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Jung-Stilling, Marien, Kreisklinikum und Kinderklinik
Rosenbauer fordert Fusion aller vier Krankenhäuser

Dr. Josef Rosenbauer strebt die Fusion der vier Siegener Krankenhäuser an.
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  • hochgeladen von Jan Krumnow (Redakteur)

ihm Siegen. Vier Krankenhäuser gibt es in der „kleinen Großstadt“ Siegen. Zusammen haben sie gut 1800 Betten, allerdings unterschiedlich verteilt: Die DRK-Kinderklinik bringt es auf knapp 160 Betten, knapp 560 meldet das Kreisklinikum, rund 500 hat das Jung-Stilling-Krankenhaus Siegen – dazu gehört das Bethesda-Krankenhaus in Freudenberg mit weiteren rund 180 Betten – und schließlich hat das St.-Marien-Krankenhaus in Siegen etwa 450 Betten.
Die großen Fragen sind: Versorgen diese Kliniken die Bevölkerung im Kreis und darüber hinaus optimal? Macht es Sinn, an den vergleichsweise kleinen Einheiten festzuhalten? Oder wäre ein großes Krankenhaus medizinisch leistungsfähiger? Könnten Patienten schneller und besser behandelt werden?

ihm Siegen. Vier Krankenhäuser gibt es in der „kleinen Großstadt“ Siegen. Zusammen haben sie gut 1800 Betten, allerdings unterschiedlich verteilt: Die DRK-Kinderklinik bringt es auf knapp 160 Betten, knapp 560 meldet das Kreisklinikum, rund 500 hat das Jung-Stilling-Krankenhaus Siegen – dazu gehört das Bethesda-Krankenhaus in Freudenberg mit weiteren rund 180 Betten – und schließlich hat das St.-Marien-Krankenhaus in Siegen etwa 450 Betten.
Die großen Fragen sind: Versorgen diese Kliniken die Bevölkerung im Kreis und darüber hinaus optimal? Macht es Sinn, an den vergleichsweise kleinen Einheiten festzuhalten? Oder wäre ein großes Krankenhaus medizinisch leistungsfähiger? Könnten Patienten schneller und besser behandelt werden? Würden die Kosten durch eine Konzentration steigen oder sinken?
Die Politik sowohl auf lokaler als auch auf Landes- und Bundesebene setzt klare Signale in Richtung größerer Häuser und höherer Fallzahlen für die einzelnen Abteilungen.
Während Kreisklinikum, St.-Marien-Krankenhaus und Kinderklinik angekündigt haben, einen Verbund bilden zu wollen, ist in der Öffentlichkeit der Eindruck entstanden, dass das traditionsreichste Haus, nämlich das Jung-Stilling-Krankenhaus, dabei außen vor steht. Die SZ wollte es aus erster Hand wissen: Will die Diakonie nicht mitmachen bei dem Verbund? Will man alleine bleiben oder hat man ganz andere Pläne zu einer künftigen Zusammenarbeit? Diakonie-Geschäftsführer Dr. Josef Rosenbauer stand im Interview Rede und Antwort.

Wie stehen Sie zu einem Zusammenschluss der Siegener Krankenhäuser?
Weniger Kliniken, weniger Träger, größere Einheiten: Das Krankenhauswesen steckt bundesweit in einem politisch gewollten Prozess des Wandels, der sich nicht zurückdrehen lassen und auch vor dem Siegerland nicht Halt machen wird. Für uns als Diakonie in Südwestfalen war und ist stets die bestmögliche Versorgung der Patienten oberstes Gebot und Antrieb.
Wenn ich eine bessere Versorgung für die Menschen in der Region will, macht es Sinn, ein gemeinsames Haus zu haben.
Deshalb befassen wir uns seit zwei Jahren mit der Frage. Unsere Haltung ist klar: Wir glauben, dass ein Verbund notwendig ist. Deshalb hat die Diakonie letztes Jahr im Sommer weitgehende Beschlüsse gefasst und sich darin für eine Vierer-Vollfusion ausgesprochen. Wenn ich eine bessere Versorgung für die Menschen in der Region haben will, macht es Sinn, ein gemeinsames Haus zu haben, um als attraktiver Arbeitgeber für Mitarbeiter interessant zu sein, aber auch, um als ein Krankenhaus der Maximalversorgung alle medizinischen Gebiete abdecken zu können.

Haben Sie ein Konzept dafür in der Schublade?
Unter dem Arbeitstitel „Eine Klinik für alle(s)“ haben wir ein Konzept erarbeitet, als Grundlage für weitere Gespräche. Wir haben dann neutrale Personen angesprochen und gebeten, dies zu kommunizieren und zu organisieren, um alle an einen Tisch zu bringen. Dazu stehen wir auch heute noch.

Wie soll der Verbund nach Ihrem Konzept aussehen? Eine Holding oder eine echte Fusion?
Wenn wir es richtig betreiben wollen, muss eine Fusion aller vier Kliniken und der dort angeschlossenen Medizinischen Versorgungszentren kommen. Sonst haben sie immer Einzelinteressen. Jedes Aufsichtsgremium muss ja für sein Unternehmen in erster Linie geradestehen. Dann kommen sie immer zu Interessenskollisionen. Deshalb haben wir ja so lange beraten bei uns. Uns geht es gut, wir machen den Vorschlag aus einer Position der Stärke heraus. Aber es ist für uns wie für alle anderen auch natürlich ein Riesenschritt, wenn man sagt, man gibt die Krankenhäuser in so ein Konstrukt hinein.
Die Gremien entmachten sich ja auch selbst.
Genau! Da muss man erst die Notwendigkeit wirklich erkennen, damit es auf Dauer das Beste für die Region wird. Was nicht passieren darf, da haben wir ja Erfahrungen mit dem Kreisklinikum (aus der nicht zustande gekommenen Fusion mit dem Diakonie Klinikum im Jahr 2006, Anm. der Redaktion), dass auf dieser Ebene die Einzelinteressen dann weiter verfolgt werden. Es muss dann wirklich als ein Klinikum, vielleicht als „Klinik Siegen“, verstanden werden.

Wie viele Betten werden am Ende in dem großen Klinikum stehen?
Genau kann man das nicht sagen. Das hängt auch von der Landesentwicklung ab, aber weit über 1000 werden es sein. Realistisch sind etwa 1200 Betten, vielleicht auch mehr. Addieren kann man nicht. Aber es könnten ja dann auch noch Spektren dazukommen, die wir im Moment noch nicht haben.

Gemeinsame Verwaltung, gemeinsame Küche usw. würden dann automatisch Synergieeffekte bringen?
Auf jeden Fall. Nur mal ein Beispiel: Wenn wir alle zusammengehen, könnten wir aus der Wäscherei einen Integrationsbetrieb machen. Das haben wir schon mal vorgeschlagen. Es gibt Riesenfördermittel für Integrationsbetriebe. Wäschereien sind so das klassische Beispiel bundesweit, wo man so was machen kann. Das hätte drei Effekte: Wir kriegen Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung und natürlich auch andere Arbeitsplätze. Wir hätten den Betrieb vor Ort, was aus Umweltsicht sinnvoll wäre. Und die Auslastung wäre gegeben. Kooperationen sind immer sinnvoll, die gibt es ja heute schon. Wir haben ganz viele mit den anderen Krankenhäusern, da wird nur nie drüber gesprochen. Aber das reicht perspektivisch nicht aus. Am Ende muss jeder bei einer Kooperation immer auf seine eigenen Ergebnisse schauen. Da sind die Gremien auch zu verpflichtet. Ich will mal ein Beispiel nennen. Alle Krankenhäuser halten nachts die Chirurgie und die Innere vor. Sie haben also ganz viele Dienste zu besetzen. Wenn sie jetzt ein Betrieb wären, würde sich das deutlich reduzieren.
Da kann man überlegen, ob man einen Facharztstandard nachts im Vordergrunddienst etabliert. Das hat aber auch Auswirkungen auf Assistenzärzte. Denn die fragen ja: Wie viele Dienste muss ich denn machen? Je größer eine Abteilung, desto weniger Dienste. Das hat Riesenauswirkungen und würde der Qualität nicht schaden.

Aber die Standorte würden bleiben? Man kann ja jetzt nicht alles abreißen.
Dem kann man nicht vorgreifen, bevor überhaupt ernsthaft miteinander gesprochen wurde. Endziel müsste schon sein, einen Standort als somatischen Standort zu haben – wann das auch immer ist. Sonst klappt das ja auch wieder nicht mit den Mitarbeitern. Ich rede dabei nicht von zwei, drei Jahren, sondern von zehn, 15 Jahren.

Warum kann man nicht Fachabteilungen an unterschiedlichen Standorten belassen? Herz am Marien und Innere am Stilling zum Beispiel?
Das war der Ansatz, der von manchen verfolgt wurde. Ich halte das nur für bedingt zielorientiert. Weil das Ganze nur dadurch lebt, wenn ich es an einer Stelle habe. Man braucht oft die Hilfe von den anderen, es geht immer mehr um Spezialisierung in der Medizin. Wenn sie lauter Spezialisten für den einen Fall haben und dann aber Experten aus anderen Fächern brauchen, dann ist die schnelle Zugriffszeit auf die Nachbarfächer extrem wichtig. Das zeichnet die interdisziplinäre Zusammenarbeit ja aus. Auf der einen Seite kriegen wir immer mehr Fachwissen, auf der anderen brauchen wir immer mehr interdisziplinäre Zusammenarbeit, um das zu kompensieren.

Können Sie sich vorstellen, dass eines der Häuser dieser künftige gemeinsame Standort sein könnte oder brauchen wir dann doch einen Neubau?
Einen kompletten Neubau brauchen wir, glaube ich, nicht. Man muss über die vorhandenen Ressourcen vernünftig gucken.

Wie ist der aktuelle Stand der Verhandlungen über diese Idee?
Seit 2018 sind wir dran. Am 3. Juli 2019 haben wir dieses Konzept den neutralen Vermittlern vorgestellt mit der Bitte, an die anderen Träger heranzutreten und weiterzuleiten. Wir sind der älteste Krankenhausträger in diesem Kreis. Das ist für uns ein großer Schritt zu sagen: Wir machen das! Es gibt ein fertiges Konzept. Fertig in dem Sinne, wie man es angehen könnte. Nicht die Enddarstellung, sondern wie der Weg sein kann.

Wie ist die Resonanz der anderen?
Es hat aus unserer Sicht lange gedauert, bis eine Resonanz kam. Es gab dann zwei Gespräche mit den Gremienvertretern. Aber im Prinzip warten wir bis heute auf eine Antwort oder auf ein Signal. Die anderen wollten ja einen Dreierverbund machen, darüber hat die Siegener Zeitung ja auch berichtet. Seitdem haben wir keine neuen Erkenntnisse.

Die Pläne zum Dreierverbund haben Sie der Zeitung entnommen?
Ja.

Man spricht doch auch schon mal mit den Kollegen, man kennt sich. Was sagen die Geschäftsführer der anderen Häuser?
Die Gespräche sind ausschließlich über das Beratergremium gelaufen, weil wir feste Absprachen getroffen hatten zu Beginn, dass nichts an die Öffentlichkeit kommt. Da haben wir uns dran gehalten. Aber bisher saßen nie alle an einem Tisch. Das war ja eigentlich unser Anliegen, alle an einen Tisch zu holen. Das hat leider bis heute zumindest mit den Geschäftsführern nicht stattgefunden.

Ist Corona schuld an den langsamen Verhandlungen?
Nur bedingt, glaube ich. Im Dezember war ja von den anderen verkündet worden, wir machen jetzt erst mal den Dreierverbund. Und dann kann die Diakonie, so hat es der Landrat in Ihrem Artikel formuliert, noch dazukommen.

Das ist aber nicht Ihr Ansatz.
Nein, das war nie unser Ansatz. Wir hätten ja zumindest mal vorher gerne gewusst, was die drei denn vereinbart haben oder was sie wollen. Aber auch das wissen wir nicht.

Der Dreierverbund ist bis jetzt nur eine Ankündigung.
Das sollte zuerst im März beschlossen werden, dann im Juni. Wir haben uns damals schon gefragt, wie das gedacht ist. Denn hier (Rosenbauer weist auf den SZ-Artikel vom Dezember 2019) stehen Sachen drin, die funktionieren einfach nicht, rein rechtlich.

Was denn?
Zum Beispiel, dass keine Mehrwertsteuer in der Holding anfällt. Die Krankenhäuser sollen selbstständig bleiben, aber keine Mehrwertsteuer zahlen. Das geht gar nicht. Entweder sind sie selbstständig, dann fällt Mehrwertsteuer an. Andernfalls brauchen sie eine steuerrechtliche Organschaft.
Wir als Holding bei der Diakonie zum Beispiel haben Durchgriffsrecht bis aufs letzte Unternehmen. Dann sind sie eine steuerrechtliche Organschaft. Dann fallen in der Binnenbeziehung keine Steuern an. In diesem Konstrukt, wie das hier steht, ist das nicht der Fall. Da haben wir uns schon gewundert.

Detailfragen werden eine große Rolle spielen, selbst wenn sich alle einig wären, einen Viererverbund zu machen.
Natürlich kommen da 1000 Fragen. Ein Thema ist dabei auch das Wettbewerbsrecht. Wir waren die, die zu Anfang gesagt haben: Leute, das kann ein Problem geben, das kommt darauf an, wie ich die Anfragen stelle. Wenn ich das nur aufs Siegerland beziehe, ist das ein Problem. Wenn ich Südwestfalen insgesamt betrachte, ist das schon was anderes. Da schaut man dann auch auf Gummersbach und Lüdenscheid.

Konkurrenz und Wettbewerb ist eigentlich was Gutes, auch im Gesundheitswesen. Trotzdem sagen Sie, bei den Krankenhäusern müssen wir uns konzentrieren. Geht das nicht auf Kosten des Wettbewerbs und damit der Qualität und Wirtschaftlichkeit?
Ob das auf die Qualität durchschlägt, das kann man so oder so sehen, das weiß heute keiner. Natürlich hat Wettbewerb auch was Gutes, das war immer unsere Auffassung. Die Frage ist nur, wird man in Zukunft genügend Mitarbeiter finden? Richtig gute Mitarbeiter, die auch Innovationen bringen, die muss man erstmal hierhin kriegen. Das ist nicht so ganz einfach, wenn man ehrlich ist. Uns ist das gottseidank in vielen Bereichen gelungen, aber das wird die Hauptaufgabe sein. Da geht es nicht nur um Ärzte, sondern auch um Fachpersonal in der Pflege. Da muss ich eine gewisse Größe haben, eine gewisse Attraktivität, damit ich die Ärzte und Pfleger auch hierhin bekomme.

Sie werden aber, auch wenn der Verbund gelingt, nicht das Niveau eines Universitätsklinikums erreichen.
Wir haben die ganze Frage der Medizinerausbildung komplett ausgeklammert. Aber wenn wir den Zusammenschluss nicht schaffen, dann ist das Thema Uniklinik sowieso erledigt. Das wäre bei einem Zusammenschluss schon schwer, aber in der Situation, in der wir jetzt sind, ist es kaum machbar.

Werden irgendwann Medizinstudenten an Siegener Krankenhausbetten stehen, um die klinische Phase ihrer Ausbildung zu absolvieren?
Ich halte das für möglich, nach wie vor.

Das Gespräch führte Irene Hermann-Sobotka.

Autor:

Irene Hermann-Sobotka (Redakteurin) aus Siegen

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