Provokant und poppig

Viermal mussten die Darsteller während des Schlussapplauses auf die Bühne zurück (v. l.): Jessica Friedrich (als Jenny), Nadine Sucharda (als Evelyn), Seth Hulse (Adam) und Nils Wilkinson (Phillip).  Foto: ne
  • Viermal mussten die Darsteller während des Schlussapplauses auf die Bühne zurück (v. l.): Jessica Friedrich (als Jenny), Nadine Sucharda (als Evelyn), Seth Hulse (Adam) und Nils Wilkinson (Phillip). Foto: ne
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ne Siegen. Das Schauspielensemble nennt sich „Desperate Thespians“, was frei übersetzt die „verzweifelten Theaterschauspieler“ bedeutet und schön selbstironisch sowohl auf eine ähnlich betitelte Fernsehserie anspielt als auch auf die Situation anspruchsvoller Theaterproduktionen in Zeiten oberflächlicher Comedy-Kultur verweist.

Vor zwei Jahren fanden sich Studierende und Lehrende des Fachbereichs Anglistik der hiesigen Universität, um englischsprachiges Schauspiel auf Siegener Bühnen zu bringen – und die aufgeweckte, engagierte Truppe findet seitdem schön subversive und intellektuelle, dabei aber bestens unterhaltende Stücke, die auch im Englischen weniger Versierte gut verstehen und mitverfolgen können.

Zur gut besuchten Premiere des aktuellen Stücks fand sich vorgestern ein bunt gemischtes Publikum im Siegener Jugendzentrum Blue Box ein, das provokante Zeitstück „The Shape Of Things“ (dt. „Das Maß aller Dinge“ oder „Die Form der Dinge“) des amerikanischen Autors Neil LaBute interessierte Jugendliche, Studierende, Lehrende und Kulturfans aller Altersstufen gleichermaßen, verhandelt es doch spannende aktuelle gesellschaftliche und generelle ethische Fragen, zum Beispiel, ob die Kunst alles darf, auch auf die Gefahr hin, tiefe Gefühle zu verletzen, mit dem Leben anderer zu spielen und sogar Opfer zu produzieren.

Oder es stellt die Frage, wie weit Menschen sich sowohl körperlich als auch charakterlich verändern lassen, um geliebt zu werden, um dem Bild der geliebten Person zu genügen. Dabei zeigt das als klassisches Konversationsdrama inszenierte Stück in geschliffenen Dialogen und treffsicher hingetupften Szenehäppchen auch die Fixierung der patriarchalischen Konsumwelt West auf die schöne Oberfläche, den Hang, Look und Marke überzubetonen. Die Inszenierung von Jessica Friedrich und Christina Menn glänzt also vor allem durch die hervorragende fünfköpfige Schauspielschar: Nadine Sucharda beeindruckt als taffe Evelyn, deren künstlerische Examensarbeit darin besteht, den schüchternen und unscheinbaren Adam zu einem Womanizer und attraktiv aufgehübschten, selbstbewussten Vorzeigetypen umzubauen – gleichsam eine moderne Version des Pygmalionmotivs mit umgedrehten Geschlechterrollen.

Seth Hulse verkörpert die Wandlung vom schlaksigen No-Name zum marken- und körperbewussten Dynamiker glaubwürdig und mit feinen Nuancen, Jessica Friedrich, die die ehemalige Freundin Adams und aktuelle Verlobte Phillips – des besten Freundes von Adam – spielt, füllt die Figur der Jenny mit genau der mädchenhaften Attitüde und Verletzlichkeit aus, die nötig ist, um den Charakter Jennys zwischen Naivität und Norm auszupendeln.Nils Wilkinson verkörpert mit der Rolle des Phillip den Typus des selbstbewussten Mackers, des Kumpels, dem man zuerst keine tiefen Selbstreflexionen zutraut, der im Lauf des Stückes aber immer differenzierter denkt und fühlt, bis klar wird, dass hinter der Fassade mehr steckt als zelebrierte Breitbeinigkeit.Wilkinson versteht es, namentlich in der dritten, der ersten gemeinsamen Szene, Verve und Emotion in das Stück zu bringen und somit die Handlung voranzutreiben, er legt die Rolle so an, dass sie gleich polarisiert, womit besonders Nadine Sucharda als Evelyn bühnenwirksam korrespondiert.Heute Abend ist um 19 Uhr die letzte Vorstellung dieser empfehlenswerten Aufführung in der Siegener Blue Box mitzuerleben. Dann klärt sich auch die schmucke Rolle Ludwig Anderts als lebendes Inventar, die hier nur angedeutet, aber nicht verraten werden soll. Es gilt also etwas zu entdecken.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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