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Impfstopp wegen erhöhter Thrombose-Gefahr
Risiko-Gegenüberstellung mit Anti-Baby-Pille sinnvoll?

Die Diskussionen rund um die Nebenwirkungen des AstraZeneca-Vakzins werden offline sowie online geführt. Allem voraus: Die Frage, ob die Thromboserisiko-Bewertung im Vergleich zu Verhütungspillen überhaupt ein Grund für einen Impfstopp ist.
  • Die Diskussionen rund um die Nebenwirkungen des AstraZeneca-Vakzins werden offline sowie online geführt. Allem voraus: Die Frage, ob die Thromboserisiko-Bewertung im Vergleich zu Verhütungspillen überhaupt ein Grund für einen Impfstopp ist.
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ap Siegen/Olpe. Die Diskussionen um das AstraZeneca-Vakzin reißen nicht ab. Sind die Nebenwirkungen der Corona-Impfung zu heftig? Oder sind es doch nur reine – und durchaus erwünschte – Immunreaktionen? Vor allem eine Frage kursiert seit Bekanntgabe des Impfstopps im Netz: Ist das Thromboserisiko bei Anti-Baby-Pillen nicht viel höher als bei dem Anti-Corona-Stoff?
„1100 von 1 000 000 Frauen bekommen wegen der Pille eine Thrombose“, heißt es in der vielfach viral geteilten Gegenüberstellung. Nach einer AstraZeneca-Impfung hingegen seien lediglich sechs Menschen von einer Thrombose betroffen. Als Quelle wird die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) genannt. Doch lassen sich die reinen Zahlen und Risiken der beiden Präparate wirklich so einfach miteinander vergleichen?

ap Siegen/Olpe. Die Diskussionen um das AstraZeneca-Vakzin reißen nicht ab. Sind die Nebenwirkungen der Corona-Impfung zu heftig? Oder sind es doch nur reine – und durchaus erwünschte – Immunreaktionen? Vor allem eine Frage kursiert seit Bekanntgabe des Impfstopps im Netz: Ist das Thromboserisiko bei Anti-Baby-Pillen nicht viel höher als bei dem Anti-Corona-Stoff?
„1100 von 1 000 000 Frauen bekommen wegen der Pille eine Thrombose“, heißt es in der vielfach viral geteilten Gegenüberstellung. Nach einer AstraZeneca-Impfung hingegen seien lediglich sechs Menschen von einer Thrombose betroffen. Als Quelle wird die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) genannt. Doch lassen sich die reinen Zahlen und Risiken der beiden Präparate wirklich so einfach miteinander vergleichen? „Nein“, sagt der Olper Hausarzt Jan Patrick Goebel. Denn nicht nur die Thrombose selbst, sondern die „extrem seltene Kombination“ zweier Faktoren spiele bei dem AstraZeneca-Vakzin eine Rolle. „Im Zusammenhang mit den Impfungen sind sowohl das Risiko für eine Blutgerinnungsstörung als auch Thrombosen im Gehirn sehr wahrscheinlich“, erklärt Goebel. Eine typische Nebenwirkung von Hormonpräparaten sei hingegen entweder eine Beinvenen- oder eine Sinusvenenthrombose.

Vor allem Frauen betroffen

Vergleichbare Begleiterscheinungen gibt es bei anderen Medikamenten jedenfalls nicht, weiß Apothekerin Heike Schlechtingen. „Das ist wirklich erstaunlich. Man findet in den Beipackzetteln keine konkreten Nennungen zu Thrombosen und Thromboembolien außer bei Anti-Baby-Pillen“, so die Inhaberin der Linden- und Schwanen-Apotheke in Eisern und Eiserfeld. Abgesehen davon, dass viele dieses Risiko „freiwillig“ in Kauf nehmen – seien Frauen durch die weiblichen Sexualhormone aber ohnehin einem 2,3-fach höheren Thrombose-Risiko ausgesetzt als Männer, merkt die Apothekeninhaberin an. Ob man dadurch eine erhöhte Gefahr für weibliche Impflinge ableiten kann? Heike Schlechtingen hält das jedenfalls nicht für ausgeschlossen. Das Paul-Ehrlich-Institut hatte mitgeteilt, dass die sieben Fälle einer speziellen Thrombose nach einer Impfung mit AstraZeneca Menschen zwischen 20 und 50 Jahren betroffen hätten. Sechs hätten eine Sinusvenenthrombose gehabt, alles Frauen in jüngerem bis mittlerem Alter.

SZ befragt „Impflinge“

Zusammenhang prüfen, Freiwilligkeit zulassen

Was erste Erkenntnisse aber bereits gezeigt haben, ist laut Goebel, dass vor allem junge Menschen von den Blutgerinnseln nach einer AstraZeneca-Injektion betroffen sind. „Der politische Druck ist da natürlich sehr hoch“, so der Mediziner. Wann immer im Rahmen der Behandlung mit neuen Medikamenten Komplikationen auftreten, müsse man einen Zusammenhang zumindest prüfen. „Wir sind sogar dazu verpflichtet, Nebenwirkungen zu melden“, ergänzt Dr. Jens Nalop und warnt vor einer Dramatisierung des Impfstopps. „Das Prüfverfahren dient der reinen Vorsorge“, stellt der Siegener Hausarzt klar. „Und sinnvoll ist es doch, herauszubekommen, ob es bestimmte Krankheitsbilder gibt, die eine Thromboseneigung begünstigen und dadurch bestimmte Personen herauszufiltern und auszuschließen.“ Dies sei zwar ärgerlich und verlangsame das Impftempo, aber: „Würde man den Impfstoff nicht prüfen, wäre es ja auch blöd.“ Dem gegenüber steht der Druck der Pandemie. „Ist es nicht sinnvoll, die Menschen über die Risiken aufzuklären und Freiwillige dennoch weiterhin zu impfen?“, fragt Goebel. „Das sollte die Entscheidung jedes Einzelnen bleiben und wäre in meinen Augen das praktikablere Umgehen damit.“ Denn eine Impfung – auch mit dem AstraZeneca-Stoff – hält der Olper Facharzt für Innere Medizin nach wie vor für wichtig. „Das Risiko ist so gering, dass man es mit gutem Gewissen in Kauf nehmen kann.“

Das ist eine Thrombose

Bei einer Thrombose verhindert ein Blutgerinnsel (Thrombus) in einer Vene oder Arterie das Weiterfließen des Blutes. Das Gefährliche daran: Wird ein Gerinnsel nicht früh genug erkannt und mit Blutverdünnern behandelt, kann es fortgeschleppt werden und zu einer Lungenembolie führen.

Autor:

Alexandra Pfeifer

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