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Zwei Siegener über Vorurteile im Alltag
Rassismus ist ein Struktur-Problem

Die beiden Siegener Sophia Renée Achenbach und Mohammed Kssama haben gelernt, auf eine Welt voller Rassismus ihre ganz eigenen Antworten zu finden.
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  • Die beiden Siegener Sophia Renée Achenbach und Mohammed Kssama haben gelernt, auf eine Welt voller Rassismus ihre ganz eigenen Antworten zu finden.
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sabe Siegen. Es ist diese Art ordentliche Studentenbude, in der Mohammed „Mo“ Kssama begrüßt, die so gar nicht dem gängigen Klischee entsprechen will. Es gibt Schlappen für Besucher, Duftkerzen und Eiswürfel im Wasserglas.

Stereotype, sie halten sich so munter in unserem Kopf, sortieren unser Weltbild. Rassismus funktioniert ähnlich. Einordnungen, Kategorisierungen, Schubladen. Genormt gängige Vehikel formen Zuschreibungen, verbergen sich in Umgang, Sprache, in vielen alltäglichen und nicht-alltäglichen Ungerechtigkeiten, verstecken sich im Schafspelz des „Normalen“, finden ihre Niederkunft in der Frage nach der Herkunft, dem Lob eines vermeintlichen Ausländers für seine guten Deutschkenntnisse, der abgelehnten Bewerberin mit Kopftuch.

sabe Siegen. Es ist diese Art ordentliche Studentenbude, in der Mohammed „Mo“ Kssama begrüßt, die so gar nicht dem gängigen Klischee entsprechen will. Es gibt Schlappen für Besucher, Duftkerzen und Eiswürfel im Wasserglas.

Stereotype, sie halten sich so munter in unserem Kopf, sortieren unser Weltbild. Rassismus funktioniert ähnlich. Einordnungen, Kategorisierungen, Schubladen. Genormt gängige Vehikel formen Zuschreibungen, verbergen sich in Umgang, Sprache, in vielen alltäglichen und nicht-alltäglichen Ungerechtigkeiten, verstecken sich im Schafspelz des „Normalen“, finden ihre Niederkunft in der Frage nach der Herkunft, dem Lob eines vermeintlichen Ausländers für seine guten Deutschkenntnisse, der abgelehnten Bewerberin mit Kopftuch.

Antworten auf Unverständnis und Ignoranz

Der Mord eines weißen Polizisten an dem Afroamerikaner George Floyd in den USA ist dabei trauriger Gipfel eines Gedankengutes, das nahrhaften Boden in vielen Gesellschaftsstrukturen findet, das per Sozialisation quasi durch die Nabelschnur gegeben wird und so unter dem Deckmantel des Alltäglichen für manche Gruppen unsichtbar wird. Rassismus ist für weiße Menschen oft weit weg, wenig greifbar. Für Sophia Renée Achenbach und Mohammed Kssama ist er Alltag. Wie wehrt man sich gegen verletzende Sprüche oder Geschichtsrelativierungen, gegen Unverständnis, Ignoranz und persönliche Übergriffe? Die beiden jungen Siegener haben gelernt, auf eine Welt voller Rassismus ihre ganz eigenen Antworten zu finden. Mit der SZ sprechen sie über Erfahrungen und ihren Umgang mit Diskriminierung.

Stigmatisierung wegen ihrer Hautfarbe

„Ich werde eigentlich fast jeden Tag gefragt, wo ich herkomme“, sagt Sophia. Oft, sagt die angehende Krankenschwester, ließen es sie die Patienten im Krankenhaus (bewusst oder unbewusst) wissen, dass sie durch ihre Hautfarbe nicht in die stigmatisierte Vorstellung eines „typisch“ Deutschen passe. „Alltagsrassismus, das kann man wirklich wörtlich nehmen. Rassismus ist unser Alltag. Oft wird Rassismus ja in die rechte Ecke geschoben. Aber man muss kein Nazi sein, um rassistisch zu denken.“

Ob der ungefragte Griff ins Haar –„sind ihre Haare echt oder ist das eine Perücke?“– oder das Lob für ihre flüssigen Deutschkenntnisse – „bevor gefragt wird, wie es mir geht, steht zuerst eine Abfolge dieser ganzen gängigen Klischeefragen.“ Eine der vielen ähnlichen Szenen hat sich festgesetzt. „Eine Patientin hat einmal zu mir gesagt: ,Sie sprechen sehr gut deutsch dafür, dass sie mit der Flüchtlingswelle hergekommen sind.’“

Nett gemeint, schlecht gedacht

Nicht immer stünde hinter solchen Aussagen eine böse Absicht, sagt Sophia. In vielen Fällen sei sogar ehrliches Interesse die Motivation. „Das ist zwar nett gemeint, aber schlecht gedacht. Natürlich spreche ich deutsch. Ich bin schließlich hier aufgewachsen.“ Und trotzdem: „Wie oft hat meine Mutter den Satz gehört: ,Wo bekommt man denn solch hübsche Adoptivbabys?’“

Die Mutter weiß, aus Deutschland. Der Vater schwarz, aus Kenia. „Ich bekomme auch oft ,Komplimente’ für meine Bräune. Viele sagen dann: ,Du hast ja noch eine schöne Bräune. Cappuccinofarben. So schwarz bist du ja gar nicht.’“ Sie werde, so formuliert es Sophia, dem zugrunde, in einer diskriminierten Gruppe quasi aufgrund ihrer etwas helleren Bräune noch privilegiert. „Einem dieses Gefühl zu geben, je weißer man ist, umso mehr ist man wert, das ist Scheiße in Geschenkpapier.“ Mo nickt. Er kennt das. „Niemand würde sagen: ,Ach, was für ein süßes Vanillebaby’. Ein süßes ,Schokobaby’ ist aber kein Problem.“ Bestimmte Zuschreibungen von der Hautfarbe abhängig zu machen, das, so spricht Mo aus Erfahrung, reihe sich ein in ein strukturelles Gefüge, ein strukturelles Konzept von Rassismus auf welchem dann Privilegien und Vorteile für eine bestimmte, und Nachteile für eine andere Gruppe stehen.

Kolonialzeit wirkt bis heute nach

„Mich hat mal ein Mann gefragt, ob ich auf seiner Plantage arbeiten will“, sagt Sophia. Er habe das lustig gefunden, als Anmache, als Flirt verstanden. Mo erinnert sich an einen Abend im Club. Als er die Straßenseite wechseln wollte, wurde ihm das „N-Wort“ hinterhergerufen. „Einfach so.“ Sophia erzählt von einer Patientin, die sich, nachdem die 21-Jährige den Raum betrat, wegdrehte, um sich dann von einer (weißen) Kollegin behandeln zu lassen. Davon, wie Menschen die Kinnlade herunterklappt, wenn sie sagt, dass sie Abitur hat. „Der schwarze, ungebildete Drogendealer passt viel eher ins gängige Bild.“ Die über Jahrzehnte geformten Vorurteile – Sklaverei und die Kolonialzeit sind nur einige der geschichtsschwangeren Höhepunkte dieser rassistischen Weltanschauung – reichten dabei gut sichtbar hinein in unsere Gesellschaft. „Man muss nur hinsehen“, sagt Sophia. „Wie viele schwarze Männer oder Frauen gibt es in Aufsichtsräten, wie oft spielt ein Schwarzer die Rolle des Kriminellen und nicht die des Helden?“

Mo schließt an. „Wenn ich einkaufen gehe und finde nichts, dann kaufe ich manchmal einfach irgendetwas. Zu oft wurde ich in solchen Situationen schon rausgezogen, als Dieb wahrgenommen.“ Lange Zeit, sagt er, habe er das hingenommen, nicht hinterfragt. „Ich kannte das nicht anders.“ Das, so sagt Mo, tue nicht nur im ersten Moment weh, sondern auch im zweiten. „Wenn einem irgendwann bewusst wird, dass man diese rassistischen Gedanken, dieses geformte Bild von anderen, auf sich selbst und sein eigenes Handeln überträgt.“

Racial Profiling 

„Racial Profiling“, also ein auf äußerlichen Merkmalen basierendes Agieren von ermittelnden Behörden, ist nur ein rassistisch geprägtes Vorgehen, das sich in Schemata des institutionellen Rassismus reiht, das durch Mo und Sophie ein Gesicht bekommt. „Viele Menschen haben eben auch mit von Rassismus betroffenen Menschen wenig Kontakt und müssen sich damit selten auseinandersetzten. Racial Profiling ist für viele nur ein leerer Begriff. Wir erleben das wirklich.“

Was hilft also gegen rassistische Muster, diskriminierendes Gedankengut, gegen Reproduktion? „Bei sich anfangen. Sich informieren, ins Gespräch gehen. Sich seiner Privilegien bewusst machen, zuhören, hinterfragen“, sagt Sophia. „Keiner wird rassistisch geboren, das passiert erst durch Sozialisation.“ Inspiriert von der schwarzen Widerstandsbewegung müsse man als Gesellschaft jetzt weitermachen, neu über Rassismus reden. „Immer wieder. Es muss strukturell etwas passieren. Auf so vielen Ebenen muss immer weiter viel passieren. Mit den Protesten wurde ein Anfang gemacht.“

Die beiden Siegener Sophia Renée Achenbach und Mohammed Kssama haben gelernt, auf eine Welt voller Rassismus ihre ganz eigenen Antworten zu finden.
Die beiden Siegener Sophia Renée Achenbach und Mohammed Kssama haben gelernt, auf eine Welt voller Rassismus ihre ganz eigenen Antworten zu finden.
Autor:

Sarah Benscheidt (Redakteurin) aus Siegen

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