SZ

Vier Tage Urlaub sind Pflicht
Reisen an die Nordsee (bald) erlaubt

Lange werden die Strandkörbe nicht mehr leer bleiben.

mir Siegen. Seit Mitte März sind alle Ferienziele abgeriegelt worden, die ersten Urlauber dürfen jetzt wieder an die Nord- und Ostsee fahren. Was hat Corona mit den Menschen gemacht? Welche Hoffnungen für den Sommer und darüber hinaus haben sie? Die SZ sprach mit zwei Frauen und einem Mann, die ganz besondere Beziehungen zu Langeoog, Usedom und der norddeutschen Küste haben – alle sind im Siegerland aufgewachsen, haben hier noch Familie oder wohnen gar mitten in Siegen.
Hilfsbereitschaft auf LangeoogChristiane Agena geb. Mahrenholz (aufgewachsen in Hilchenbach): Wer hätte das gedacht? Im Januar noch weilte sie in Hilchenbach, besuchte ihren 92-jährigen Vater, den früheren Stadtdirektor. Kurz danach kamen die ersten Nachrichten zu Corona, später die totale Abriegelung der Insel Langeoog.

mir Siegen. Seit Mitte März sind alle Ferienziele abgeriegelt worden, die ersten Urlauber dürfen jetzt wieder an die Nord- und Ostsee fahren. Was hat Corona mit den Menschen gemacht? Welche Hoffnungen für den Sommer und darüber hinaus haben sie? Die SZ sprach mit zwei Frauen und einem Mann, die ganz besondere Beziehungen zu Langeoog, Usedom und der norddeutschen Küste haben – alle sind im Siegerland aufgewachsen, haben hier noch Familie oder wohnen gar mitten in Siegen.

Hilfsbereitschaft auf Langeoog

Christiane Agena geb. Mahrenholz (aufgewachsen in Hilchenbach): Wer hätte das gedacht? Im Januar noch weilte sie in Hilchenbach, besuchte ihren 92-jährigen Vater, den früheren Stadtdirektor. Kurz danach kamen die ersten Nachrichten zu Corona, später die totale Abriegelung der Insel Langeoog. „Anfangs waren wir ziemlich gelähmt, so ganz abgeschottet zu sein“, sagt die seit 15 Jahren auf Langeoog wohnende Hilchenbacherin. Nach dem ersten Schock hat sich viel getan im Ort, die Insulaner sind zusammengerückt, eine große Welle der Hilfsbereitschaft hat sich ausgebreitet: „Wir lassen unsere Alten nicht allein, die Likedeeler stellen sich vor dem Seniorenheim mit Abstand auf und singen für unsere Leute. Der traditionsreiche Langeoog-Chor hat unter Gästen viele Fans. Keiner von ihnen darf da sein. Nur die Handwerker kommen vom Festland mit den Fähren, eigene Familienmitglieder nur im Ausnahmefall (nahender Todesfall) – das fanden viele ungerecht während des Lockdowns.

Keine Gäste, kein Stress

Die Corona-Sperre über so viele Wochen hat Langeoog verändert. „Die Natur holt sich die Insel ein Stück zurück. Plötzlich brüten Kiebitze hier“, sagt Christiane Agena. In den 15 Jahren ist sie dreimal am Strand gewesen, jetzt hat sie dafür wieder Zeit. Ostern kein Gäste, kein Stress. Kinder genießen die viele freie Zeit mit den Eltern, die sonst rund um die Uhr für die Urlauber im Einsatz sind.
Aus der Corona-Sperre und dem veränderten Leben zieht die frühere Hilchenbacherin ihre eigenen Schlüsse: „Wir hatten vor Corona zu viele Gäste.“ Vor zehn und mehr Jahren habe es wenigstens von November bis März eine gästefreie Zeit gegeben, da waren die Insulaner „unner sick“ und froh darüber. Zuletzt keine Spur davon, rund ums Jahr Urlauber im Ort, am Strand und in den Lokalen – keine Auszeit: „Diese ruhige Zeit von früher hatten wir jetzt wieder.“

Bisher nur ein Coronafall

Einen Coronafall hat es auf Langeoog gegeben, ganz in der Anfangsphase. Eine Angestellte hatte das Virus vom Heimaturlaub aus Bayern mitgebracht. Trotzdem halten die Langeooger Abstand zueinander, seit ein paar Tagen tragen sie im Laden Masken, obwohl es keinen Covid-19-Kranken auf der Insel gibt. „Was bringen die Handwerker mit? Das fragen sich die Leute immer noch.“ Zwei Ärzte und einen Rettungswagen hat die Insel, keine Klinik, Schwerkranke werden per Hubschrauber ans Festland ausgeflogen.

Partys sind tabu

In Etappen werden jetzt auch auf Langeoog die Urlauber zurückkehren. „Wir müssen im Sommer umsichtig miteinander umgehen“, mahnt Christiane Agena. Die Begrüßung wird sich ändern müssen, die Gäste sind willkommen, organisierte Partys nicht. Das große Strandvolleyballturnier ist abgesagt worden, was wird aus dem jährlichen Inselvergleich Langeoog-Spiekeroog? Ob die Strandfußballer wieder gegen den TSV Langeoog kicken dürfen? Vor 500 Zuschauern im Stadion mit Naturrasen, ein Traditionsduell seit 50 Jahren. Keiner weiß es.

Spielefest musste ausfallen

Sieglinde Wöhning (gebürtig aus Ruckersfeld): Eigentlich hat sie mehr als eine Heimat: Ruckersfeld sowieso, Bielefeld als Wohnort, seit 24 Jahren eine eigene Ferienwohnung in Heringsdorf/Usedom. In Coronazeiten ist das ohne Belang. „Wir durften Ostern nicht anreisen. Ein Schock, aber was für einer. Wir wollten in der Zeit unser 20. Spielefest am Strand starten. Nichts ging, die totale Enttäuschung.“
Ehemann Heiner Wöhning ist nebenbei passionierter Spiele-Entwickler, zu Ostern waren Verlage und andere Experten aus der Branche eingeladen, diverse Hotelzimmer fest gebucht – alles gecancelt wegen Corona. Tochter Sina ist 24 Jahre jung, bei allen Spielefesten immer aktiv dabei gewesen. „Sie kennt Ostern daheim überhaupt nicht, das ist ihr vollkommen neu gewesen“, sagt Mutter Lindi.
Es sollte das letzte große Spielefest dieser Art werden. Alles auf 2021 verschieben? Sieglinde Wöhning weiß noch nicht, was sie davon halten soll. „Pfingsten fahren wir hoch, das steht fest. Falls nicht jemand die Ferienwohnung bucht.“
Die Sehnsucht nach Usedom und Ostsee sowieso ist ungebrochen. Spontane Entscheidungen gehören dazu. Bei Wöhnings ist nichts unmöglich. Abends Koffer packen und am Morgen losfahren. Ohnehin haben sie einen Plan: Warum nicht ganz nach Usedom ziehen, wenn die Rente durch ist? Ein paar Jahre wird das noch dauern.

Gäste bleiben aus

Guido Müller (Siegen): Bekannt ist er als PR-Profi und FDP-Kreisvorsitzender, in der Freizeit möchte er sein Ferienhaus in Burhave/Wesermündung nicht missen. Der plötzliche Lockdown hat ihn hart erwischt: „Das Haus wäre super vermietet gewesen im März und April.“ Zwischendurch wollte Guido Müller selbst anreisen, den Schuppen streichen, am Deich abschalten – alles gestoppt vom Coronavirus. „Tagsüber hätte ich mich in meinem Ferienhaus aufhalten dürfen, abends hätte ich abreisen müssen.“ Tolle Sache bei über 400 km Anfahrt.

Vier Tage sind Pflicht

Jetzt hat Niedersachsen die harte Front aufgelockert, geht forsch voran, sehr zur Freude des FDP-Mannes: Heute macht sich Guido Müller selbst ein tolles Geburtstagsgeschenk, startet mit der Familie durch an die Wesermündung: „Yepp, wir dürfen wieder hinfahren, müssen sogar vier Tage bleiben. Auflage der Behörden.“ Nach Ostern schon sei der Strand wieder offen gewesen, „vielleicht war auch vergessen worden, ihn zu sperren“.

Ferienhaus abbezahlen

Die Prise Nordsee wird Guido Müller mit den Seinen in vollen Zügen genießen. Und die Anfragen nach dem Häuschen häufen sich, allein acht in den vergangenen paar Tagen. Müller sieht das so: „Die Leute wollen raus. Mit tun die Mieter leid, die im März und April nicht anreisen durften.“
Die Öffnung der Ferienquartiere an der Küste so nahe bei Bremerhafen begrüßt Müller außerordentlich. Weil: „Das Ferienhaus ist über Kredite finanziert, das habe ich nicht einfach mal so bezahlt.“ Die Kosten laufen weiter, Freunde haben für ähnliche Kredite Stundungen erbeten. Dem Liberalen ist im Nachgang der Lockdown etwas aufgestoßen. Als Hausbesitzer keinen Einfluss zu haben, „das habe ich nicht verstanden. Ein bisschen willkürlich ist das schon“.
Burhave ist ein Dorf, keine Event-Location in Sicht. Kochen und am Deich spazieren gehen sind aktuell angesagt. „Da kann doch nicht viel passieren, selbst in Coronazeiten“, sagt der Kreispolitiker. „Privat-Urlaub im Einzel-Ferienhaus, was hat das mit Party zu tun, wo sich viele Menschen auf einmal anstecken können?“

Wer darf was? Auf Langeoog dürfen Eigentümer von Zweitwohnungen (und deren Verwandte ersten und zweiten Grades) anreisen, Mieter von Ferienwohnungen sind ab Montag, 11. Mai, willkommen, Hotelgäste wahrscheinlich ab 25. Mai, Tagesgäste müssen auf dem Festland bleiben. Auf Usedom öffnen Hotels und Ferienwohnungen für Touristen aus anderen Bundesländern ab 25. Mai, maximal 60 Prozent der Betten dürfen vermietet werden.
Autor:

Michael Roth (Redakteur) aus Siegen

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