Rausch der Klänge

 Beim dritten Konzert der Musikfestwoche auf Schloss Berleburg musizierten Elena Issaenkova, Vladimir Mendelssohn, Edward King, Nadejda Tzanova und Luz Leskowitz (v.l.). Foto: aww
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aww - Von einem Rausch der Klänge mitgerissen wurden die Zuhörer am Donnerstagabend beim sehr gut besuchten dritten Konzert der diesjährigen, der mittlerweile 42. Internationalen Musikfestwoche auf Schloss Berleburg. „Piano extraordinaire“ wäre kein übertriebener Titel für das Konzert unter dem Motto „Luz Leskowitz stellt vor“ gewesen, bei dem sich die junge bulgarische Pianistin Nadejda Tzanova als Künstlerin mit außergewöhnlicher Begabung präsentierte.

Noch einmal war auch Luz Leskowitz (Violine) mit dabei – zwei weitere Male wird er am Sonntag, bei der Familien-Matinee und beim Abschlusskonzert, auftreten, bevor er als musikalischer Leiter der Konzertreihe, wie berichtet, endgültig Abschied nimmt. Am Donnerstag auch dabei: die Salzburger Solisten Elena Issaenkova (Geige) und Vladimir Mendelssohn (Bratsche) sowie der junge Cellist Edward King, der als Meisterschüler seinen Lehrer Julius Berger vertrat. Berger habe sich in ärztliche Behandlung begeben müssen, erklärte Kulturgemeinde-Vorsitzender Otto Marburger eingangs, beruhigte aber die Anwesenden: „Es ist kein wirkliches Problem.“

Klassisch „aufgeräumt“ gestaltete sich der Beginn mit einem Solo von Nadejda Tzanova, die Haydns Klaviersonate Nr. 31 in As-Dur (Hob. XVI 46) sehr klar, sehr transparent, sehr akzentuiert wiedergab. Die zuweilen schon fast sparsam anmutende Stimmenführung Haydns erfordert ein umso größeres gestalterisches Element vom Interpreten, wobei Tzanovas Spiel Souveränität und Abgeklärtheit ausstrahlte. Bei aller Präzision und Nüchternheit war der Gesamtklangeindruck doch immer von großer Geschmeidigkeit geprägt. 

Liszts „Orphée“ (Poème symphonique), transkribiert von Saint-Saëns für Klavier, Geige und Cello, ließ Nadejda Tzanova flankiert von Leskowitz und King erklingen, ein teils bedeutungsschwer-dunkles, mitunter klagevolles Stück, expressiv, von den Musikern mit tiefer Empfindung gespielt. Die beiden Streicher, die sich in der Melodieführung häufig abwechselten, aber auch gemeinsam agierten, harmonierten gut, gefielen mit schönem, rundem und ausgewogenem Ton.

Zweimal war Tzanova noch solistisch zu vernehmen, mit Werken von Franz Liszt, der Transcendental Étude Nr. 12 „Chasse-neige“ (Schneesturm) und der „Rigoletto Paraphrase“. Ersteres ließ Bilder im Kopf entstehen, ein lautmalerisches Programmstück, dessen rasantes Wirbeln und großzügiges Auftreten chromatischer Läufe etwas vom dichten Durcheinander der weißen Eisflockenpracht bei heftigem Schneefall suggerierten – hier war denn auch das „Verwaschene“, „Enteilende“ in der klanglichen Gestaltung Programm. Letzteres Stück („Rigoletto“) war gekennzeichnet von hoher Virtuosität, rasenden Auf- und Abwärtsbewegungen, aber im ruhigen Teil auch von einer von großer Sensibilität zeugenden, agogisch sehr schön gestalteten Interpretation durch die Pianistin. Die wirkte hernach bei der Entgegennahme des rauschenden Beifalls durchaus erschöpft ob der großen Anstrengung, die Liszt ihr abverlangt hatte. Gleichwohl: Der Einsatz hatte sich zweifelsfrei gelohnt!

Nach der Pause stand „nur“ noch das monumentale f-Moll-Quintett für Klavier, zwei Violinen, Viola und Violoncello von César Franck zur Aufführung an. Bratschist Vladimir Mendelssohn gab eine kurze, recht amüsante Einführung zum Hintergrund des Stücks: eine „verbotene Liebe“ zwischen dem Maestro und seiner Studentin Augusta Holmès, nebst diverser damit verbundener Verwicklungen, versteht sich. Zu hören war ein hoch emotionales, hoch ausdrucksbetontes, teils rauschhaft wirkendes Werk, das die Dimensionen zwischen tiefer Traurigkeit und Melancholie, großer Zartheit und Lieblichkeit, Ungestüm und drängender Impulsivität auslotete. Es war ein sichtlicher Kraftakt für alle Akteure, die sich als geschlossene Einheit präsentierten, leidenschaftlich und klangschön musizierend, namentlich im Finalsatz dynamisch fein differenzierend. Der Zuhörer wurde gerüttelt und geschüttelt von der Vielfalt der Emotionen, die, das mag sein, etwas von der Zerrissenheit des unglücklich Liebenden widerspiegelte. Der Applaus entsprach dem intensiven Hörerlebnis. Ein Werk von derartiger Wucht und Größe, dass sich übrigens eine Zugabe verbot.

Alexander W. Weiß

 

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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