Quo vadis Hebamme?

 Gerlinde Wascher-Ociepka aus Bad Laasphe demonstriert an ihrer Holzskulptur, wie der Job der traditionellen Hebamme funktioniert. Foto: Holger Weber
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howe - Als die beiden Bad Laaspher Hebammen Doris Kombächer und Gerlinde Wascher-Ociepka vor Jahren ihr Unternehmen „Femily“ auf den Markt brachten, da meldeten sich auch diejenigen zu Wort, die sich mit derartigen „Sprachpanscher“-Begriffen nicht anfreunden konnten. Femily, da steckt „feminin“ für die Frau ebenso drin wie „family“ für die Familie. Für die beiden Hebammen passte der Name zur Hebammen-Praxis wie die Faust aufs Auge, wenn er auch nicht gerade deutsch war. Heute haben die Frauen ganz andere Sorgen. Zur aktuellen Themenwoche „Familie“ fragte die Siegener Zeitung nach: Ist die Hebamme eigentlich noch für die Familie da oder stirbt der Berufsstand aus? Wird es sie noch geben, die Hebamme mit dem Köfferchen, die Mutter, Kind und sogar Hausgeburten begleitet? Letzteres beantwortet Gerlinde Wascher-Ociepka mit einem klaren „Nein“.

Die Bad Laaspher Hebamme mit über 30 Jahren Berufserfahrung hat jüngst erst ihren „Master of Science“ absolviert, sich ständig fort- und weitergebildet, um sich ein weiteres Standbein zu schaffen. „Die Hebamme war immer auch für die Gesunderhaltung der Frau zuständig“, sagt sie. Ihr ging es immer um eine fürsorgliche, vertrauensvolle Betreuung von Mutter und Kind.“ Darum gehe es leider nicht mehr. Die Hebamme, wie sie es einmal ursprünglich war, werde es in Zukunft nicht mehr geben. Gerlinde Wascher-Ociepka arbeitet seit Jahren auch an vorderster politischer Front, hat an Verhandlungstischen mit Politikern und Fachleuten des Gesundheitswesens gesessen. Als aktives Mitglied im deutschen Fachverband für Hausgeburtshilfe hat sie in den vergangenen Jahren um die Haftpflichtversicherung gekämpft. Sie ist vernetzt – wie man so schön sagt – und weiß, wo von sie spricht. „Die Geburt als physiologisches Ereignis wird fast bedeutungslos“, sagt Gerlinde Wascher-Ociepka mit einem Unterton der Ernüchterung.

Die Entwicklung gehe von der Geburtshilfe weg zum Geburtsmanagement, zur Perinatalmedizin, wo das ungeborene Kind als Patient „behandelt“ werde. Dagegen entferne man sich immer weiter von dem physiologischen Ereignis. Da sei die Hebamme 1:1-Betreuung mit fachlicher Qualifikation und Erfahrung gewesen. Insofern sind die Forderungen der Hebammen klar: freie, individuelle Wahl des Geburtsortes, die Selbstbestimmung und Eigenverantwortung der Frau, individuelle Autonomie statt gesellschaftliche Kontrolle über den Nachwuchs. Politik und Krankenkassen gehen da offensichtlich Hand in Hand: Für Hebammen werden keine finanziellen Anreize geschaffen „für die niederfrequente Versorgung von gesunden Schwangeren“, wie Gerlinde Wascher-Ociepka formuliert.

Dagegen setzen Gesundheitspolitik und Krankenkassen ihre Prioritäten in einer ökonomisch effektiveren, planbaren Geburtsmedizin. Die 1:1-Betreuung durch gut ausgebildetes Fachpersonal, die ja viel personalintensiver sei, sei zu kostspielig. „Die Ministerien sagen klar: Da geht das Geld rein, in die technik-intensive Betreuung.“ Das habe, so die Argumentation, Sicherheitsgründe. Die Gesunderhaltung der Mutter stehe weniger im Fokus als das Ungeborene, das als Patient gelte. „Es sollen Risiken vermieden werden“, sagt Gerlinde Wascher-Ociepka.

Hinzu kommen gesellschaftliche Erwartungen, die sich im Laufe der Zeit verändert haben: Geburt ist immer auch mit „beschwerdefrei und gesundem, perfektem Kind“ verbunden. Die Wiederherstellung der Figur habe schnellstmöglich zu erfolgen. Somit finde zunehmend auch das Wochenbett nicht mehr statt. Früher habe die Mutter sechs Wochen „im Wochenbett gelegen“, heute seien es drei Tage. Gerlinde Wascher-Ociepka sieht diese Entwicklung kritisch: „Die Kaiserschnittrate steigt stetig.“

Um einen Kaiserschnitt zu vermeiden, müsse man über ein sehr gutes Wissen verfügen. „Die Technik steht aber im Vordergrund und ist viel ökonomischer.“ Das wiederum führe zu einem „Mangel an handwerklicher Ausbildung bei Hebammen und Ärzten.“ Hebammen, erläutert Gerlinde Wascher-Ociepka, seien eigentlich nur noch in Kliniken oder Perinatalzentren als Arztassistentinnen tätig. Vielleicht noch im Wochenbett in der Nachsorge. Zahlen hat die Hebamme aus Bad Laasphe übrigens auch parat: 398 Hausgeburtshebammen gibt es heute noch in Deutschland. Vor ein paar Jahren waren es noch 500. „Wir hatten mal 1500 und mehr.“

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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