Rätselhafter Tod weiter ungeklärt

 Günter Stoll starb im Oktober 1984 im Alter von 34 Jahren unter mysteriösen Umständen.  Foto: SZ-Archiv   In Anzhausen lebte der 34-jährige Lebensmitteltechniker, der 1984 unter nach wie vor ungeklärten Umständen zu Tode kam. Die Mordkommission ermittelte damals in alle Richtungen, aber vergebens. Nun könnten DNA-Spuren Klarheit bringen.  Foto: Jan Krumnow
  • Günter Stoll starb im Oktober 1984 im Alter von 34 Jahren unter mysteriösen Umständen. Foto: SZ-Archiv In Anzhausen lebte der 34-jährige Lebensmitteltechniker, der 1984 unter nach wie vor ungeklärten Umständen zu Tode kam. Die Mordkommission ermittelte damals in alle Richtungen, aber vergebens. Nun könnten DNA-Spuren Klarheit bringen. Foto: Jan Krumnow
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ihm - „Wir hoffen, dass es Asservate gibt, aus denen wir DNA gewinnen können.“ Kriminalhauptkommissar Ulrich Kayser von der Mordkommission Hagen kennt den Fall Günter Stoll zwar nur aus den Akten – 1984 war er noch nicht im Dienst – aber sein Jagdinstinkt ist erwacht. Geweckt durch einen Journalisten, der dem fast vergessenen Todesfall auf der Spur war. Christian Steiger von der Zeitschrift Autobild recherchierte die überaus rätselhaften Umstände des Todes von Günter Stoll. Auch im SZ-Archiv machte er sich kundig.

In der Nacht vom 25. auf den 26. Oktober wurde Günter Stoll (34 Jahre) von einem Auto überrollt. Gefunden wurde er in seinem eigenen Golf von einem Lkw-Fahrer. Stoll lag schwer verletzt, blutend und unbekleidet auf dem Beifahrersitz, neben ihm im Fußraum des Fahrersitzes standen ordentlich seine Schuhe.

Stoll war verheiratet und Vater einer Tochter, seit einiger Zeit arbeitslos. Die Kripo in Hagen unter Leitung von Kriminalhauptkommissar Crome rekonstruierte die letzten Stunden des Mannes, der kurz nach seinem Auffinden in einem Hagener Krankenhaus starb. Er hatte Angst, so viel steht wohl fest. Aber wovor, weiß niemand. Seine Frau findet einen Zettel, auf dem er die Buchstabenfolge „YOGTZE“ notiert und dann gleich wieder durchgestrichen hat. Was das bedeutet, weiß keiner. Der Zettel ist verschwunden, die Ehefrau hat ihn in der Todesnacht weggeworfen, sagt sie. Hat es das Blatt mit dem mysteriösen Wort überhaupt gegeben?

„Alle sind gegen mich“, hat er seiner Frau gesagt. Kurz vor 23 Uhr am 25. Oktober will er noch von Anzhausen nach Wilnsdorf fahren. In der Kneipe Papillon bestellt er ein Bier und kippt vom Stuhl. Betrunken aber ist er nicht, ergibt die spätere Blutanalyse. Er habe einen Blackout gehabt, sagt er, trinkt einen Orangensaft und einen Schnaps und verlässt die Kneipe. Mit dem Auto fährt er nach Haigerseelbach, wo seine Mutter und seine Brüder wohnen. Er aber klingelt mitten in der Nacht bei einer 76-jährigen Nachbarin und sagt ihr: „Heut Nacht passiert noch was Fürchterliches.“ Sie hält ihn für betrunken und schickt ihn nach Hause.

Stoll aber kehrt nicht nach Anzhausen zurück, sondern fährt über die Sauerlandlinie Richtung Dortmund. Kurz vor der Abfahrt Hagen-Süd kommt sein Wagen von der Fahrbahn ab und landet total zerstört in der Böschung. Als er gefunden wird, ist der Zündschlüssel abgezogen und liegt auf der Hutablage. Auf dem Beifahrersitz der sterbende Günter Stoll. An seinem Körper kleben Laub und Schmutz. Dem Lastwagenfahrer, der ihn findet, kann er er noch sagen: „Es waren vier dabei.“

Die Mordkommission ermittelt, landet aber – trotz einer ausgesetzten Belohnung von 3000 D-Mark – in Sackgassen. Der blonde junge Mann mit dem blutigen Jackenärmel, den der Lastwagenfahrer am Unfallort gesehen hat, blieb verschwunden. Auch der Anhalter, der in der Todesnacht an der Autobahnauffahrt Hagen-Süd eine Mitfahrgelegenheit Richtung Siegen suchte, meldete sich nicht. Warum Günter Stoll so durcheinander war in dieser Nacht, ließ sich nicht klären. Und was das Wort „YOGTZE“ bedeutet, weiß bis heute niemand. Kommissar Kayser kann es schon nicht mehr hören. Ein- bis zweimal im Jahr rufen Leute an, die das „YOGTZE“-Rätsel lösen wollen. Aber nie machen die Ideen Sinn.

Selbst Eduard Zimmermann verbuchte nach einem aufsehenerregenden Fernsehbericht bei „Aktenzeichen XY“ keinen Fahndungserfolg. Wie die SZ damals berichtete, war die Resonanz auf die Sendung im April 1985 riesengroß. Über 170 Hinweise aus Deutschland und dem benachbarten Ausland gingen ein. Sogar ein vermeintlicher Tatzeuge meldete sich, aber diese Spur verlief wie alle anderen im Sande.

Regelmäßig werden ungeklärte Todesfallermittlungen bei der Kripo wieder aus den Tiefen des Archivs geholt. Viele Fälle hat man in den vergangenen Jahren aufklären können – mit Hilfe der DNA-Analyse. Im Fall Günter Stoll waren die Hoffnungen darauf gering, denn im Kommissariat hieß es, dass die Asservate alle „kaputt“ seien. Das aber ist nicht der Fall, wie sich jetzt auf Nachfrage des Journalisten Christian Steiger herausstellte. Die Kleidung des Opfers, Klebefolien, mit denen man Spuren am Körper gesichert hatte, und ein blutiges Stück Kunststoff aus dem Wagen sind noch vorhanden.

Da jemand den schwerverletzten Günter Stoll ins Auto gesetzt haben muss, nachdem er von einem Auto überrollt worden war, ist es wahrscheinlich, dass sich die DNA dieser Person an einem Beweismittel befindet. Ulrich Kayser hat seine Kriminaltechniker darauf angesetzt, verwertbare Spuren an den Asservaten zu finden. Haben sie Erfolg, wird eine DNA-Analyse gemacht. Und dann muss man auf Ermittlerglück hoffen, denn die schönste DNA nützt nichts, wenn sie nicht mit irgendeiner gespeicherten genetischen Spur übereinstimmt. Mit anderen Worten: Ein Mörder von Stoll müsste in irgendeinem Zusammenhang aktenkundig geworden sein, sonst führen die neuen Errmittlungen wieder ins Leere.

Mehrere Wochen wird es dauern, bis Klarheit herrscht. Bis dahin wird Ulrich Kayser weiter damit leben müssen, dass sein Telefon klingelt und ihm jemand neue Theorien über „YOGTZE“ auftischt.

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