»Rotes Tuch« und schwarze Roben

»Rotlichtprozess« in seiner 47. Ausgabe mit Gezänk zwischen Zeuge und Verteidigern

pebe Siegen. Wieder betrat der 42-jährige Kriminalhauptkommissar die Arena. Ein gutes Dutzend Gestalten, in schwarze Roben gehüllt, folgte dem Auftritt mit stummer Erwartung. Der Kommissar: ein Zeuge. Und ein »rotes Tuch« für die schwarzgewandeten Anwälte im »Rotlichtprozess« vor dem Siegener Landgericht. So scharrten denn auch mehrere Advokaten im nicht vorhandenen Staub des Gerichtssaals und warteten auf eine Gelegenheit, den Zeugen auf die Hörner zu nehmen. Doch der, bislang eher zurückhaltend und des öfteren mit Erinnerungslücken behaftet, hatte wohl von seinem Vorgänger im Zeugenstand gelernt: Gestern »outete« er sich als »rotes Tuch« und Torero in einer Person.

Thema der Fragestunde im Gericht: Der Kontakt zu jenem hafterfahrenen Privatdetektiv, der an den vergangenen Verhandlungstagen – gestern war übrigens der 47. – als Zeuge ausgesagt hatte. Der Detektiv hatte in einem Brief an die Siegener Staatsanwaltschaft angedeutet, er habe Informationen zur Autobombe. Von Rechtsanwalt Thomas Pusch (Köln) zu Einzelheiten der Vernehmungen des Detektivs gefragt, konnte sich der Kommissar etliche Male nicht erinnern, was Pusch ziemlich erboste. Zu Forderungen des Detektivs nach »Gegenleistungen« meinte der Zeuge, er habe immer klargemacht, dass es keine »Gegenleistungen« für eine Aussage gebe. »Bei ihm lohnte sich nur Beharrlichkeit.«

Beharrlich zeigte sich auch Puschs Kollege Dr. Jürgen Fischer (Frankfurt). Der wollte nämlich eine »Besonderheit« erläutert wissen: Warum auf dem ersten Brief des Detektivs an die Ermittler die Briefmarke mit dem Stempel »Deutsche Post AG – nachträglich entwertet« versehen sei. Da konnte eine Schöffin welterfahren Auskunft geben: Was maschinell nicht erfasst werde, müsse eben per Hand nachgestempelt werden. Seit gestern weiß es also auch der Rechtsanwalt.

Nach der Mittagspause schlich sich häufigeres »Schnauben« in die Verhandlung ein. So bezichtigte Fischer den Kommissar der »Unaufrichtigkeit«, weil dieser sich wieder nicht detailliert erinnerte. Der Kommissar konterte kurz darauf mit der Bitte an Fischer, Fragen so zu stellen, dass er sich als Zeuge deren Sinn nicht selbst konstruieren müsse. Darauf Fischer beleidigt: »Das ist eine Unverschämtheit.«

Lauter wurde es dann gegen Ende des Verhandlungstags. Als Fischer dem Kommissar eine »Unwahrheit« vorhielt, protestierte der Zeuge laut und wurde von dem Anwalt zurechtgewiesen: »Sie halten den Mund.« Da platzte Staatsanwalt Manfred Lischeck der Kragen: Wer denn eigentlich einem Zeugen den Mund zu verbieten habe, wandte er sich an den Kammervorsitzenden. Doch bevor Richter Wolfgang Münker den Mund öffnen konnte, fauchte Fischer den Staatsanwalt an: »Hören Sie doch auf mit Ihrem Präzeptorengehabe« (»Präzeptor« ist übrigens ein veraltetes Wort für Erzieher; d. Red.).

Ob sich die »Kampfeinlagen« im Endlosdrama am kommenden Montag fortsetzen, wird sich zeigen.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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