziert kranken Menschen, die eine stationäre Therapie benötigen.“ Wie kann ich z. B. ohne Promillezufuhr entspannen – auch im Lockdown? „Die Menschen sind oft so in ihrem Alltag gefangen, dass sie Naheliegendes nicht mehr sehen“, sagt Cornelia Hartmann. Bewegung an der frischen Luft, „verschüttete“ Hobbies wiederentdecken, dem Tag Struktur geben,
Entspannungsverfahren, die man via CD oder Podcasts lernen und genießen kann: Die AWo-Suchthilfe überlege gemeinsam mit den Betroffenen, was ihnen ganz individuell helfen kann. Bei Bedarf wird natürlich auch an spezialisiertere Beratungsdienste weitervermittelt.

Dazu gehören auch die Selbsthilfegruppen z. B. der Anonymen Alkoholiker (und der Angehörigengruppe Al Anon) sowie des Blauen Kreuzes. Deren regelmäßige Meetings können im derzeitigen Lockdown zwar nicht flächendeckend stattfinden. Weil es um Daseinsfür- und vorsorge geht, hat z. B. das Siegener Ordnungsamt Präsenzangebote der Suchthilfe genehmigt, heißt es aus den Reihen des Blauen Kreuzes im Siegerland. Der bundesweite Dachverband rät derzeit vor allem zu Online-Gruppenstunden oder telefonischen Kontakten.

Professionelle Hilfen
  • Die AWo-Suchthilfe in der Hindenburgstraße 8 in Siegen ist unter Tel. (02 71) 3 86 81 20 auch im Lockdown für Hilfesuchende erreichbar. Montags bis donnerstags, 9 bis 12 Uhr, sowie montags, dienstags und donnerstags von 13.30 bis 16.30 Uhr.
  • E-Mail: suchthilfe@awo-siegen.de, Homepage: www.suchthilfe-siegerland.de.
  • Beratungsstelle für Suchtkranke der Diakonie in Südwestfalen, soziale Dienste: Siegen, Friedrichstraße 27, Tel. (02 71) 5 00 32 20, E-Mail: suchtberatung@diakonie-sw.de, Homepage: www.diakonie-sw.de.
Autor:

Anja Bieler-Barth (Redakteurin) aus Siegen

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