Rasante Sprachästhetik

Nah dran an prekären Lebenswirklichkeiten: Kathrin Röggla. Foto: ne

ne Siegen. Für an neuer deutschsprachiger junger Literatur Interessierte war die Lesung von Kathrin Röggla im Rahmen der von Universität und Apollo initiierten Literaturpräsentationsreihe „poetry@rubens“ (mit dem wohlfeilen Titelkonglomerat aus Anglizismus plus Internet-Icon plus „Namedropping“ mit flämischem Barockmaler) ein echter Gewinn, wenngleich der Literaturgenuss durch zwei Unnötigkeiten ein wenig getrübt wurde. Zum einen gestaltete der Dekan des Fachbereichs 3, Georg Stanitzek, die Anmoderation der Veranstaltung und die Vorstellung der Autorin zu einer durchaus nicht straffen oder kurzen Vorlesung nebst literaturwissenschaftlicher Verortung Rögglas im deutschsprachigen Literaturdiskurs, garnierte seine Ausführungen mit persönlichen beruflichen Befindlichkeiten und plauderte aus dem Nähkästchen diverser Universitätsinterna. So weiß das an Literatur interessierte Publikum nun also, dass Stanitzek mit dem neuen Rektor der Universität unzufrieden ist, aha.

Wer über solcherlei breitbeinige Attitüden hinwegsehen konnte, wurde mit einer sprachlich brillanten und intellektuell agilen Röggla belohnt, die eine Lesefassung ihres 2005 konzipierten und 2006 für den Hörfunk adaptierten Theatertextes „Draußen tobt die Dunkelziffer“ vorlas. Röggla inszenierte den effektvoll montierten Text sprachlich rasant und betonte damit die permutative Stilistik (die Sätze preschen repetierend davon gleich dem Kinderspiel „Ich packe einen Koffer und packe hinein ...“).

Die 1971 geborene und seit 1996 in Berlin-Neukölln lebende Salzburgerin ist mit ihrem Text von hoher Dichte detaillierter Beobachtungen nah dran an prekären Lebenswirklichkeiten etwa des „aussterbenden Mittelstandes“ oder der Oma, die die Kosten der Telekommunikation nicht in den Griff bekommt. Frech und intensiv ist Rögglas postpostmodernistischer Mix aus Textzitaten, Alltagssprachen und Floskeln, die die über ein Dutzend Mal mit Literaturpreisen und Stipendien Ausgezeichnete zu ihrem ureigenem lyrischen Idiom harmonisiert.

Ihre melodiöse, rhythmische Prosa liest die gefeierte Dramatikerin mit flach auf den Tisch gestützten Handflächen vor, knapp auf der Stuhlkante sitzend, quasi im Gestus und Habitus des Aufstehens, Sich-Erhebens. Das passt zu ihrer rasanten Sprachästhetik, wie sie auch mit dem zweiten vorgestellten Text unter Beweis stellt.

Gemeinsam mit dem Künstler und Grafiker Oliver Grajewski gestaltete sie das kürzlich vom Verlag für moderne Kunst herausgebrachte „tokio, rückwärtstagebuch“, das in Text und Bild Eindrücke und Erlebnisse einer Japanreise schildert. Freundlich und interessiert beantwortete die Autorin des am 17. November von der Studiobühne der Uni Siegen aufgeführte Stücks „Wir schlafen nicht“ (die SZ berichtete) im Anschluss an die Lesung Fragen des zahlreich erschienenen Publikums, das zum größten Teil aus Studierenden, namentlich Teilnehmenden des in diesem Semester stattfindenden Seminars zur Autorin bestand, was zum zweiten Wermutstropfen der Veranstaltung führt: Die wiederum von Georg Stanitzek moderierte und kommentierte Fragerunde geriet nicht zuletzt durch (vielleicht vorsorglich durch die Seminarleiterin gebrieft) Detailfragen mutmaßlich zukünftiger Hausarbeiten zu einer ins Apollo verlagerten und damit zwangsläufig öffentlichen Seminarverlängerung.Die Veranstaltungsreihe sollte aber auch für universitär-externe Literaturinteressierte attraktiv gehalten werden.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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