Reichtum an musikalischen Kunstgriffen

capella cantabilis und Johannes Monno konzertierten – Musik von Leipziger Thomaskantoren

sz Siegen. „Thomaskantor” – eine Bezeichnung, die in allererster Linie mit einem Namen in Verbindung gebracht wird: Johann Sebastian Bach. Der große Barockkomponist, der dieses Amt von 1723 bis 1750 bekleidete, gilt zweifellos als Inbegriff der Leipziger Thomaskantoren, ja er steht quasi schon synonym dafür. Freilich gab und gibt es auch vor und nach Bach eine Reihe von „Kollegen” des Meisters, die ebenfalls großartige Musik hervorgebracht haben. Einigen davon widmete sich ein von der Evangelischen Kantorei Siegen veranstaltetes Konzert unter dem Titel „Motetten von Leipziger Thomaskantoren”, das die capella cantabilis unter Leitung von Ute Debus und der Gitarrist Johannes Monno am Samstagabend in der sehr gut besuchten Nikolaikirche in Siegen darboten. Das Programm war zudem gestern Nachmittag noch einmal in der ev. Kirche Erndtebrück bei einer vom Gebrüder-Busch-Kreis initiierten Veranstaltung zu hören.

Das 20-köpfige Vokalensemble eröffnete den Abend in der Nikolaikirche mit der vierstimmigen Motette „Alles Fleisch ist wie Gras” von Johann Adam Hiller (1728-1804), der die Aufgabe als Thomaskantor knapp 40 Jahre nach dem Tode Bachs (1685-1750) übernahm. Ein Werk, dass durch seine facettenreiche Gestaltung gefällt: zu Beginn sehr transparent und atmosphärisch, in der Folge lebhafter und musikalisch-komplex, choralartige Klänge zum Abschluss. Ein gelungener Einstieg, dem mit dem fünfstimmigen Werk „Tristis est anima mea” von Bachs direktem Amtsvorgänger Johann Kuhnau (1660-1722) ein sehr andächtiger Beitrag folgte, dessen weitflächige Harmonien im ersten Teil der Chor superb zum Klingen brachte. Großartige Polyphonie offenbarte die lebhafte fünfstimmige Motette „Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir” von Tobias Michael (1592-1657), bei der sich die capella cantabilis wiederum als kompakter, bestens aufeinander abgestimmter Klangkörper präsentierte.

Sein Können bewies der versierte Gitarrist Johannes Monno anschließend mit Johann Sebastian Bachs viersätziger Sonata II (BWV 1003) für Gitarre, deren erster Satz (Grave) trotz verspielter Melodieführung durch seine enorme Intensität und Emotionalität gefällt. Sehr charakteristisch ist das Thema der breit angelegten „Fuga”, dessen auffällige Wechselton-Motivik sich durch den gesamten Formteil zieht. Mit seinem langsam-schreitenden Charakter bot das Andante dem Gitarristen viele Gelegenheiten zur Ausnutzung interpretatorischer Mittel – Monno gestaltete den Satz einfühlsam und dynamisch sehr wirkungsvoll. Das virtuose Allegro geriet zum mitreißenden Schlusspunkt einer makellosen Darbietung.

Drei Motetten für fünfstimmigen Chor aus „Israelsbrünnlein” von Johann Hermann Schein (1586-1630), der mehr als 100 Jahre vor Bach die Stelle des Leipziger Thomaskantors antrat, ließ dann die capella cantabilis erklingen: das stark von musikalischer Textausdeutung gekennzeichnete „Da Jakob vollendet hatte”, das kunstvolle, mit vielen Verzierungen in den einzelnen Stimmen versehene „Die mit Tränen säen” sowie das abwechslungsreich gestaltete Werk „Unser Leben währet siebzig Jahr”, bei dem jede einzelne Textaussage mit anderen musikalischen Mitteln umgesetzt wird. Nach diesen ergreifenden Darbietungen war noch einmal Johannes Monno zu hören, der die fünfsätzige Suite in G-Dur von Bachs Zeitgenossen Sylvius Leopold Weiss (1686–1750) interpretierte. Vielfältige Gestaltungsmöglichkeiten der Gitarre waren hier zu hören, sei es deren verträumter, lyrischer Charakter beim Prelude, sei es die dynamische Flexibilität, die bei der wunderschönen Sarabande zum Tragen kam, oder sei es das fließende, rasante Spiel beim Allegro.

Reich an musikalischen Kunstgriffen präsentierte sich auch die abschließende, ausgedehnte Bach-Motette für fünfstimmigen Chor „Jesu, meine Freude” (BWV 227), die vom homophonen Choral bis hin zu weitschweifigen Melismen und komplexer Polyphonie alles bot, was die Herzen der Freunde des Chorgesangs erfreut. Selbstredend, dass das Publikum alle Mitwirkenden mit viel Applaus für ihre erstklassigen Leistungen und einen anrührenden musikalischen Abend belohnte. aww

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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