Prozess landete zuletzt im »Orkus«

Vergewaltigungsverfahren vor dem Siegener Landgericht nahm ein merkwürdiges Ende

pebe Siegen. »Wir drehen uns im Kreis.« Die Feststellung von Staatsanwalt Wolfgang Weiß kennzeichnete ein Dilemma im Prozess gegen einen 20-jährigen Brasilianer vor der 2. großen Strafkammer des Siegener Landgerichts. Dem jungen Mann wird vorgeworfen, eine ebenfalls aus Brasilien stammende 39-jährige Frau als Gast in ihrer Wohnung mehrfach vergewaltigt zu haben. Zwei Tage schon drehte sich das Karussell um unterschiedliche Aussagen, heftige Gefühlsausbrüche, Sprachprobleme und die Suche nach Präzisierung der Vorwürfe. Am dritten Tag sollte ein Zeuge Licht in das immer noch vorhandene Dunkel bringen. Dies hoffte der Staatsanwalt: »Möglicherweise bringt die Aussage mehr.«

Sie brachte die Sicht eines vermeintlich Außenstehenden. Der 52-Jährige hatte die Brasilianerin und deren Gast, die Schwester des Angeklagten, vor einem Jahr durch seinen Beruf kennen gelernt. Es entstand eine Bekanntschaft, die Vertrauenszüge trug. Der Zeuge berichtete, dass er von der zunehmenden Gewalt des Angeklagten gegenüber seiner Gastgeberin erfahren und ihr geraten habe, die Polizei einzuschalten. Dies sei auch geschehen, er selbst habe danach den 20-Jährigen zum Flughafen gefahren und die Umbuchung des Flugs bezahlt. Später sei der junge Mann aber wieder aufgetaucht, und die Situation für die beiden Frauen habe sich zugespitzt.

Viele Details, die auch die 39-Jährige berichtet hatte, bestätigte er. Vom Vorsitzenden Richter Friedhelm Glaremin befragt, ob seine Bekannte ihm von den Vergewaltigungen erzählt habe, nickte der Zeuge, meinte aber dann auch: »Sie hat es nie in dieser Deutlichkeit gesagt.« Eine Liebesbeziehung zur Schwester des Angeklagten, die dieser behauptet hatte, bestritt der Zeuge. Er habe für die junge Frau nur Sympathie empfunden.

Über den Verbleib der jungen Frau entspann sich ein Disput zwischen Verteidiger Volker Niemeck und dem Anwalt der Nebenklägerin, Edgar Grunenberg. Niemeck behauptete, die junge Frau befinde sich noch in Deutschland. Grunenberg und seine Mandantin beteuerten, sie lebe wieder in Brasilien. Auch ein Brief der Mutter des Angeklagten an ihren Sohn, der verlesen wurde, brachte keine weitere Klarheit. Sie gab ihm aber schriftlich den Rat, sich nicht mehr mit der 39-Jährigen zu treffen. Und »wenn alles vorbei ist, fahre sofort zum Flughafen«.

Langes Überlegen der Juristen im Beratungszimmer. Im Prozess eine Pattsituation. Dazu ein sichtlich angespannter Angeklagter. Schließlich dann Beweisanträge des Staatsanwalts: Ein Psychiater solle die Aussagefähigkeit und Glaubwürdigkeit der 39-Jährigen untersuchen und bestätigen, dass sie aufgrund ihrer Traumatisierung keine genaueren Angaben machen könne. Zudem solle die Schwester des Angeklagten gehört werden. Der Verteidiger zeigte sich einverstanden, wollte weitere brasilianische Zeugen hören. Die sollten beweisen, dass es eine Beziehung zwischen seinem Mandanten und der Nebenklägerin gegeben habe. Er halte die Anträge für begründet, meinte Glaremin, allerdings müsse dazu die Verhandlung vertagt und neu anberaumt werden. »Was ist mit dem Haftbefehl gegen den Angeklagten?« Der Staatsanwalt räusperte sich, dann beantragte er, den »Vollzug des Haftbefehls« auszusetzen, der Angeklagte dürfe aber keinen Kontakt zur Zeugin aufnehmen und müsse das Land sofort verlassen.

Und so beschloss denn die Kammer, die Verhandlung zu vertagen und den Haftbefehl aufzuheben, weil ein dringender Tatverdacht derzeit nicht mehr gegeben sei. Ende der Vorstellung, Ende eines quälenden Prozesses. Ob vorläufig oder endgültig, wird sich zeigen müssen.

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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