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Angst vor dem Autoverkehr
Radfahrer weichen unerlaubterweise auf Gehwege aus

Feierabendverkehr auf Kochs Ecke. Siegens berüchtigter Verkehrsknoten schreckt viele unerfahrene, aber auch geübte Radfahrer ab. Sie weichen auf Alternativrouten oder vermehrt auch auf Bürgersteige aus. Das ist laut Straßenverkehrsordnung verboten.
  • Feierabendverkehr auf Kochs Ecke. Siegens berüchtigter Verkehrsknoten schreckt viele unerfahrene, aber auch geübte Radfahrer ab. Sie weichen auf Alternativrouten oder vermehrt auch auf Bürgersteige aus. Das ist laut Straßenverkehrsordnung verboten.
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  • hochgeladen von Sonja Schweisfurth (Redakteurin)

tile Siegen. 17 Uhr, Koblenzer Straße: Kochs Ecke. Zwischen den Kolonnen von Autos fühlt man sich als Radfahrer irgendwie als Fremdkörper. Beklemmen oder gar Furcht kommt beim geübten Pedalritter zwar nicht auf, wenn man sich auf die Linksabbiegerspur Richtung City-Galerie einfädelt. Aber angenehm ist es angesichts des Motordröhnens und der Abgaswolken, die einem beidseitig entgegenbranden, auch nicht. Zudem lässt einen der leise Verdacht nicht los, dass die Siegerländer Autofahrer mit dem zweirädrigen Alien auf „ihrer“ Spur nicht so recht umzugehen wissen. Wobei: Die PS-starken Verkehrsteilnehmer fallen an diesem Nachmittag in Sachen Rücksichtnahme insgesamt positiv auf. Trotzdem entspannt sich der SZ-Redakteur erst, als Siegens berüchtigter Verkehrsknotenpunkt hinter ihm liegt.

tile Siegen. 17 Uhr, Koblenzer Straße: Kochs Ecke. Zwischen den Kolonnen von Autos fühlt man sich als Radfahrer irgendwie als Fremdkörper. Beklemmen oder gar Furcht kommt beim geübten Pedalritter zwar nicht auf, wenn man sich auf die Linksabbiegerspur Richtung City-Galerie einfädelt. Aber angenehm ist es angesichts des Motordröhnens und der Abgaswolken, die einem beidseitig entgegenbranden, auch nicht. Zudem lässt einen der leise Verdacht nicht los, dass die Siegerländer Autofahrer mit dem zweirädrigen Alien auf „ihrer“ Spur nicht so recht umzugehen wissen. Wobei: Die PS-starken Verkehrsteilnehmer fallen an diesem Nachmittag in Sachen Rücksichtnahme insgesamt positiv auf. Trotzdem entspannt sich der SZ-Redakteur erst, als Siegens berüchtigter Verkehrsknotenpunkt hinter ihm liegt.

Ausweichen auf Bürgersteige

Viele Radfahrer sind um diese Zeit nicht auf den pulsierenden Hauptschlagadern der Krönchenstadt unterwegs. Dafür wird hier und da auf den Bürgersteigen in die Pedale getreten. Ein Phänomen, dass seit Monaten zunehmend zu beobachten und auch dem ADFC Siegen nicht verborgen geblieben ist. Dr. Jens Kremer, zweiter Vorsitzender des hiesigen Fahrradclubs, bestätigt diesen Eindruck. Aber: „Gehweg ist Gehweg, da darf man nicht fahren“, verweist er auf die Straßenverkehrsordnung (StVO) und bekräftigt den Standpunkt des ADFC. Allerdings müsse man differenzieren, wer sich aus welchen Gründen nicht rechtskonform verhalte. Natürlich gebe es eine „kleine, aber stabile Gruppe von Rücksichtslosen“, die auf Gehwegen und auch in Fußgängerzonen unterwegs sei, räumt Kremer ein. Der weitaus größere Teil aber meide die Straßen aus Unsicherheit oder gar Angst – wegen Situationen wie der oben beschriebenen.

Vor allem ungeübte Radler sind ängstlich

Das ist die Schattenseite des Fahrradbooms: Viele, die erst in jüngster Zeit um- oder nach längerer Pause wieder aufsattelten, seien keine geübten Fahrer, beschreibt der ADFC-Vize die Crux. Dies seien häufig Senioren, die immer mehr auf Pedelecs zu sehen seien. Der Umgang mit den E-Rädern aber will gelernt sein. Unter diesen Voraussetzungen führen die wenigsten gerne auf hochfrequentierten Straßen. Gerade Strecken wie die Frankfurter Straße, die Koblenzer Straße und die Sandstraße in der Siegener Innenstadt, aber auch andere Bereiche, flößten Angst ein, weiß Jens Kremer. Selbst er als erfahrener Radler fühle sich hier nicht sicher und versuche, alternative Strecken zu nehmen. Manche Stellen seien „objektiv gefährlich“.

Zahl der verunglückten Radfahrer gestiegen

Ein Blick in die Verkehrsunfallstatistiken zeigt: Ganz unbegründet ist die Sorge nicht. 2018 verunglückten 105 Radfahrer in Siegen-Wittgenstein, 2012 waren es nur 69. Seit 2016 weist die Polizei auch die Zahlen der Unfälle mit Pedelecs aus: Damals waren es sechs, zwei Jahre später schon 18. Gestorben sind von 2012 bis 2018 vier Radfahrer (darunter ein E-Bike-Fahrer).

Chance vertan

Die Rad-Infrastruktur müsse dringend nachgebessert werden, sagt Jens Kremer. Die Konzepte des Kreises und der Stadt Siegen, an denen der ADFC auch mitwirkt, böten gute Ansätze, müssten aber besser aufeinander abgestimmt werden. Von Verwaltung und Politik wünscht er sich mehr Mut, den Autofahrern Bereiche der Straße „wegzunehmen“, um ein sichereres Fahren mit dem Rad zu ermöglichen. Bei der Neugestaltung der Sandstraße im Bereich des Glashauses (H&M) sei eine Chance vertan worden. Den Hohler Weg hinauf gebe es einige brenzlige Stellen, die beispielsweise angegangen werden müssten.

Respektvoller Umgang hilft

Ein Radschnellweg von Littfeld nach Betzdorf sei sicher gut „und würde uns voranbringen“, sei aber keine Lösung für den Ziel- und Quellverkehr in der Innenstadt, meint Jens Kremer. So lange es hierfür keine Lösungen gebe, würden wohl auch weiterhin Radfahrer auf Gehwege ausweichen und durch Fußgängerzonen fahren (im Schritttempo ist dies an einigen Stellen ohnehin erlaubt). Probleme sehe er darin nicht, wenn man tolerant und respektvoll miteinander umgehe.

Verwarngeld bei Verstößen

Das wiederum bewertet der Seniorenbeirat der Stadt Siegen ganz anders. Er hat kein Verständnis für das Ausweichen auf die Bereiche der Fußgänger (siehe gesonderter Kasten). Und die Polizei mahnt, dass das Fahren auf Gehwegen nur bei entsprechender Beschilderung und von Kindern auch nur bis zur Vollendung des zehnten Lebensjahrs erlaubt ist. Ein Befahren der Fußgängerzone trotz des Verbots durch entsprechende Beschilderung oder ein Geschwindigkeitsverstoß zieht die Ahndung mit einem Verwarngeld nach sich (15 bis 30 Euro).

Kein akutes Problem

Ein akutes Problem sieht die Polizei indes nicht, es handle sich um Einzelfälle. In der Unfallstatistik seien Unfälle als Folge solcher Situationen nicht nachvollziehbar, teilt Sprecher Michael Zell mit. Es habe auch schon Sonderkontrolltage mit dem Schwerpunkt Radfahrer/Pedelecfahrer (E-Bike) gegeben. An diesen Tagen seien präventive sowie repressive Maßnahmen durchgeführt worden.

Kritik des Seniorenbeirats Seit 2015 weist der Seniorenbeirat Siegen nach eigenen Angaben immer wieder auf „Probleme und Gefahren“ hin, die durch widerrechtliches Verhalten der Radfahrer verursacht würden, sagt Helmut Plate, Sprecher des Arbeitskreises öffentliche Sicherheit, Verkehr und Mobilität. Zunächst kritisierten die Seniorenvertreter das „Rasen“ durch Fußgängerzonen. Das Befahren der Gehwege habe in den vergangenen Monaten stark zugenommen. Probleme gebe es auch an Ampeln. Bereits am 29. Mai 2019 hatte der Beirat am Übergang Koblenzer Straße, zwischen den Einmündungen Häutebachweg und Obergraben (Hirsch-Apotheke), von 15.30 bis 16.30 Uhr 28 Radfahrer gezählt, die nicht abstiegen, um ihr Rad beim Queren zu schieben. Die Zahlen habe man auch Polizei und Ordnungsamt übermittelt. „Aber es passiert nichts. Es wird nicht überwacht oder geahndet“, ärgert sich Helmut Plate. Das Versäumnis führe zu einem gesteigerten allgemeinen Unsicherheitsgefühl. Als noch eine Fußstreife bis vor einigen Jahren regelmäßig die Kölner Straße auf- und abgeschritten sei, habe es dort so gut wie keine Verstöße gegeben, erinnert sich Helmut Plate.
Autor:

Tim Lehmann (Redakteur) aus Siegen

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